Friedrich Ani: Zurück zu den Wurzeln
Der Münchner Autor Friedrich Ani hat Krimis, Jugendbücher, Gedichtbände und Drehbücher geschrieben. Und mit „Schlupfwinkel“ zuletzt eine neue Facette offenbart, die tief berührende Geschichte seiner Kindheit als Sohn eines Syrers und einer Schlesierin in Kochel. Nun ist ihm der Literaturpreis der Stadt München zugesprochen worden, der nur alle drei Jahre vergeben wird.
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AZ: Herr Ani, Sie haben siebenmal den Deutschen Krimipreis gewonnen, einen Grimmepreis, die Österreichische Romy und vieles mehr. Was bedeutet für Sie der Münchner Literaturpreis?
Friedrich Ani: Der Preis freut mich deswegen so, weil er ein Preis für Literatur ist und nicht nur für das Krimigenre. Merkwürdigerweise ist München die einzige Stadt, in der mir Jurys schon zweimal - ich habe ja auch den Tukanpreis erhalten - einen Literaturpreis zugesprochen haben. Offensichtlich gibt es hier Menschen, die meine Bücher komplexer lesen. Ich habe ehrlich gesagt nie an diesen Preis gedacht oder damit gerechnet.
Dotiert ist er auch noch mit 10.000 Euro.
Das kommt beglückend hinzu. Anderswo habe ich meist undotierte Preise erhalten.
Vielleicht gehen ja alle davon aus, dass Autoren genug verdienen?
Das ist eine Urban Legend. Viele Leute denken, dass, wenn man in der Zeitung steht oder etliche Bücher verfasst hat, sei das mit Reichtum verbunden. Ist keineswegs so. Man muss schauen, wie man über die Runden kommt.
"Tabor Süden und ich sind allenfalls entfernte Cousins"
Wann hatten Sie das Gefühl, ein Schriftsteller zu sein? Mit der ersten Veröffentlichung?
Nein. Ich bin dermaßen von Zweifeln und Unsicherheiten durchsetzt, dass ich mich zum ersten Mal in der Tiefe meines Bewusstseins als Schriftsteller gefühlt habe, als Raimund Fellinger mich gefragt hat, ob ich nicht endlich zu ihm in den Verlag kommen möchte.
Fellinger, der mythische und vor sechs Jahren verstorbene Lektor von Thomas Bernhard und Peter Handke, hat Sie dann zu Suhrkamp geholt.
Das ist noch keine 15 Jahre her, passierte also wahnsinnig spät in meinem Autorenleben. Da dachte ich, na ja, ist vielleicht doch ganz passabel, was ich schreibe.

Ist Ihre Karriere so geschehen, oder gab es eine Strategie?
Der Scherz des Frühlings: Ich und Strategie! Nein, ich wollte von Jugend an schreiben und hatte das Glück, dass immer wieder Menschen meinen Weg gekreuzt haben, die das ermöglicht haben.
Sie beschreiben in „Schlupfwinkel“ den jungen Friedrich mit einem Hölderlin-Buch auf dem Schulhof. Da erkennt man keinen direkten Weg zum Krimi.M
ein erstes veröffentlichtes Buch „Das geliebte süße Leben“ war 1996 auch kein Genre-Roman. Allerdings erschien im selben Jahr mit „Killing Giesing“ dann doch ein Krimi, im auf Regionalkrimis spezialisierten Emons Verlag in Köln. Das war eine Auftragsarbeit von Verleger Hejo Emons, der dieses Genre quasi erfunden hat. „Killing Giesing“ ist im Kern eine tragische Liebesgeschichte von zwei jungen Menschen, die in eine Fahndung geraten und am Schluss erschossen werden. Echt nicht verkaufsfördernd, aber wir bekamen viele positive Reaktionen. Dann habe ich „Abknallen“ geschrieben über einen Serienkiller, ein Thema, das damals noch nicht so abgenudelt war wie heute, und schließlich „Brennender Schnee“ für den Heyne Verlag und den tollen Lektor Bernhard Matt, der leider nicht mehr lebt. Danach hatte ich allmählich das Gefühl, dass ich mit dem Genre etwas anfangen kann, dass ich künstlerisch weiterkomme. Und 1998 erschien „Die Erfindung des Abschieds“, der erste Tabor-Süden-Roman.
Tabor Süden ist die Ermittler-Figur, die die meisten Leser mit Ihnen in Verbindung bringen und als halbautobiografische Figur wahrnehmen.
Logisch, dass die Erfindung einer Figur, die dann über etliche Romane weiterlebt, etwas mit dem Autor zu tun hat und keine reine Kopfgeburt ist. Dennoch, Süden und ich sind allenfalls entfernte Cousins.
