Die Renaissance in England? Tiefe Seufzer, kühne Ideen!

Voller Widersprüche und Kuriositäten ist die englische Renaissance. Der Anglist Manfred Pfister lässt diesen Kosmos in einem famosen Prachtband aufleuchten, den er am heutigen Mittwoch, 14. Januar, im Münchner Lyrik Kabinett vorstellt
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Nach Elisabeth I. ist die englische Renaissance benannt: Die Queen hat von 1558, da war sie erst 25, bis zu ihrem Tod 1603 das Land regiert. Die letzte Monarchin der Tudor-Dynastie ist hier um 1588 im berühmten Armada-Porträt dargestellt, das vermutlich von George Gower stammt. Elisabeth hat ihre Rechte auf die Weltkugel gelegt, der Anspruch ist überdeutlich, der Untergang der spanischen Armada erst der Anfang.
CPA Media Co. Ltd. / imago 5 Nach Elisabeth I. ist die englische Renaissance benannt: Die Queen hat von 1558, da war sie erst 25, bis zu ihrem Tod 1603 das Land regiert. Die letzte Monarchin der Tudor-Dynastie ist hier um 1588 im berühmten Armada-Porträt dargestellt, das vermutlich von George Gower stammt. Elisabeth hat ihre Rechte auf die Weltkugel gelegt, der Anspruch ist überdeutlich, der Untergang der spanischen Armada erst der Anfang.
Der 82-jährige Anglist Manfred Pfister aus Landshut hatte nach Stationen in München und Passau bis zu seiner Emeritierung 2008 eine Professur an der FU in Berlin, wo er bis heute lebt.
privat 5 Der 82-jährige Anglist Manfred Pfister aus Landshut hatte nach Stationen in München und Passau bis zu seiner Emeritierung 2008 eine Professur an der FU in Berlin, wo er bis heute lebt.
Die Beatles haben einen intensiven Blick auf die frühe Neuzeit geworfen. Auf die melancholischen Songs, davon zeugt etwa „Yesterday“, und auf die radikalen Puritaner, die das Eigentum abgelehnt hatten. John Lennon schrieb 1971 den Song „Imagine“, auch da geht es um „no possessions“.
Keystone Press Agency / imago 5 Die Beatles haben einen intensiven Blick auf die frühe Neuzeit geworfen. Auf die melancholischen Songs, davon zeugt etwa „Yesterday“, und auf die radikalen Puritaner, die das Eigentum abgelehnt hatten. John Lennon schrieb 1971 den Song „Imagine“, auch da geht es um „no possessions“.
Der Beste überhaupt und der Großmeister der englischen Renaissance-Literatur: William Shakespeare im so genannten Chandos-Porträt, das zwischen 1600 und 1610 entstanden sein dürfte.
CPA Media Co. Ltd. / imago 5 Der Beste überhaupt und der Großmeister der englischen Renaissance-Literatur: William Shakespeare im so genannten Chandos-Porträt, das zwischen 1600 und 1610 entstanden sein dürfte.
Mit den Liedern John Dowlands erfolgreich: Sting und der Lautenist Edin Karamazov in der Berliner Philharmonie.
Brigani Art / Heinrich / imago 5 Mit den Liedern John Dowlands erfolgreich: Sting und der Lautenist Edin Karamazov in der Berliner Philharmonie.

 

Man muss Manfred Pfister einfach zuhören. Niemand erzählt so kundig, spannend und mit so charmantem bayerischen Akzent über Shakespeare, Good Queen Beth und die „Englische Renaissance“, der er nun sein Opus magnum gewidmet hat. Ohnehin kommt man aus dem Staunen nicht heraus, denn neben feinsinnigen Sonetten werden kühne Utopien und genauso die Derbheiten des menschlichen Daseins verhandelt.

Der 82-jährige Anglist Manfred Pfister aus Landshut hatte nach Stationen in München und Passau bis zu seiner Emeritierung 2008 eine Professur an der FU in Berlin, wo er bis heute lebt.
Der 82-jährige Anglist Manfred Pfister aus Landshut hatte nach Stationen in München und Passau bis zu seiner Emeritierung 2008 eine Professur an der FU in Berlin, wo er bis heute lebt. © privat

AZ: Herr Pfister, die Renaissance verbindet man vor allem mit Italien, mit der Kunst und der Architektur. England hat man weniger auf dem Schirm.

