Paul Ingendaay: „Der Spanische Bürgerkrieg ist für uns heute noch ein Lehrstück“

Am 17. Juli 1936 läuteten rechte Generäle mit einem Aufstand das Ende der Zweiten Spanischen Republik ein. Bis zum 1. April 1939 wütete der Bürgerkrieg, dann regierte Francisco Franco diktatorisch bis zu seinem Tod am 20. November 1975.
Vor allem auf Seiten der Republik und in den Internationalen Brigaden gab es Unterstüzung durch viele Intellektuelle, die Bücher von Ernest Hemingway, George Orwell sind ebenso Klassiker wir die Fotos von Gerda Taro und Robert Capa. Arthur Koestler entging in Gefangenschaft nur knapp dem Tod, Willy Brandt berichtete als Journalist. Aber auch Erika und Klaus Mann machten sich ihr Bild von Spanien im Krieg. In seinem Buch „Entscheidung in Spanien - Der große Kampf der Literatur“ schildert Paul Ingendaay spannend, atmosphärisch dicht und facettenreich das Geschehen durch den Blick der Künstlerinnen und Künstler.
AZ: Herr Ingendaay, der Bürgerkrieg begann vor 90 Jahren, wie wichtig ist das Thema noch in Spanien?
PAUL INGENDAAY: Wenn man in Spanien lebt, ist das Thema allgegenwärtig. Ich habe in meinen 18 Jahren als Spanienkorrespondent sehr häufig über den Bürgerkrieg geschrieben. Mich hat das Thema auch emotional bewegt, da ich immer wieder bei Exhumierungen zugegen war und mit Angehörigen der Opfer gesprochen habe. Aber was mich wirklich genervt hat, ist die politische Instrumentalisierung, etwa bei Gedenktagen. Das betrifft auch die ermordeten Künstler.
Die symbolischen Schlachten der Erinnerungspolitik
Auch nach den Gebeinen des Dichters Federico García Lorca wurde immer wieder gesucht.
Lorca war ein Aushängeschild der Spanischen Republik, er wurde als einer der ersten Künstler erschossen. Ich war bei Exhumierungsversuchen in der Nähe von Granada dabei, seine Gebeine wurden bis heute nicht gefunden. Der Fetischismus um die Lorca-Gebeine erzählt auch eine eigene morbide Geschichte der Linken, und an der Spitze dieser Bewegung stand ausgerechnet der Lorca-Biograf Ian Gibson. Ich sehe das anders. Lasst uns über sein literarisches Werk sprechen, nicht über seine Knochen, die uns nichts mehr erzählen können. Ein neuerer Fall: Dass man die Gebeine des Diktators Franco 2019 aus dem faschistischen Weiheort „Tal der Gefallenen“ entfernt und auf einem Madrider Friedhof bestattet hat, halte ich gedenkpolitisch für einen richtigen Schritt. Aber wenn sich Erinnerungspolitik in symbolischen Schlachten erschöpft, bringt es wenig für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Und der ist in Spanien heute in Gefahr.

Besungen und beschrieben ist häufig der pure Idealismus der Internationalen Brigaden, die für die Republik kämpften und auch lange Madrid verteidigten.
Ich finde es wichtig, sich an den Heroismus, Aufopferungswillen und Idealismus zu erinnern. Das waren großenteils Menschen, die zu sehr viel Verzicht bereit waren, zum Teil unter schrecklichen persönlichen Bedingungen. Diese Linken aus rund 60 Ländern waren oft Geflüchtete, Exilierte, Verfolgte, die hatten keinen Ort mehr, der sie hätte aufnehmen wollen. Im Lauf des Bürgerkriegs haben die Kommunisten diesen Heroismus ausgenutzt und am Ende zerstört, indem sie die Kämpfer erst nicht von der Front ließen und dann teilweise in Lager gesteckt, eingekerkert und sogar erschossen haben.

1938 wurden die Restbestände der Internationalen Brigaden verabschiedet, warum?
