Das tragische Ende einer Ehe
Am Sonntagabend durfte Robert Habeck noch bei Caren Miosga Werbung für sein heute erscheinendes Buch „Arctic Meltdown“ machen, am Montagabend ging es für den früheren Vizekanzler im Münchner Lyrik Kabinett zurück zu seinen literarischen Anfängen.
Gemeinsam mit seiner Gattin Andrea Paluch hatte er 1998 das Angebot erhalten, Ted Hughes Gedichtband „Birthday Letters“ zu übersetzen, ein erstaunlicher Auftrag für zwei Studenten. Schließlich war der Brite nicht nur seit 1984 poet laureate, der von der britischen Königin berufene Nationaldichter, sondern eine auch umstrittene Ikone der englischen Literatur, untrennbar verwoben mit dem Namen seiner ersten Ehefrau Sylvia Plath, zu der er mit den „Birthday Letters“ spricht.
Das tragische Ende einer Beziehung
Das tragische Ende dieser schwierigen Beziehung ist Legende, Sylvia Plath nahm sich 1963 im Alter von 30 Jahren das Leben, indem sie ihren Kopf in den Gasherd steckte. Zuvor hatte sie die Küche abgedichtet, damit die beiden Kinder keinen Schaden nehmen konnten. So fand sie Ted Hughes vor.
Dass auch Assia Wevill, mit der er damals schon liiert war, 1969 auf ähnliche Weise ihr Leben beendete (aber die gemeinsame Tochter mit in den Tod nahm), brachte Hughes Zeit seines Lebens schwere Vorwürfe ein, auch Morddrohungen. War der Dichter toxisch, gewalttätig, waren die Frauen depressiv? Auf dieses Minenfeld der Ferndiagnosen begaben sich Paluch und Habeck erst gar nicht, zumal sie 1998 einen ganz anderen Menschen kennengelernt hatten.

Man könne den zurückgezogen lebenden Dichter auf gar keinen Fall kontaktieren, war den beiden gesagt worden, er rede mit niemandem. Aber mit dem naiven Enthusiasmus der Jugend schrieben sie Hughes dennoch einen Brief mit Fragen zur Übersetzung. Hughes antwortete ausgiebig, weitere Fragen tauchten auf und so entwickelte sich über mehrere Monate eine Brieffreundschaft per Faxgerät.
Paluch und Habeck gaben im Lyrik Kabinett gut gelaunt einen intensiven Einblick in ihre Übersetzungswerkstatt damals am Küchentisch in Lüneburg. Was zur Hölle ist ein „Stubbing Wharfe“? Ganz einfach der Name eines Pubs, wie Hughes erklärte und er schrieb ihnen auch, warum er die „Birthday Letters“ verfasst hatte. Er habe lange versucht, psychologisch frei und unbefangen zu Plath zu sprechen, sich das Trauma von der Seele zu schreiben und sich mit intimer Unmittelbarkeit wie ein Kind zu entblößen. An eine Veröffentlichung dieser Texte habe er ursprünglich niemals gedacht.
"Die konnte auch was", sagt Habeck
Tatsächlich sind viele Gedichte direkte Spiegelgedichte zu Sylvia Plaths Werken. Beide brachte der Schauspieler Tai Steyn im Lyrik Kabinett eindrucksvoll zum Klingen. „Die konnte auch was“, sagte Habeck, was ihm ein theatralisches Augenrollen seiner Gattin einbrachte.

Hughes, der als Erbe von Plath ihren Nachlass editierte und auch für ihren posthumen Ruhm mitverantwortlich ist, zensierte andererseits auch ihr Werk. So verbrannte er ihr letztes Tagebuch, um „die Kinder zu schützen“,wie er später sagte.
Um den Abend humorig ausklingen zu lassen, griffen Paluch und Habeck noch einmal auf ihren Briefwechsel zurück. Sie planten damals, mit dem Fahrrad die englische Ostküste zu erkunden, aber der Dichter wollte sie ganz offensichtlich zu sich locken und pries in feiner Ironie die Vorzüge der Landschaft von Devon („wunderschöne Flüsse“) im Gegensatz zur geplanten Route („Abwasserkanäle“). Zum persönlichen Treffen kam es allerdings nicht mehr. Ted Hughes starb am 28. Oktober 1998 an einem Herzinfarkt.
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