MANFRED PFISTER: Vor allem hat man den Begriff „Englische Renaissance“ nicht auf dem Schirm. Man spricht eher von der Shakespeare-Zeit oder vom elisabethanischen England. Dass diese Periode fruchtbar war und bedeutende Literatur und Musik hervorgebracht hat, weiß man. Für mich ist der ganz große Reiz, dass alles aufblüht, nicht nur die Künste, sondern auch die Wissenschaften, die Technik. Es geht um die Weltentdeckung. Das ist viel weiter gefasst als bei den Italienern.

Der Beste überhaupt und der Großmeister der englischen Renaissance-Literatur: William Shakespeare im so genannten Chandos-Porträt, das zwischen 1600 und 1610 entstanden sein dürfte.
Der Beste überhaupt und der Großmeister der englischen Renaissance-Literatur: William Shakespeare im so genannten Chandos-Porträt, das zwischen 1600 und 1610 entstanden sein dürfte. © CPA Media Co. Ltd. / imago

William Shakespeare nennt sein 1599 gegründetes Theater The Globe. Ist das der Anspruch, das ganz Leben mit all seinen Facetten abzubilden?

Das meine ich schon. Diese englische Renaissance ist nicht zaghaft, sie ist in vielem sogar kühner als die italienische. Die Entdeckung des Blutkreislaufs war in England eine bahnbrechende Sache. Dass sich die Medizin dem weiblichen Körper zuwendet, ist ja nicht außergewöhnlich, aber in England mit einer anderen Konsequenz.

Eine Frau schreibt über den weiblichen Körper - und die Lust

Inwiefern?

Das erste bedeutsame Lehrbuch der Hebammenkunst wurde von einer Engländerin geschrieben! Völlig logisch, dass die Frauen gesagt haben, wir kennen doch unseren Körper und auch das geschlechtliche Begehren. Die Männer können darüber auf Lateinisch faseln, aber wir tun es sehr präzise und in unserer Sprache.

Frauen hatten zwar auf der Bühne nichts zu suchen, aber man gewinnt dennoch den Eindruck, dass sie sich keineswegs geduckt haben.

Es gibt einige protofeministische Figuren, die dann in deutlicher Konsequenz aus der Sicht der Frau argumentieren. Unter den Schriftstellerinnen etwa dreht Lady Mary Wroth das übliche Verhältnis um: Bei ihr besingt eine Frau ihren Liebhaber. Und die Theaterautorin Aphra Behn schreibt ein „lesbisches“ Gedicht über die Androgynie.

Shakespeares Sonette handeln hauptsächlich von zwei Männern

Virginia Woolfs „Orlando“ kommt nicht von ungefähr.

Die Vorstellung, dass es zwei Geschlechter gibt und dazwischen nichts, wurde ja nicht nur in England infrage gestellt. Dass es aber sinnvoller ist, das Geschlechtliche nicht „so oder so” zu denken, sondern „mehr oder weniger”, verändert die ganze Situation. Man kann mehr oder weniger männlich oder weiblich sein. Alle diese Zwischenbereiche erregen besonderes Interesse. Nehmen Sie die Sonette von Shakespeare, die zu den großen Leistungen der englischen Renaissance-Dichtung gehören: Sie handeln nicht von einem Mann und einer Frau, sondern hauptsächlich von zwei Männern.

Mit den Liedern John Dowlands erfolgreich: Sting und der Lautenist Edin Karamazov in der Berliner Philharmonie.
Mit den Liedern John Dowlands erfolgreich: Sting und der Lautenist Edin Karamazov in der Berliner Philharmonie. © Brigani Art / Heinrich / imago

Die Tränen fließen in Strömen

Die Liebe ist tränenreich und voller Melancholie. John Dowland will in seinem bekanntesten Lied nur noch „in der Finsternis weilen und singt „Flow My Tears“. Am Gärtnerplatztheater hatte der Tenor Kobie van Rensburg zum Renaissance-Liederabend einen Eimer dabei. „Der wird heute voll“, war sein Kommentar.

„Semper Dowland, semper dolens“, also „Immer Dowland, immer in Schmerzen“ hat der Komponist selbst eine seiner Pavanen für Laute genannt. Die Melancholie war nicht nur in seiner Dichtung ein entscheidendes Kriterium - bei Shakespeare wird mit dem Hamlet ein Melancholiker zur zentralen Figur. Und Dowland war mit seinen Songs quer durch Europa höchst erfolgreich, der dänische König bezahlte ihm ein horrendes Salär. Durch die Alte-Musik-Bewegung im 20. Jahrhundert erfahren Dowlands Lautenlieder wieder einen großen Auftrieb, Sting hat es damit 2006 in die internationalen Charts geschafft.