Die spanische Regierung wollte sich nicht mehr die Blöße geben, internationale Söldner im eigenen Heer zu haben. Ich hoffe, mein Buch macht klar, dass die Internationalen Brigaden ein hochherziges Unternehmen waren, das unter die Räder kam, weil die Erfordernisse und der Pragmatismus eines Krieges am Ende alles zermalmen. Wenn wir Robert Capas und Gerda Taros frühe Bürgerkriegsfotos mit ihrem Optimismus und ihrer erotischen Ausstrahlung sehen, haben wir es nur mit einem Teil der Wahrheit zu tun. Den schmutzigeren Aspekt erlebten die Menschen in der zweiten Hälfte des Krieges.
Die Unversöhnlichkeit der beiden Seiten
Der Romantiker Larra schrieb 1836, exakt 100 Jahre vor Beginn des Bürgerkrieges, in einem Essay: Hier liegt die Hälfte Spaniens, sie starb durch die andere Hälfte.
Larra, einer der bedeutenden Autoren des 19. Jahrhunderts, zeigt, dass die gesellschaftlichen Konfliktlinien zwischen liberalen und konservativen Strömungen in Spanien sehr alt sind, aber das kann ich aus Platzgründen nur andeuten. Ich habe diesen Konflikt personifiziert dargestellt in der Person des Philosophen Miguel de Unamuno, zeitweise Rektor der Universität von Salamanca. Er ist einerseits katholischer Traditionalist, erkennt aber auch die Notwendigkeit des sozialen Fortschritts. Er hat immer wieder die politischen Lager gewechselt und ist ob der Unversöhnlichkeit der beiden Seiten fast verrückt geworden.
Ortega y Gasset schrieb schon im Herbst 1931: „Eine Menge Spanier, die an der Thronbesteigung der Republik mitarbeiteten, sagen sich nun beunruhigt und enttäuscht: Das ist es nicht, das ist es nicht. Die Republik ist eine Sache, der Radikalismus eine andere.“
Es gab eine systematische Überforderung dessen, was die Republik als Modernisierungsprogramm leisten konnte: die Euphorie, die enormen Hoffnungen auf soziale Gerechtigkeit auf der einen Seite, die wirkliche Angst des traditionelleren Spanien auf der anderen Seite. Ich glaube, dass diese Gegensätze, die es gesellschaftlich in den frühen 30er Jahren gab, einfach nicht zu versöhnen waren. Hätte es mehr besonnene Politiker gegeben, hätte die Mitte gestärkt werden können. Die Geschichte des Spanischen Bürgerkriegs ist auch eine Tragödie über die verlorene gesellschaftliche Mitte.

Die Zweite Spanische Republik hat zwischen 1931 und 1936 ganze 18 Regierungen verschlissen. War das Scheitern unausweichlich, war der Bürgerkrieg also zwangsläufig?
Nein. Gewaltexzesse wie diese dürfen wir nicht als zwangsläufig akzeptieren, auch wenn sie geschehen. Ich zitiere dazu den Philosophen Julian Marías, den Vater des Schriftstellers Javier Marías. Er war ein katholischer Philosoph und hat in einem Essay sehr klug geschrieben: Niemand wollte den Bürgerkrieg, aber viele wollten die Spaltung, die Radikalisierung und den Hass, die ihn ermöglichten. Marías spricht vom Vernichtungswillen gegenüber dem politischen Gegner. Viele haben zugelassen, dass es auf den Krieg zutrieb. Aber die kommunistischen Kräfte und die aufkommenden faschistischen Strömungen waren zu Beginn der Republik noch sehr schwach, sie wurden erst ab 1936 stärker. Es hätte also durchaus Platz gegeben für demokratischere Lösungen. Ich glaube, dass der Spanische Bürgerkrieg auch für uns heute ein Lehrstück ist: Wir sehen, was passiert, wenn die immer radikaleren Stimmen die Bühne beherrschen.
Rhetorik der physischen Vernichtung
Sie beschreiben, wie Monate vor Beginn des Bürgerkrieges auch im Parlament die Sprache verroht. Die Gewalt gewissermaßen verbal vorbereitet wird.
