Kritik

Freddie Mercury privat wie nie: Seine Verlobte öffnet sein persönliches Archiv

Mary Austin legt zum 80. Geburtstag von Freddie Mercury ein Buch mit unveröffentlichten Notizen, handschriftlichen Songtexten, Skizzen und teils unbekannten Songs vor. Das Buch bietet intime Einblicke in Mercurys Arbeitsweise und liefert neue Fundstücke.
von  Nicola Bardola
Mary Austin mit Freddie Mercury 1979: "Ich liebte ihn damals, wie man jemanden liebt, wenn man jung ist – ohne Strategie und ohne Angst davor, was kommen mochte", schreibt sie in ihrem Buch.
Mary Austin mit Freddie Mercury 1979: "Ich liebte ihn damals, wie man jemanden liebt, wenn man jung ist – ohne Strategie und ohne Angst davor, was kommen mochte", schreibt sie in ihrem Buch. © Mary Austin

Als Freddie Mercury am 24. November 1991 mit nur 45 Jahren starb, kommentierte die AZ tags darauf Barbara Valentins Foto mit "Sie weint" und Mary Austins Foto mit "Sie erbt". Seither hat sich die Haupterbin des Vermögens des Frontmanns von Queen selten zu Wort gemeldet.

Aber nun, zum 80. Geburtstag des Rockstars, holt Freddies Geliebte, Verlobte und Lebensgefährtin Mary Austin mit einem Prachtband weit aus und schildert chronologisch das Leben des als Farrokh Bulsara am 5. September 1946 in Sansibar geborenen Sängers, der als einer der größten Songwriter aller Zeiten gilt.

Wie lebte und arbeitete die "Killer Queen" mit ihrer einzigartigen Stimme, der "Champion of the World" mit seiner mitreißenden Bühnenpräsenz, der Privatmann Freddie Bulsara alias Mercury mit seinen Alltagssorgen hinter seiner Flamboyanz und hinter dem gewaltigen Glamour?

Anekdoten und Erinnerungen

Mary Austin bietet eine einzigartige Innensicht, die in vielen Gesprächen mit dem Autor Andrew Holmes entstanden ist. Das Buch lässt sich wie eine intime Biografie, aber auch wie ein umfassendes Sachbuch lesen, ein bildgewaltiges Werk, das auch durch das sorgfältige Layout besticht: Hinreißend sind Freddies eingestreute Skizzen von zierlichen Feen oder erotischen Spielereien bis hin zum fantasievollen Q-Strich in Queen.

Delilah stieß kurz nach Freddies Einzug in die Garden Lodge zum Katzen-Clan dazu. Die charismatische Katzendame eroberte sich schnell einen ganz besonderen Platz in Freddies Herzen. Er fotografierte sie ständig und schrieb zu ihren Ehren später einen Song für Queens Album "Innuendo", das 1991 erschien.
Delilah stieß kurz nach Freddies Einzug in die Garden Lodge zum Katzen-Clan dazu. Die charismatische Katzendame eroberte sich schnell einen ganz besonderen Platz in Freddies Herzen. Er fotografierte sie ständig und schrieb zu ihren Ehren später einen Song für Queens Album "Innuendo", das 1991 erschien. © Mary Austin

Das Buch besteht aus vier optisch voneinander getrennten Hauptelementen: Der wichtigste Erzählstrang sind Austins Anekdoten, Erinnerungen und Interpretationen; für die historische Einordnung und für grundlegende Informationen sorgen Sachtexte; besondere Extras bieten die Bildlegenden. Kernstück des Buches sind die vielen bislang oft unveröffentlichten und meist handschriftlichen Songtexte. Hinzu kommen Zeichnungen, Skizzen, Dokumente und Fotos.

Dass 35 Jahre nach Freddie Mercurys Tod noch so viel Neues an die Öffentlichkeit dringt, überrascht auch belesene Queen-Experten. Freddie hinterließ nämlich seiner ehemaligen Verlobten und engsten Freundin, seiner wichtigsten Vertrauten und zugleich seiner Sekretärin und Mitarbeiterin Mary Austin nicht nur seine Villa Garden Lodge in London und fast seinen gesamten Besitz, sondern auch sein umfangreiches Archiv, das fast zwei Jahrzehnte umfasst.

Von seinen frühesten Arbeiten vor der Gründung von Queen bis hin zum Ende seiner Solokarriere enthalten Freddies Notizbücher und Skizzen bisher unveröffentlichtes Material, darunter handgeschriebene Lyrics und Kompositionen, beispielsweise abweichende Textfassungen und verworfene Strophen zu "Bohemian Rhapsody" oder mehrere Entwürfe von "Don't Stop Me Now" und auch vollständige und vollkommen unbekannte Songs, die nie aufgenommen wurden. Allein diese Dokumente werden Grundsteine für künftige Queen-Forschungen sein.

Ein Ass mit Nadel und Faden

Mary Austin hofft, "ein klareres Bild davon zu vermitteln, wie viel Hingabe, Disziplin und mühevolle Arbeit es Freddie kostete, jeden einzelnen Song zum Leben zu erwecken. Das ist, kurz gesagt, der Sinn und Zweck dieses Buches".