Erleuchtung im Stüberl
Erinnern Sie sich, wie Sie auf die Figur kamen?
Ganz genau sogar. Ich saß im Augustinerstüberl an der Tegernseer Landstraße und sah einen Gast, der völlig verloren wirkte. Da dachte ich, diese verlorene Seele könnte jemand sein, der beruflich Vermisste, Verlorene sucht. Das war völlig intuitiv. So habe ich den Vermisstenfahnder erfunden, ich glaube, den ersten in der deutschen Krimiliteratur. Dann habe ich recherchiert, wie die Polizei in Wirklichkeit arbeitet, und einige hochinteressante Fahnder kennengelernt.
Waren Sie damals manischer Krimileser, hatten Sie Säulenheilige?
Säulenheilige würde ich das nicht nennen, aber Simenon war schon sehr wichtig für mich als Leser, Patricia Highsmith und James Ellroy ebenso. Aber vor allen Dingen habe ich viele Kriminalfilme gesehen. Als ich mit Tabor Süden erfolgreicher wurde, habe ich eine Menge Krimi-Literatur nachgelesen.
Haben Sie je einen Unterschied zwischen Krimi und Literatur gemacht?
Nie. Ich war verblüfft über die starke positive Resonanz auf meinen Vermisstensucher. Ich dachte, das würde eh keiner lesen, arg viel an äußerer Handlung passiert ja nicht in den Geschichten. Aber es gab unglaublich intensive Besprechungen landesweit. In den Feuilletons wurden meine Romane als Literatur wahrgenommen, im Buchhandel seltener, da landeten meine Bücher meist im Krimiregal. Fand ich gewagt, meine Romane neben Action- oder Regionalkrimis zu stellen. Außerdem sind vermutlich viele Leser enttäuscht, die dort die klassischen Krimisachen erwarten.

Sie hätten doch versuchen können, mehr für den Mainstream zu schreiben.
Wenn mir jemand sagt, ich solle etwas so oder so machen, tue ich das garantiert nicht. Erstens, weil ich das nicht mag, und zweitens, weil ich es nicht gut kann. Ich habe in meiner Laufbahn als Drehbuchautor Dinge versucht, von denen ich dachte, ich könnte sie, aber dem war nicht so. Ich kann gewisse Erwartungshaltungen - auch, was Spannungsaspekte in einem Drehbuch angeht - nur unzureichend bedienen. Wahrscheinlich, weil sich zehn Finger und zehn Seelen in mir dagegen sperren, so etwas zu tippen.
Sie waren trotzdem als Drehbuchautor erfolgreich, haben unter anderem drei Münchner „Tatort“-Fälle geschrieben.
Aber die richtig harten, aufwühlenden Filme, „Das unsichtbare Mädchen“ über den Fall Peggy oder „Operation Zucker-Jagdgesellschaft“ über einen Kinderhändlerring, basierten fast ausschließlich auf Recherchen der Journalistin Ina Jung, meiner Frau. Ohne sie hätte es diese Drehbücher, die wir gemeinsam verfasst haben, nie gegeben. Wir haben auch einige „München Mord“-Fälle geschrieben. Alleine hätte ich das nicht geschafft: Die ewigen Besprechungen mit den Redaktionen, die Einwände, das permanente Umschreiben! Da gehe ich dann doch lieber nach Hause und schreibe ein Gedicht. Wenn ich es mir hätte leisten können, hätte ich noch weniger Drehbücher geschrieben.
Sind Sie ein disziplinierter Autor?
Ja, ich bin überhaupt ein sehr disziplinierter Mensch. Das geht mir oft selbst furchtbar auf den Zeiger. Auch neige ich zu extremer Pünktlichkeit, was zum Beispiel in der Filmbranche gar keinen Sinn ergibt.
"Kochel hat wichtige Spuren hinterlassen"
In „Schlupfwinkel“ steht der Satz: „Zwei Fremde zeugen in der Fremde einen Einheimischen.“ Ihre Eltern kamen aus Schlesien und Syrien, der Einheimische in Kochel sind dann Sie. Wann war Ihnen klar, dass Kochel doch nicht ihre Heimat bleiben würde?
Ich denke, als ich so drei Jahre alt war. Ich hatte immer das Gefühl, dass ich weg und in die Großstadt will. Seit meine Mutter vor drei Jahren an Demenz erkrankt ist, bin ich wieder häufiger in Kochel und habe festgestellt, dass es wichtige Spuren hinterlassen hat, dort aufgewachsen zu sein. Die Gegend ist ein Teil meiner Wurzeln, das kann ich nicht leugnen.
Sie haben sich lange gesträubt, autobiografisch zu schreiben. Nun ist „Schlupfwinkel“ ein richtiger Erfolg geworden.
