„Troja, später Nachmittag“: Die Odyssee des Heinrich Schliemann
Das Timing ist perfekt: Seit vier Wochen hält Christopher Nolans „Odyssee“ die Kinowelt in Atem, heute erscheint Gregor Sanders Roman über den Troja-Entdecker Heinrich Schliemann. Doch was wie ein Marketingtrick klingen mag, hat eine ganz andere Vorgeschichte: Sander, der wie Schliemann aus Mecklenburg stammt, trägt dieses Buchvorhaben schon viele Jahre mit sich herum.

Der „Heimvorteil“ ist wichtig, denn Sander hat ein Gespür für Atmosphäre, Land und Leute, die auch mal Plattdeutsch sprechen, was dem jungen Heinrich Schliemann allerdings Prügel vom jähzornigen, alkoholkranken Vater, dem Pfarrer von Ankershagen, einträgt. „Denn im Pfarrhaus Schliemann wird nach der Schrift gesprochen, nach der Heiligen Schrift, mit Luthers Worten, und nicht diese Bauernsprache“, schreibt Sander. Sein Roman beginnt im Februar 1831 und schildert die familiäre Hölle in der mecklenburgischen Provinz, der der neunjährige Heinrich nur auf dem Schoß der Mutter und beim Treffen mit der gleichaltrigen Minna, der Tochter des Gutsverwalters, entkommt. Doch schon Wochen später wird eine emotionale Säule wegbrechen, die Mutter stirbt kurz nach der Geburt des neunten Kindes.

Und weil der Vater die schon einmal vom Hof geschickte Magd nur Wochen nach dem Tod seiner Frau ins Ehebett holt, hat die Familie keine Zukunft mehr in Ankershagen, wo der junge Heinrich in der Bibliothek des Gutshauses zum ersten Mal mit Homer konfrontiert wird. Denn auch dessen Übersetzer Johann Heinrich Voß lebte ein halbes Jahrhundert zuvor in Ankershagen. Da müssen wohl die Götter im Spiel gewesen sein.
Heinrich Schliemanns Leben muss sich hinter der "Odyssee" nicht verstecken
Heinrich wird Handelsgehilfe in einem Krämerladen in Fürstenberg und träumt nicht nur von Minna, sondern auch von der Hoffnung auf Geld und Ruhm auf der anderen Seite des Ozeans. Schließlich heuert er auf einem Schiff nach Venezuela an, das aber schon vor der holländischen Küste in einem Sturm kentert. Doch allmählich zeigt sich Pallas Athene gnädiger und das Leben des Heinrich Schliemann wird ein Abenteuerroman, der sich hinter der „Odyssee“ nicht verstecken muss. Glücklicherweise hat Schliemann in Sander einen Chronisten, der dieses übergroße Leben mit hinreißendem Humor in ein seltenes Lesevergnügen verwandelt.

In St. Petersburg beginnt der große Aufstieg des Handelsagenten Heinrich Schliemann, der sich nach ein paar Jahren endlich wohlhabend genug fühlt, Minnas Vater um die Hand von dessen Tochter zu bitten. Zu spät. Sie ist seit wenigen Wochen verheiratet - mit einem viel älteren Mann.
Die folgenden, unglaublichen Jahre in Schliemanns Leben fasst Sander dann in Form eines fiktiven Briefes an Minna zusammen.

Schliemann schreibt von seiner gescheiterten Ehe in St. Petersburg, der Gründung einer Bank im kalifornischen Sacramento, von seinen Reisen nach China, Japan, oder verkleidet nach Mekka, vom Erwerb ganzer Häuserblocks in Paris und seinem finalen Coup, dem Schmuggel von Waren nach Russland, das während des Krimkriegs vom restlichen Europa boykottiert wird. Jetzt, aller Geschäfte müde, hat er ein anderes Ziel: Troja finden. „Und du“, so schreibt er Minna „wirst meine Penelope, auch wenn du nur von einem gekrümmten, schwächlichen Freier in Mecklenburg belagert wirst statt von den besten der Hellenen auf Ithaka.“
Von Homer hat auf Ithaka noch niemand etwas gehört
Minna erhört ihn wieder nicht, aber Homers Lektüre, für die er nun endlich Zeit hat, entfacht in ihm ein unlöschbares Feuer: Er will es der ganzen Welt (und Minna!) beweisen, auch wenn die ersten Grabungsversuche auf Ithaka in jeder Hinsicht eine Enttäuschung sind: Das Sprachgenie Schliemann kann mittlerweile auch Alt- und Neugriechisch, aber „von Homer hat hier noch niemand etwas gehört“.

Im Alter von 47 Jahren heiratet er die 30 Jahre jüngere 17-jährige Sophia Engastroménos, die er per Fotografie ausgesucht hat. Sie wird ihm eine Tochter und einen Sohn schenken, die er leicht pompös Andromache und Agamemnon tauft. Und Sophia wird das bekannteste Fotomodel der Welt.
Eine Frau wie gemacht für den Schatz
Denn nach einem entscheidenden Tipp des britischen Konsulatsmitarbeiters Frank Calvert wendet sich das Blatt des Hobbyarchäologen. Calvert weist Schliemann auf den richtigen Hügel hin, den der Ungeduldige mit dem berüchtigten Schliemann-Graben durchfräsen lässt - nun gut, die Wissenschaft steckte noch in ihren Kinderschuhen. Aber am 31. Mai 1873 entdeckt er endlich Goldschmuck, den er als „Schatz des Priamos“ deklariert und damit das alte Troja für entdeckt erklärt.
Schliemann weiß, wie man Erfolg vermarktet - und hat er Sophia nicht auch genau für solch eine Präsentation des Fundes geheiratet? Jedenfalls ist er nun ein Weltstar. Mit der Fantasie und dem Wahrheitsempfinden eines Karl May gesegnet, werden seine Bücher in Dutzende Sprachen übersetzt, in Amerika wird seine Geschichte sogar das meistgekaufte Buch des Jahres.

Nur die deutsche Gelehrtenwelt um den Althistoriker Ernst Curtius hält ihn für einen Windbeutel. Selbst als Schliemann 1876 im griechischen Mykene die von ihm so betitelte „Maske des Agamemnon“ findet, wollen deutsche Wissenschaftler in der Goldmaske eher die Gesichtszüge Schliemanns erkennen.
Spät aber doch folgt die internationale wissenschaftliche Anerkennung, und auch Minna findet nach dem Tod ihres Ehemannes gelegentlich einen Platz an Schliemanns Seite - neben Sophia und den Kindern.
Gregor Sander: „Troja, später Nachmittag“ (Penguin, 320 Seiten, 24 Euro)
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