Sie zeigt den Mann, "der am Flügel saß und komponierte, der unermüdlich sein Handwerk verfeinerte, der nachts aufstand, um Lyrics aufzuschreiben. Der eine Vision für Queen hatte und den bereits der Ehrgeiz packte, als er noch an einem Stand auf dem Kensington Market arbeitete. Der seine Kreativität in alles steckte, was er anging – ob Songs, Kostüme, Musikvideos oder sein Zuhause. Für die Welt war er Freddie Mercury. Doch für mich ist der Mann, den ich kannte und der in jenen Blättern mit Songtexten, Kritzeleien und Notizen zum Vorschein kommt, Freddie Bulsara".

Austin weiß, dass Freddie nie eine Nähmaschine besaß, aber "ein Ass mit Nadel und Faden" war, was ihm zugutekam, als er höchstpersönlich Bühnenkostüme nähte.

Ein frühes Polaroid von Queen – aus Freddies persönlicher Sammlung.
Ein frühes Polaroid von Queen – aus Freddies persönlicher Sammlung. © Mary Austin

In den Jahren vor dem internationalen Durchbruch nutzte Freddie sein Talent, um Marys und seine Wohnung gemütlicher zu gestalten und Kissen zu basteln. Dieses Bild des häuslichen Freddie bildet die Klammer dieses Buches. Dazwischen wird immer wieder deutlich, wie wichtig Austin für Bulsara und später Mercury war.

Arbeit und Alltag

In den Anfangsjahren war es Mary Austins regelmäßiges Einkommen, das es Freddie ermöglichte, seiner Leidenschaft, dem Songwriting nachzugehen. "Wenn ich mir heute die geschriebenen Lyrics ansehe, taucht immer mal wieder meine Handschrift auf. Einmal sieht man unter seiner Schrift einen Namen, den ich für die Arbeit notiert hatte – wenn ihn die Inspiration überkam, schnappte er sich oft irgendeinen Zettel, der gerade herumlag. Wenn ich so etwas sehe, muss ich immer daran denken, wie sich bei uns Arbeit und Alltag vermischten", erinnert sich Austin.

Mary Austin mit Freddie Mercury.
Mary Austin mit Freddie Mercury. © Mary Austin

Zu den Glanzpunkten des Buches gehören Austins Erinnerungen an ihre Person als Inspiration für Songs, unter anderem "Lily of the Valey" oder "Love of my Life".

"Zu jener Zeit hörte Freddie ständig Joni Mitchell, ihr Album 'Court and Spark', vielleicht auch 'For the Roses'. Ich erinnere mich, dass ich ein bisschen eifersüchtig war. Heute klingt das albern, aber trotzdem stimmt es: Joni Mitchell ist die einzige Frau, auf die ich jemals eifersüchtig war!"

Akribisch geht Mary Freddies Worten nach, differenziert zwischen ihren damaligen Gedanken beim Entstehen der Lieder und späteren Erkenntnissen. Dabei spielt Freddies sexuelle Orientierung eine Rolle, sein allmähliches Coming-out innerhalb der Beziehung, dem schließlich Austin kräftig nachhilft.

Auffällige Abwesenheiten

Faszinierend liest sich die Verwandlung der romantischen Liebesbeziehung der beiden in eine lebenslange Verbindung engster Art, die für Austin letztlich die höchste Form von Liebe bedeutet: "Wenn ich hier und jetzt einen abschließenden Gedanken formulieren soll, dann ist es der hier: Liebe ist nicht oberflächlich. Sie ist keine Deko. Sie ist keine Geschichte, die man erzählt, damit sie besser klingt, als sie war. Liebe ist Wahrheit. Sie ist Vergebung. Sie ist Ausdauer. Manchmal ist sie auch anstrengend und verlangt uns einiges ab. Aber in ihr wohnt auch ein Zauber, denn sie gibt unserem Leben eine größere, tiefere Bedeutung. Ich bin froh, dass ich Freddie kennengelernt habe. Durch ihn habe ich gelernt, dass die Liebe das wertvollste Geschenk ist, das das Leben einem machen kann."

Mit diesem Foto illustriert Mary Austin die Entstehungsgeschichte des Songs "Love of My Life".
Mit diesem Foto illustriert Mary Austin die Entstehungsgeschichte des Songs "Love of My Life". © Mary Austin

Auffallend sind die vielen Abwesenheiten in diesem Buch, also die fehlenden Namen von Lebensgefährten und Zeitzeugen wie Freddies heute noch so geschäftiger Assistent und Sekretär Peter Freestone, Freddies Freund und Musiker Peter Straker oder Freddies zwei letzten bedeutenden Liebhaber Winnie Kirchberger und Jim Hutton. Auch Barbara Valentin wird mit keinem Wort erwähnt, obwohl sie noch bei Freddies vorletztem Geburtstag in Garden Lodge links neben ihm an seiner Herzseite saß, rechts neben ihm saß Mary und darum herum ausschließlich männliche Freunde Freddies.

Vollständigkeit strebt Mary Austin nicht an, stattdessen holt sie weniger bekannte Freunde Freddies aus dem Schatten wie Allistair McLaren oder Trevor Clarke und erlaubt mit ihrem selektiven Blick tiefe Einsichten in den Privatmenschen Freddie Mercury und in seine immense Schöpferkraft.


Freddie Mercury mit Mary Austin: "Ein Leben in Songs" (C.H. Beck, 320 durchgehend illustrierte Seiten, 38 Euro), Nicola Bardola ist Autor von "Mercury in München – seine besten Jahre", das gerade als Taschenbuchausgabe erschienen ist (Heyne, 492 Seiten,18 Euro)

merken
Nicht mehr merken
X

Sie haben den Inhalt der Merkliste hinzugefügt.