Die Beatles waren fasziniert von der puritanischen Eigentumslosigkeit

Die Beatles haben einen intensiven Blick auf die frühe Neuzeit geworfen. Auf die melancholischen Songs, davon zeugt etwa „Yesterday“, und auf die radikalen Puritaner, die das Eigentum abgelehnt hatten. John Lennon schrieb 1971 den Song „Imagine“, auch da geht es um „no possessions“.
Die Beatles haben einen intensiven Blick auf die frühe Neuzeit geworfen. Auf die melancholischen Songs, davon zeugt etwa „Yesterday“, und auf die radikalen Puritaner, die das Eigentum abgelehnt hatten. John Lennon schrieb 1971 den Song „Imagine“, auch da geht es um „no possessions“. © Keystone Press Agency / imago

Zieht sich diese „Elizabethan Melancholy“ nicht mindestens bis zu „Yesterday“ von den Beatles?

Sicher. Die Beatles haben durchaus auf die frühe Neuzeit geschaut. Damals gab es die radikalen Puritaner. Das waren eigentlich religiös inspirierte Leute, die die Meinung vertraten, die Welt gehört nicht nur einzelnen, sondern allen. Die radikalsten Vertreter waren die Levellers, die mit ihrem Anführer Gerrard Winstanley 1649 auf St. George’s Hill in Surrey eine Gemeinschaft gründeten. Die Beatles haben zwei, drei Songs geschrieben, die eigentlich dieses Konzept propagieren. „Imagine no possessions / I wonder if you can / No need for greed or hunger / A brotherhood of man…”. John Lennon ließ sich zu diesen Zeilen inspirieren, als er beim St. George’s Hill ein Haus bezogen hatte.

In der italienischen Renaissance schreiben Gelehrte und Adlige. Wie ist das in England?

Viele Autoren kommen aus praktischen Berufen oder haben dort ihre Wurzeln. Da wären Seeleute zum Beispiel oder Kanalbauer. Der Vater von Christopher Marlowe war Schuster, der von Shakespeare Handschuhmacher. In der italienischen Renaissance waren die Träger der Kultur hauptsächlich klassisch gebildete Leute und von Beruf oft genug Juristen.

Ist die Sprache in der englischen Literatur deshalb oft so lebensnah, saftig, ja deftig?

Es ging jedenfalls nicht darum, einen möglichst gebildeten Ton anzuschlagen, der demonstriert, dass man mit dem Lateinischen und dem Griechischen vertraut ist, sondern um die Vielfalt des Englischen. Trotzdem war es eine kulturelle Aufgabe für das England dieser Phase, eine Sprache zu entwickeln, die ein großer Prozentsatz der Bevölkerung spricht oder über die man sich verständigen kann.

Elisabeth I. war die Klügste unter Europas Monarchen

Nach Elisabeth I. ist die englische Renaissance benannt: Die Queen hat von 1558, da war sie erst 25, bis zu ihrem Tod 1603 das Land regiert. Die letzte Monarchin der Tudor-Dynastie ist hier um 1588 im berühmten Armada-Porträt dargestellt, das vermutlich von George Gower stammt. Elisabeth hat ihre Rechte auf die Weltkugel gelegt, der Anspruch ist überdeutlich, der Untergang der spanischen Armada erst der Anfang.
Nach Elisabeth I. ist die englische Renaissance benannt: Die Queen hat von 1558, da war sie erst 25, bis zu ihrem Tod 1603 das Land regiert. Die letzte Monarchin der Tudor-Dynastie ist hier um 1588 im berühmten Armada-Porträt dargestellt, das vermutlich von George Gower stammt. Elisabeth hat ihre Rechte auf die Weltkugel gelegt, der Anspruch ist überdeutlich, der Untergang der spanischen Armada erst der Anfang. © CPA Media Co. Ltd. / imago

Elisabeth I. hat damals regiert, diese florierende Epoche ist auch nach ihr benannt.

