Charlotte Knobloch: "Der Antisemitismus war immer schon hier"
"Ich bin in meinem Wesenskern - trotz allem - ein optimistischer Mensch", schreibt Charlotte Knobloch. "Und auch wenn das nicht aus jeder Zeile dieses Buches spricht: Ich bin ein glücklicher Mensch." Sie habe viel erreicht, viele interessante Persönlichkeiten kennengelernt und dabei lebenslange Freundschaften geknüpft. Die bald 94-jährige Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern hört es auch nicht gerne, wenn sie als "Mahnerin" bezeichnet wird. Sie erhebe allerdings die Stimme, wenn unser Land Schaden zu nehmen drohe, schreibt sie. Und sie sitze auch nicht auf "gepackten, ausgepackten oder wo auch immer gelagerten Koffern."
Diese positive Grundstimmung auf den allerletzten Seiten von Charlotte Knoblochs neuem Buch "Trotzdem weiter" ist unter jüdischen Deutschen durchaus nicht selbstverständlich. Und sie folgt auch nicht zwingend aus den gut 250 Seiten ihrer politischen Autobiografie der vergangenen 20 Jahre, die an das 2012 erschienene Buch "In Deutschland angekommen" anschließt.
Der Titel "Trotzdem weiter" bezieht sich auf den wieder wachsenden Antisemitismus in Deutschland und auf die Enttäuschung, dass die Sicherheitsvorkehrungen beim Jüdischen Gemeindezentrum am St.-Jakobs-Platz nicht reduziert werden können, wie es Charlotte Knobloch noch bei der Eröffnung im November 2006 erhoffte. Und das lässt sich durchaus symbolisch für die Situation der deutschen Juden insgesamt verstehen.
Antisemitismus ist undemokratisch
Dass das Buch kurz vor der Wahl in Sachsen-Anhalt erscheint, ist kein Zufall. Im Zentrum des Buchs steht die Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus von rechts. Und wer jetzt eher gelangweilt abwinkt, dem sollte klar sein: Jede Form von Antisemitismus ist mit der freiheitlichen Demokratie unvereinbar. Sein Auftauchen ist der Indikator einer Krise und eine Aufforderung an die bürgerliche Mitte, dieser teilweise tief verwurzelten Einstellung zu widersprechen.

Charlotte Knobloch verzichtet darauf, Antisemitismus zu definieren und vertraut lieber auf ihre lange Lebenserfahrung. Und die trügt sie nicht. Das in Zusammenarbeit mit ihren ehemaligen und gegenwärtigen Sprechern Aaron Buck und Richard Volkmann verfasste Buch verzichtet auf die Instrumentalisierung des Begriffs, wie sie in politischen Debatten der letzten Jahre durchaus zu beobachten ist.
Die Autorin neigt zu einer gewissen Nachsicht, etwa bei ihren Gedanken zur Documenta 2022. Die Stärke des Buchs ist die nüchterne Differenzierung und der Verzicht auf Polemik, auch wenn der eine oder andere Satz in Fraktur gehalten ist. Charlotte Knobloch wirkt weder rechthaberisch noch nachtragend: eine versöhnliche Haltung, die in politischen Autobiografien eher selten ist und das elegant geschriebene Buch trotz seiner Thematik zu einer angenehmen Lektüre macht.

Hin und wieder endet allerdings die Dialogbereitschaft der Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde: etwa beim Pro-Palästina-Camp vor der Uni München im Sommer 2024 und ganz grundsätzlich bei der AfD. Sie lehnt jede Zusammenarbeit der Union mit dieser rechtsextremen Partei ab und tritt für ein Verbot ein.
Humanität und Machbarkeit
"Artikel 18 des Grundgesetzes besagt im Kern: Wer Freiheitsrechte zum Kampf gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung missbraucht, verwirkt diese Grundrechte", schreibt sie. Die Demokratie müsse sich wehren, sonst werde sie fortgeweht. "Warum glauben so viele, dass ausgerechnet unsere so junge und in Teilen unseres Landes sogar noch sehr junge Demokratie ein derartiges Ausmaß an Hass, Agitation, Spaltung und Zersetzung auf Dauer aushält? Im Kampf gegen Radikale und Extremisten jedweder Couleur war und bin ich jedenfalls für klare, harte Konsequenzen seitens des Staates."
Leser des Buchs dürften bestürzt feststellen, wie viele antisemitisch grundierte Vorfälle der letzten Jahre sie rasch wieder vergessen haben. Charlotte Knobloch verwahrt sich in diesem Zusammenhang gegen die weitverbreitete Strategie, den neuen Antisemitismus vor allem als "importiert" zu etikettieren. "Zumindest zu meinen Lebzeiten musste Antisemitismus noch nie nach Deutschland ,importiert’ werden, wie die AfD und andere hauptberufliche Vereinfacher und Ablenker es gern behaupten", schreibt sie. "Der Antisemitismus war immer schon hier."

