Berlin ist am Ende: Der neue Roman von Sven Regener

Die ganze Handlung spielt an einem einzigen Tag: Heiligabend 1980 in Berlin. Wenige Tage zuvor war John Lennon in New York erschossen worden. Meine Güte, denkt man, richtig: Das ist ja eigentlich noch gar nicht so lange her, obwohl die Beatles doch gefühlt aus einer ganz anderen Zeit stammen, aus einer Zeit der schwarz-weißen Bilder.
Der zentrale Plot von Sven Regeners neuem Roman "Frankie und Freddie“ ist schlank: Regeners Kern-Trio Frank und Freddie Lehmann und die von Frank angehimmelte, gerade kränkelnde Chrissie eilen und irren durch das winterliche West-Berlin auf der Jagd nach einer Tasche, in der sich eine weitere Tasche befindet, in der sich wiederum das Ticket für Freddies unmittelbar nachweihnachtlichen Flug nach New York befindet.
Mit Berlin ist Freddie, frisch aus einer Antidepressivum-Medikamentenstudie entlassen, nämlich durch. "Die ganze Stadt ist eine Falle“, erklärt Freddie seinem kleinen Bruder. "Das ist eine sterbende Stadt.“ Die einen seien da geboren, die seien total kaputt "durch den ganzen Mauerbauscheiß und was weiß ich was“.
Berlin ist am Ende
Die dächten nur ans Autobahnbauen. Und die anderen, die Zugezogenen, seien eigentlich "bloß herzlose Arschlöcher, weil sie einen auf Mauerstadt und Abenteuerspielplatz machen, sich den ganzen Scheiß schön trinken und Bohème spielen. Für die ist der ganze Mauerscheiß nur Spielwiese und Kulisse ihrer ganzen Kunst- und Alternativkacke“.
Berlin ist also am Ende. Drei Leute, die in einer sterbenden Stadt eine Tasche suchen - etwas dünn für knapp 300 Seiten, mag man nun misstrauisch maulend feststellen. Aber der Autor dieses Romans, des siebten aus dem Frank-Lehmann-Kosmos seit 2001, ist ja zum Glück Sven Regener, und bei dem entfaltete sich der Werkzauber immer schon durch die Art des Erzählens.
Seine Dialoge, inneren Monologe und erlebte Reden sind hohe Unterhaltungskunst, der Erzähler hat bei Regener nie besonders viel zu tun, das regeln seine Figuren auf kurzweilige Art. Einmal kommen Frankie und Freddie zum Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz - 1980 war das noch ein terrorhistorisch unbelasteter Ort - und sehen "Männer und Frauen in ihren Zwanzigern“, die sich mit Schneebällen bewerfen.
Weitere Figuren aus dem Kosmos
Neben der Suche nach der kleinen Tasche in der großen Tasche (die sich wie in einem Agentenfilm mit ihrem Besitzer durch Berlin bewegt) geht es, der Buchtitel deutet es an, um die Brüder Frank und Manfred Lehmann, darum, was ein kleiner Bruder - Frank - vom großen Bruder - Freddie - erwarten darf.
Und um die Verletzung, die Frank erfuhr, als sein Bruder einst aus dem heimatlichen Bremen, Vater, Mutter und Frank zurücklassend, spontan nach Berlin verschwand, um sich dort dem Künstlerleben hinzugeben. Und nun will Freddie von Berlin weiter nach New York. Ein Bruder, zweimal vom anderen Bruder verlassen, das ist hart. "Ich habe Erwartungen an dich“, sagt Frank einmal anklagend. "Ein großer Bruder sollte ein Fels in der Brandung sein, einer, der einem auch mal hilft“ - stattdessen werden wir Zeuge einer Rollenumkehr: Der kleine Bruder muss hier die Dinge regeln.
Nebenbei begegnen wir weiteren Figuren, die wir aus früheren Regener-Romanen kennen, etwa den Künstlern Karl Schmidt und H.R. Ledigt. Auch sie versuchen, mit zum Teil abenteuerlichen und für diesen Roman sehr unterhaltsamen Ideen im 80er-Jahre-Berlin über die Runden zu kommen. Und es beschleicht uns beim Lesen die Ahnung, dass es deutlich lustiger ist, von Sven Regener über diese Zeit erzählt zu bekommen, als selbst dabei gewesen zu sein.
Sven Regener: "Frankie und Freddie“ (Galiani Berlin, 288 Seiten, 24 Euro), Lesung: 17. November, 20 Uhr, Alte Kongresshalle, Karten über eventim.de