Sie hat es ja auch perfekt verstanden, sich ein ideales Image zuzulegen. Elisabeth war überall präsent, nicht nur in England, sondern in ganz Europa. Es gab einen „Cult of Eliza“, die Königin wurde von Dichtern und Malern beweihräuchert. Von ihr sind ungefähr 20 Bildnisse überliefert, die zu den Meisterwerken der Porträtkunst zählen und die immer bestimmte politische Aspekte ihrer Person und ihres Handelns betonen.

Aus heutiger Sicht wirkt sie unglaublich streng.

Sie hat ihre Jungfräulichkeit als Stärke betrachtet und diese „Unnahbarkeit“ entsprechend herausgestellt. Die kontinentalen Königshäuser bemühten sich um eine eheliche Verbindung mit ihr, und Elisabeth konnte sie alle geschickt gegeneinander ausspielen. Das hat ihr internationales Prestige nur noch verstärkt. Sie war aber auch die bei weitem Gescheiteste unter den gekrönten Häupter Europas. Elisabeth konnte Latein und Griechisch wie ein klassischer Philologe, dazu hat sie ein halbes Dutzend anderer Sprachen beherrscht. Sie war eine wunderbare Tänzerin, Musikerin, hat gedichtet und schwierige Texte gut übersetzt. Eine bewundernswerte Frau! Elisabeth umgab sich aber auch mit Leuten, die sie weitergebracht haben.

Harrington beschert der Queen ein Klo mit Wasserspülung

Sie scheint auch offen für naturwissenschaftliche oder technische Neuerungen gewesen zu sein.

Das hat die ganze Epoche bestimmt, aber John Harringtons Wasserklosett mit Spülmechanismus war tatsächlich eine Konstruktion nur für die Königin. Dazu hat er ihr noch ein Gedicht geschrieben.

Die Toilette ist nicht die einzige Erfindung, die man später datieren würde. Auch eine Rede von Thomas Morus zur Fremdenfeindlichkeit ist wirklich verblüffend. Wie kam es dazu?

Vom Kontinent sind im 16. Jahrhundert viele ins prosperierende England ausgewandert: Maurer und Schreiner, Seeleute, auch Künstler oder Komponisten und genauso arbeitslose Flüchtlinge. Während die Tudors mächtig stolz darauf waren, dass England zur begehrten neuen Heimat wurde, ging in der Bevölkerung die Angst um. Vor allem bei den weniger Bemittelten. Es kam sogar zum Aufstand. Der Humanist Thomas Morus war damals ein hoher Polizeibeamter und wurde in dieser Eigenschaft von Heinrich VIII. aufgefordert, die aufgebrachte Menge zur Raison zu bringen. Morus muss eine fulminante Rede gehalten haben, die ist aber nicht überliefert.

Das beste Italienisch-Lexikon kommt aus England

Weshalb kennt man dann den Wortlaut?

William Shakespeare hat die Rede für ein Theaterstück nachempfunden. Dieser einzige handschriftliche Text des Dichters ist erst 2016 an die Öffentlichkeit gelangt - auf kuriosen Wegen, die wir hier nicht ausbreiten können. Man kann jedenfalls nur staunen, wie aktuell jede einzelne Zeile ist. Zum Beispiel: „Machte man euch zu Emigranten, wär’s euch dann recht, in der Fremde auf ein ebenso barbarisches Volk zu stoßen?“

Von Shakespeare gibt es einiges mit Sprengkraft - sofern man genau liest.

Aber dieser Text ist schon außergewöhnlich. Natürlich könnte man Shakespeare ständig zitieren, ich habe allerdings bewusst auch an den Rändern geforscht, denn das zeigt ja den unglaublichen Reichtum dieser englischen Renaissance. Vom erlesenen Sonett über die Beobachtungen einer Hebamme bis hin zum damals besten Italienisch-Lexikon. Das hat nämlich ein florentinischer Jude 1598 in England geschrieben. Es geht weit über die Hochsprache Dantes und Petrarcas hinaus und in die tiefsten Tiefen der Sprache hinunter. Man erfährt zum Beispiel, was Rudelbums auf Italienisch heißt.

Buch: Manfred Pfister: „Englische Renaissance“ (Galiani Verlag, 480 Seiten, 98 Euro)
Vorstellung: Mittwoch, 14. Januar 2026, 19 Uhr, im Lyrik Kabinett, Amalienstraße 83a, Manfred Pfister im Gespräch mit der Anglistin Valentina Finger

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