Dennoch steht Knobloch der wachsenden Migration kritisch gegenüber. Sie ist stolz auf die deutsche Hilfsbereitschaft im Sommer 2015, plädiert aber für eine stärker geregelte Einwanderung. Humanität und Machbarkeit sollten in Balance bleiben, integrative Maßnahmen müssten ausgeweitet werden. Es gehe darum, Menschen nicht nur in den Arbeits- und den Wohnungsmarkt zu integrieren, "sondern auch und vor allem in unser Wertesystem".

Von einer kompletten Abschottung hält sie gar nichts. Das an CSU-Stammtischen gepriesene "ungarische Modell" hält sie für einen Etikettenschwindel. "Eine engherzige, unfreie Demokratie, in der Gewaltenteilung, Rechtsstaatlichkeit, Zivilgesellschaft, Presse-, Meinungs- und Religionsfreiheit, Pluralismus und Diversität nicht mehr umfassend und für jeden gewährleistet sind, kann jedoch für jüdische Menschen keine gute Heimat sein!"
Kritik an Hubert Aiwanger
Charlotte Knobloch hegt vergleichsweise zurückhaltende Sympathien für Politikerinnen und Politiker der Grünen, vor allem wegen ihres Verhältnisses zu Israel. Sie lobt die bürgerliche Mitte, namentlich Angela Merkel und ihren Nachfolger Olaf Scholz, viele CSU-Politiker, den ehemaligen Münchner Oberbürgermeister Dieter Reiter und seinen Vorgänger Christian Ude. Von ihnen höre man ehrliche Worte bei Gedenkreden, die sie lange vermisst habe. Aber Charlotte Knobloch bedauert auch einen mangelnden Rückhalt und eine gesellschaftliche Gleichgültigkeit, die sie an der geringen Beteiligung an Kundgebungen nach antisemitischen Übergriffen festmacht.

Schärfer wird der Ton des Buchs, wenn die Rede auf Hubert Aiwanger kommt. Der sei zwar kein Antisemit, habe in seiner Jugend aber antisemitisch gehandelt, heißt es zur Flugblattaffäre des Chefs der Freien Wähler. "Beklemmend" sei es gewesen, wie dieser durch die Bierzelte gezogen sei und sich als Opfer habe feiern lassen, statt die Angelegenheit konsequent zu klären.
Knobloch wirkt wenig angetan über die Ehrungen, die Dieter Hanitzsch nach einer Karikatur "mit klassisch antisemitischer Optik" und dem Ende seiner Tätigkeit für die "SZ" zuteil wurden. Und sie kritisiert auch eine verunglückte Überschrift in der AZ. Aber in die oft schrille Kritik der jüdischen Community an der Nahostberichterstattung stimmt sie nicht ein. Auch wenn Charlotte Knobloch einiges an der "SZ" auszusetzen hat, betont sie ihre Dialogbereitschaft durch das Verfassen von Gastbeiträgen. In der "Welt" will sie nach Elon Musks Wahlwerbung für die AfD allerdings "erst einmal nicht mehr" publizieren.
Deutsche Juden haben ihre eigenen Interessen
Der Schlussteil des Buchs steht im Schatten des Hamas-Terrors vom 8. Oktober 2023 und der israelischen Militäraktion im Gazastreifen. Kritik an den illiberalen Tendenzen der Regierung Netanjahu äußert Charlotte Knobloch nur verhalten, die Gewalt jüdischer Siedler im Westjordanland ist für sie kein Thema. Das kann man angesichts des universalen Humanismus, der sonst aus jeder Zeile spricht, bedauern. Knobloch betont allerdings, als deutsche Staatsbürgerin nicht für Israel sprechen zu wollen und zu können. "Die alltägliche Inhaftnahme und Stigmatisierung jüdischer Menschen, weil sie jüdisch sind, haben mit Kritik am Staat Israel nichts zu tun, sondern sind lupenreiner Antisemitismus."

An anderer Stelle lässt sie durchblicken, dass der historische Begriff "Israelitische Kultusgemeinde" für die Gemeinde teilweise auch belastend ist. Die Solidarität mit der Heimstätte des jüdischen Volks sei zwar unverbrüchlich. "Jedoch haben wir deutsche Juden eine eigene Geschichte, eigene Interessen, eigene Probleme und Anliegen - und wir haben weder die Kraft noch das Ansinnen, um zusätzlich Brückenkopf Israels in Deutschland zu sein." Und Antisemiten würde eine Änderung des Namens auch nicht von falschen Schlüssen abhalten, möchte man hinzufügen.
Dass Privates in dem Buch kaum vorkommt, ist kein Mangel. Aber zu erfahren ist, dass Charlotte Knobloch gerne im Süden Münchens spazieren geht und Geburtstagsfeiern nicht schätzt. Im Oktober wird sie darum kaum herumkommen: Da wird sie 94 Jahre alt, immer im Bewusstsein eines der letzten Sätze des Buchs: "Solange ich lebe, werde ich hoffen."
Charlotte Knobloch: "Trotzdem weiter" (C.H. Beck, 266 Seiten, 26 Euro)

