Kritik

Ein Fall, der Deutschland erschütterte

Peter Probst schreibt in seinem neuen Roman „Am helllichten Tag“ über einen Cold Case aus den 60er Jahren
von  Volker Isfort
Der Schriftsteller und Drehbuchautor Peter Probst.
Der Schriftsteller und Drehbuchautor Peter Probst. © Dominik Rößler/Penguin Random House Verlagsgruppe

Cold Cases, also ungeklärte Kriminalfälle aus der Vergangenheit, sind ein großer Trend bei Krimi-Fans. Als der Münchner Autor Peter Probst von einem lange zurückliegenden Fall aus Pirmasens erfuhr, entflammte sein schriftstellerischer Ehrgeiz.

In seinem Roman „Am helllichten Tag“ - natürlich eine Anspielung an die Dürrenmatt-Verfilmung „Es geschah am hellichten Tag“ (1958) - geht es um den realen Fall von drei Kindern, die in den 60er Jahren in Pirmasens spurlos verschwanden. Der Fall konnte nie geklärt werden.

Probst schickt eine junge Münchner Journalistin aus der Gegenwart auf die Spurensuche. Antonia Papin erhält einen Anruf aus dem Krankenhaus ihrer Heimatstadt Pirmasens, ihrem Vater geht es nicht gut. Ein wenig schuldbewusst - ihre Pflichtbesuche waren allenfalls sporadisch - macht sie sich auf den Weg, kommt aber zu spät. Ihr Vater ist schon tot.

Ein Praktikum bei der Abendzeitung

In ihrem leeren Elternhaus, die Mutter starb, als Toni noch ein Kind war, stößt sie auf einen Brief, den ihr Vater ihr schreiben wollte, um sein Gewissen zu erleichtern: „Ich fange ganz am Anfang an, im Januar 1964. Da war ich neun...“. Dann bricht der Brief ab.

Tonis journalistischer Instinkt ist geweckt, schließlich hat sie die Journalistenschule absolviert (und ein Praktikum bei der Abendzeitung, von dem wir leider nichts Konkretes erfahren).

Blick in die auch im Roman erwähnte Schuhfabrik Peter Kaiser in Pirmasens.
Blick in die auch im Roman erwähnte Schuhfabrik Peter Kaiser in Pirmasens. © picture-alliance / dpa

Was aber hat Erwin Papin sein Leben lang nicht erzählen können? Toni, gerade nicht in ihrer stabilsten Lebensphase, steht nicht nur vor der Entrümpelung ihres Elternhauses, sondern vor der Neujustierung ihres ganzen Lebens. Die offene Beziehung zu einem Münchner DJ hat ihr Haltbarkeitsdatum überschritten und die berufliche Zukunft ist fraglich, weil sie im Netz als polizeibekannte Extremistin diffamiert wird, nachdem sie auf einer Demo für Demokratie eine forsche Rede gehalten hat.

Ein Krimi und ein Stück Sozialgeschichte 

Peter Probst, dessen Krimis häufig eine politische Grundierung haben, belässt es nicht nur bei der historischen Recherche, in die er immer wieder Zeitungsartikel von damals einstreut. Es gibt auch in der Gegenwart ein entführtes Mädchen, das in einem Verlies gehalten wird. Wie aber hängt das alles zusammen?

Als versierter Erzähler entwirft Probst mit der leicht quer im Leben stehenden Toni eine sympathische Protagonistin, die diesen sehr unterhaltsamen und spannenden Krimi trägt. Und ganz nebenbei zeichnet der Autor den Aufstieg und wirtschaftlichen Niedergang einer westdeutschen Provinzstadt, die einst die Hochburg der deutschen Schuhindustrie war. Nun stehen in der Fußgängerzone die Läden leer. Volker Isfort

Peter Probst stellt „Am helllichten Tag“ (Heyne, 334 Seiten, 18 Euro) am Donnerstag, 23. April 2026 um 19 Uhr in der Buchhandlung Glatteis vor, Corneliusstraße 31,
Karten unter - Tel: 089 2014844

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