Buch über Boris Johnson: Die Kunst, ein ewiger Junge zu sein

Jan Roß hat den britischen "Störenfried" Boris Johnson knapp und eindringlich porträtiert.
| Volker Isfort
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Ein zweiter Robin Hood wird der britische Premierminister Boris Johnson (hier beim Besuch der Sacred Heart of Mary Girls' School in Upminster) wohl nicht mehr.
Lucy Young/Evening Standard (PA Wire) Ein zweiter Robin Hood wird der britische Premierminister Boris Johnson (hier beim Besuch der Sacred Heart of Mary Girls' School in Upminster) wohl nicht mehr.

Bei Aufzählungen von politischen Populisten ist Boris Johnson häufig nur durch ein Komma von Donald Trump getrennt. Das muss den "Zeit"-Journalisten Jan Roß so erzürnt haben, dass nun - in Ermangelung einer deutschsprachigen Biografie - zumindet schon mal sein "Porträt eines Störenfriedes" vorliegt.

"Boris Johnson: Porträt eines Störenfrieds" erscheint

Die Ausgangslage ist klar: Roß bewundert den hochgebildeten, begabten (und schlampigen) Eton- und Oxford-Absolventen zwar nicht grenzenlos, versucht ihn aber klar vom Hasser und Hetzer auf der andere Seite des Ozeans abzugrenzen. Sein in emotionalen Bereichen unstetes Wesen hat der in New York geborene Alexander Boris de Pfeffel Johnson wohl von seinem Vater übernommen. Die Scheidung der Eltern haben den Jungen schwerer getroffen, als er es später nach außen zugab, vermuten seine britischen Biografen: Der in der Öffentlichkeit lautstark auftretende Boris ist auch eine Kunstfigur, hinter der sich ein weitaus verschlossenerer Mensch verbirgt.

Wie ist Boris Johnsons Verhältnis zu Europa?

Wichtiger aber ist Johnsons Verhältnis zu Europa, dem Roß verständlicherweise viel Platz einräumt: Johnson attackiere die EU nicht aus einer Position des provinziellen Nationalismus heraus, sondern sehe in der gewaltigen Bürokratie das Projekt des europäischen Liberalismus gefährdet. Dass Johnson als junger Brüsseler Korrespondent des "Daily Mail" für seine sprachgewaltigen Attacken auf die EU schnell berüchtigt wurde (und es mit der Wahrheit meist nicht so genau nahm), beflügelt Roß zu eigenen Angriffen auf die "pompöse Leere und humorlose Aufgeblasenheit", mit dem sich "das offizielle Europa artikuliere".

Ross freut sich, dass diese "Sprechautomaten hier einmal die freie Diktion gutgelaunter individueller Arroganz zu hören bekamen".

Boris Johnsons und die Medien

Den Aufstieg zu einer popkulturellen Marke verdankt Johnson - wie Trump - einer TV-Unterhaltungssendung, in der man auch einstecken können muss. "Die Show bot den doppelten Genuss, dass man sich über den toff, den feinen Pinkel, lustig machen und ihn gleichzeitig in Herz schließen konnte", schreibt Roß. So wurde Boris zur nationalen britischen Sehenswürdigkeit, der in den kommenden Jahren lachend in die Fettnäpfchen sprang und politisch unbeschädigt weiter machen konnte, sei es als Londoner Bürgermeister oder Parlamentarier.

Wie unterhaltsam Johnson sein und schreiben kann, zeigt seine Churchill-Biografie, die jeder zu Recht auch als ein Bewerbungsschreiben für das Amt des Premierministers interpretierte. Johnson habe "das Bedürfnis einer gelangweilten, ideologisch nicht mehr ausgelasteten Gesellschaft nach politischem Amüsement erkannt und befriedigt", analysiert Roß und kommt zu dem Schluss: Kein Mensch mit einer Äußerungsvorgeschichte wie der von Johnson, könnte normalerweise Premier werden. Aber die meisten Briten verziehen dem bewusst ungekämmt und tapsig auftretenden Mann, dem ewigen Jungen, halt lange sehr viel.

Johnson zögerte lange, ob er für oder gegen den Brexit in die Schlacht ziehen sollte und schrieb einen Pro- und einen Kontra-Artikel. Erst im letzten Augenblick entschied er, welchen er veröffentlichen sollte. Das führt zum interessantesten Teil des Buches, zum Kapitel: "Der moderne Altgrieche". Johnsons Säulenheiliger ist - neben Churchill - der athenische Staatsmann Perikles.

"Die Griechen wetteiferten um Ehre, um Prestige, und das haben die Londoner durch alle Zeiten hindurch auch gemacht", hat Johnson einmal geschrieben, Roß sieht den "kompetitiven Hedonismus" und die "lustorientierte Konkurrenzgesellschaft" als die Triebfeder für den Aufstieg Athens und Johnsons Ideal der modernen Stadt.

Kritik zum Buch von Jan Roß

So weit, so kosmopolitisch. Aber Johnsons Bewunderung der altgriechischen Rhetorik hat in Roß' Analyse einen gefährlichen Aspekt. Seinen Aufstieg verdankt Johnson nicht festen Prinzipien, sondern seiner Fähigkeit, allen nach dem Mund zu reden - auch wenn sie gegensätzliche Positionen vertreten. Könnte also im Zentrum von Johnsons Politik und Denken anstatt fester Überzeugungen gar ein "atemberaubender Nihilismus" stehen? Roß wirft die Frage auf, ohne sie abschließend zu beantworten.

Da sind Johnsons Landsleute wahrscheinlich schon ein bisschen weiter. Denn aus dem strahlenden Sieger der letzten Wahlen ist ein Premier geworden, der nach miserablem Krisenmanagement selbst nur knapp dem Tod durch Corona entkommen ist. Großbritannien hat die höchsten Opferzahlen in Europa zu beklagen.

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Viele sehen in dem zuletzt seltsam kraftlos anmutenden Johnson ohnehin nur die Marionette seines politischen Einflüsterers Dominic Cummings. Und mit seiner Ankündigung, internationale Verträge vielleicht nicht beachten zu wollen, hat Johnson nun sämtliche noch lebende Ex-Premiers als Kritiker, egal welcher Parteizugehörigkeit. Kein Wunder, dass in jüngsten Umfragen Labour nur neun Monate nach der Wahldemütigung wieder die Nase vorn hat.

Die "leichte Beklemmung, den innerlich angehaltenen Atem" mit dem Roß die Winkelzüge von Johnson begutachtet, hat sich für viele Briten in nackte Panik verwandelt. Als welche Figur Boris Johnson in die britische Geschichte eingehen wird, ist noch nicht entschieden. Aber nach der Lektüre dieses kurzen, inspirierenden Porträts, wird man den Ausgang doch mit ganz anderen Augen verfolgen.


Jan Roß: "Boris Johnson – Porträt eines Störenfrieds" (Rowohlt Berlin, 174 Seiten, 18 Euro)

 

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