Spanische Historiker haben nachgewiesen, dass es selbst bei Theologen eine Gewaltneigung gab und die Rhetorik der physischen Vernichtung Anfang der 30er Jahre in alle Bereiche der Gesellschaft gesickert ist. Von diesem Punkt an ist der Weg zu den Waffen nicht mehr weit.
Sie sagen, der Spanische Bürgerkrieg sei eines der wenigen Ereignisse, bei dem die Verlierer die Geschichte geschrieben haben - zumindest außerhalb von Spanien.
Reporter, Fotografen, Schriftsteller wie George Orwell, Ernest Hemingway, Robert Capa und viele andere haben ja nicht nur die Bilder geprägt, sondern auch die Geschichtsdeutung. Und das ist doch ein ziemlich singulärer Fall. Die Niederlage der Spanischen Republik wird bis heute als heroisch empfunden. Dabei bietet der Untergang der Republik vor allem ein Bild des Elends und der absoluten Verzweiflung, wie das Schicksal der Erschossenen, der Inhaftierten und Exilierten in bedrückender Deutlichkeit zeigt. So weit können die Tatsachen und die Aura eines Ereignisses auseinander liegen.
Hemingways Bürgerkriegsroman „Wem die Stunde schlägt“ erschien 1940 und wurde direkt ein Welterfolg. War er später auch in Spanien erhältlich?
Das weiß ich nicht, doch Hemingway wurde als Autor im Franquismus nicht generell verboten, wohl aber zensiert, anstößige Stellen wurden entfernt. Hemingway ist in den frühen 50er Jahren wieder nach Spanien gefahren - trotz Franco - und hat sich seine geliebten Stierkämpfe angeschaut. Das Regime wusste durchaus zu würdigen, dass der weltberühmte Autor wiederkam, während andere Künstler wie John Dos Passos und natürlich Picasso das Spanien der Diktatur nicht wieder betreten haben.
Hemingway reiste viermal in den Bürgerkrieg, beim letzten Mal schon reichlich lustlos, wie Sie schildern.
Er war vor allem schlecht informiert über die Lage. Ich gewähre ihm trotzdem mildernde Umstände, denn er war zuallererst Künstler und Autor. Auch andere Schriftsteller haben dort Material für ihre Romane gesucht und gefunden. Ich glaube, dass es für eine Figur wie Hemingway eine riesige Aufgabe war, den eigenen Ruhm zu verwalten und alles zu schaffen: herumreisen, schreiben, Hof zu halten, Partys zu feiern, eine Affäre zu haben. Mit leichter Ironie könnte man sagen: Habt Verständnis mit Hemingway, er war nicht engagiert von der Zweiten Spanischen Republik, er hatte seine eigene Agenda.

Er reist mit großen Mengen an Delikatessen und Alkohol an - ein starker Kontrast zum im Schützengraben darbenden George Orwell, der mit ein paar Sardinendosen auskommt, wie Sie schreiben. Das hätte Hemingway wohl keine zwei Tage ausgehalten.
Das ist das Interessante, wenn man den biografischen Zugang wählt: Ich kann zeigen, wie unterschiedlich Menschen in ihren Temperamenten sind. Orwell war ein enorm genügsamer Mann - bis auf seinen Tabak. Bei ihm ist vom Essen nur die Rede, wo es um das Lebensnotwendige geht, während Hemingway seinem Freund John Dos Passos Vorwürfe macht, als dieser ohne kulinarische Spezialitäten ins belagerte Madrid kommt.
Als Erika und Klaus Mann im Sommer 1938 für einige Wochen nach Spanien fahren, ist der Krieg fast schon entschieden. Die beiden beschreiben aber trotzdem noch den hoffnungsvollen Kampf für die Republik.