Große Überraschung. Durch die häufigen Besuche in Kochel kamen auf einmal alte Bilder in mir hoch, die mich nicht mehr losgelassen haben, und ich dachte, das schreibe ich mal auf. Nach fünf Wochen war die erste Fassung fertig. Der Text floss mir aus der Hand und aus dem Herzen. Dann habe ich das Manuskript an meinem Lektor geschickt, mit dem Hinweis, es sei nicht zum Veröffentlichen gedacht, er solle es nur einordnen. Aber er meinte, wir sollten das Buch in der vorliegenden Form herausbringen. So intim zu schreiben, war für mich eine seltsame Erfahrung. Ich habe ja auch deswegen so viele Romane geschrieben, damit ich mich als Person darin gut verbergen, meine Biografie auf andere verteilen und mich praktisch unsichtbar machen kann.
Warum sind sie von Kochel nach München gegangen?
Als Kind und Jugendlicher war ich häufig bei meiner Tante zu Besuch in Schwabing. München war kein Fluchtort, sondern Heimat für mich. Und nach langer Zeit, die ich als Erwachsener in Giesing verbracht habe, bin ich nun zurück in Schwabing und fühle mich daheim.
Die Jury lobt, dass Ihre Literatur uns literarisch „in weniger bekannte Seitenstraßen der Stadt führt“. Und in die Stüberl.
Mein Personal sind eher unauffällige Menschen, die halt versuchen, über die Runden zu kommen.
Sie gehören aber nicht zu den Autoren, die im Stüberl schreiben, oder?
Die Gasthausliteratur gibt es doch nur in Österreich. Ich bin auch kein Beobachter im Stüberl, das klingt so nach Voyeur. Ich habe noch nie einen Dialogsatz mitgeschrieben, da käme ich mir wie ein Alltagsspitzel vor.
Wenn Menschen Sie im Stüberl sehen, können sie also beruhigt sein. Sie erscheinen nicht in Ihrem nächsten Roman?
Nein, das wäre das Schlimmste überhaupt. Gerade in München, wo es kaum noch Stüberl gibt, wird das Thema neuerdings ziemlich hochgehängt. Dann erscheinen Bücher über die Stüberl, und ich denke mir: Lassts doch die Leut' in Ruh.
Rückblickend mit den beiden Münchner Literaturpreisen: War die Stadt gut zu Ihnen?
Abgesehen vom Finanzamt München I … Ja, alles in allem schon.

Gab es mal Ausbruchsversuche aus der Stadt?
Klar. West-Berlin war eine extrem verlockende Anlaufstelle. Aber ich habe mich nicht wirklich getraut, den Absprung zu suchen. Ende der 80er Jahre war ich ein paar Monate in Köln. Die Stadt habe ich echt geliebt, die Gasthauskultur und die Mentalität. Auch wenn man in Köln unmöglich allein in Ruhe sein Bier trinken kann. Die wollen sich alle dauernd unterhalten! 1993 habe ich ein Stipendium in Berlin bekommen und war drei Monate dort. Toll, Berlin war immer noch eine Stadt im Umbruch. Aber dann habe ich mich wieder in den Zug gesetzt und bin zurück nach München.
"Ich bin lebenslanges Mitglied beim TSV 1860 geworden"
Sie haben in den letzten Jahren ein paar Mal bei Demos gegen Rechts Ihre Stimme erhoben.
Ich bin gefragt worden, ob ich mich beteiligen möchte und habe dann meist ein Gedicht vorgetragen. München gilt oft als eine behäbige, eine satte, fette Stadt. Aber wenn’s wirklich um was geht, kommt die Stadtgesellschaft dann doch aus den Puschen und kriegt den Arsch hoch. Schon großartig.
Da sich in dieser Stadt sehr viel um Fußball dreht: Haben Sie eine klare Vorliebe?
Ich war jahrzehntelang Bayern-Fan, auch Mitglied, bin dann aber ausgestiegen, weil mir nicht mehr gepasst hat, wie die Führungsspitze des Vereins sich permanent auf allen Kanälen einmischt. Auch den Umgang mit den Trainern fand ich verstörend. Zeitweilig war ich wie ein Ex-Raucher, der eine militante Abneigung gegen Raucher entwickelt. Hab nur noch geschimpft. Inzwischen hat der FCB wieder viele Sympathiepunkte bei mir zurückerobert. Aber da ich ewig in Giesing gewohnt habe, bin ich lebenslanges Mitglied beim TSV 1860 geworden, durch die Einmalzahlung von 1860 Euro. Ich schaue mir auch Spiele der Löwen an, aber nicht im Stadion. Zu viele zu laute Menschen, das packe ich nicht mehr.
Friedrich Ani: „Schlupfwinkel“ (Suhrkamp, 128 Seiten, 18 Euro)
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