Deswegen sind sie für mich exemplarisch. Ich meine das ohne Herablassung gegenüber den beiden, die politisch wache Köpfe waren. Sie sind pazifistische, linksorientierte Intellektuelle, die jeden Zugang zu den Medien hatten, aber einfach nichts vom realen Kriegsgeschehen wussten, weil sie entscheidende Daten nicht zur Kenntnis nahmen. Sie haben sich lieber von der Atmosphäre beeindrucken lassen, von Begegnungen, von der Haltung, Tapferkeit und Großzügigkeit der einfachen Menschen. Thomas Mann, dessen Tagebucheintragungen im Schweizerischen Exil ich zitiere, war da doch deutlich kühler als seine Kinder und umfassender informiert.
Sie zitieren Thomas Mann, der „Atrozitäten auf beiden Seiten“ im Tagebuch notiert - die im Krieg verübten Gräueltaten sind wirklich erschreckend.
Deswegen kommen in meinem Buch Menschen wie Julián Zugazagoita, Chefredakteur der Zeitung „El Socialista“, zu Wort, der in einem Leitartikel ganz klar die moralische Forderung an die Linke erhebt: Wir wollten doch besser sein als unsere Gegner. Zugazagoitia plädiert für Legalität ohne Ansehen politischer Opportunität. Die Aufrufe zur Mäßigung und zur Fairness kamen auch von Präsident Manuel Azaña, der den Geist der Versöhnlichkeit beschwört, sich als ein einziges, einiges Land zu begreifen. Damit stieß er bei Franco nicht auf Gehör. Die Diktatur ab 1939 war ein rachsüchtiges Unternehmen, das den „Kreuzzug“ noch jahrzehntelang fortgesetzt hat. Im Krieg kann es Exzesse geben, aber nach dem Krieg müsste man sich fragen: Wie können wir die Wunden heilen, wie können wir wieder zusammenwachsen und was ist für ein einiges Volk drin? Und da war nichts mehr drin. Francos Diktatur hat bis in die 70er Jahre verfolgt, verfemt, verunglimpft und gedemütigt.

Militärisch gesehen war der Einsatz der Künstler für die Spanische Republik nicht sonderlich bedeutend. Wie wichtig war die Unterstützung der Aufständischen durch Hitler und Mussolini?
Die Meinung der Militärhistoriker ist eindeutig: Ohne die Waffenhilfe der beiden faschistischen Länder Deutschland und Italien wäre der Sieg Francos nicht möglich gewesen. Vor allem der deutsche Luftwaffen-Verband Legion Condor war bei vielen Schlachten entscheidend.
Warum Picassos "Guernica" nicht mehr reisen sollte
Da sind wir bei Guernica, dem baskischen Ort, den vor allem die deutsche Luftwaffe 1937 zerstörte, was zu Picassos Bild führte, wahrscheinlich das bekannteste künstlerische Zeugnis des Spanischen Bürgerkriegs. Das Bild wurde noch nie im Baskenland gezeigt. Nun will die baskische Regierung es im Guggenheim Museum in Bilbao ausstellen. Madrid allerdings lehnt ab, dass das Bild noch einmal seinen Platz im Museum Reina Sofía verlässt.
Der Konflikt ist ja sehr alt, aber es gibt zwei verschiedene Ebenen, die man getrennt halten sollte. Natürlich ist das Anliegen der Basken berechtigt, das Bild zeigen zu wollen. Aber es gibt sehr gute konservatorische Gründe, dieses Gemälde nie wieder reisen zu lassen, weil es durch die immense Reisetätigkeit vor Jahrzehnten stark beschädigt ist. Um es zu schützen, hat man eine Wachsschicht auf der Rückseite angebracht, die teilweise auch Schäden am Gewebe der Leinwand verursacht hat. Man darf nicht verkennen, die über acht Meter breite Leinwand hat ein enormes Gewicht zu tragen. Kein baskischer Politiker kann wollen, dass „Guernica“ durch eine Ausstellung weiter beschädigt wird.
Paul Ingendaay stellt „Entscheidung in Spanien“ (C.H. Beck, 352 Seiten, 28 Euro) am 18. Mai 2026 um 19 Uhr im Münchner Literaturhaus vor (Salvatorplatz 1)