Auf den Spuren der Leningrader Blockade: Edgar Selges neues Buch „Juras letzter Winter“

Eine ungefähre Ahnung davon, wer Edgar Selge ist, was seinen Charakter ausmacht, konnte man in der Vergangenheit vor allem durch seine Auftritte auf der Bühne und vor der Kamera gewinnen. Die Rolle steht vielleicht einer möglichen Erkenntnis im Wege - oder aber die Art, wie sie gespielt wird, sagt umso mehr über den Schauspieler aus. Zuletzt, 2025, verkörperte Selge den Philosophen Gottfried Wilhelm Leibniz in einem Film von Edgar Reitz. Es ging dabei um die Frage, inwiefern ein gemaltes Porträt das Wesen eines Menschen einfangen kann.
Mit dem vertrackten Verhältnis von Darstellung und Wirklichkeit, damit, wie die Kunst einem die Welt und eigene Identität näherbringen oder auf Distanz halten kann, beschäftigt Selge sich seit geraumer Zeit auch als Autor. Mit „Hast du uns endlich gefunden“ legte er 2021 sein schriftstellerisches Debüt vor und bewies eine Beobachtungsgabe und Spracheleganz, die für einen späten Literatur-Novizen erstaunlich, mit Blick auf Selges schauspielerisches Schaffen aber nicht völlig überraschend war. In dem Buch fühlt Selge sich in den zwölfjährigen Jungen ein, der er einst war, beleuchtet die Dynamiken in seiner Familie, die Strenge seines Vaters, die Verstrickung seiner Eltern in den Nationalsozialismus.
Wir lesen, wie Selge liest
Sein zweites Buch, „Juras letzter Winter“, hat Selge nun erneut im Modus der Autofiktion geschrieben, wobei er hier selbst ein Rezipient ist: Wir lesen mit, wie Edgar Selge liest. Und zwar das Tagebuch von Jura Rjabinkin, einen Text, den Selge seit Jahren kennt, der ihn nicht mehr loslässt.
Jura Rjabinkin hat sein Tagebuch während der Belagerung Leningrads durch die deutsche Wehrmacht verfasst. Der erste Eintrag datiert auf den 22. Juni 1941, den Tag des Überfalls der Deutschen auf die Sowjetunion; der letzte auf den 6. Januar 1942, kurz bevor Rjabinkin im Alter von 16 Jahren völlig entkräftet starb.

Selge fühlt sich mit dem Jungen verbunden, zieht immer wieder Parallelen zu seiner eigenen Kindheit, wobei er sich der Anmaßung bewusst ist, die im Spiel der Assoziationen steckt. „Ich will dein Forum sein“, sagt Selge zu Rjabinkin, der in seiner Fantasie gelegentlich als Gesprächspartner auftaucht. „Du willst mein Forum sein?“, erwidert Rjabinkin. „Du verwöhnter, im Überfluss lebender alter Mann?“
Seinen komfortablen Alltag in München, inklusive E-Bike-Fahrt durch die Stadt und Spaziergang durch den Nymphenburger Park, lässt Selge immer wieder einfließen. Die äußere Bewegung rahmt dabei die inneren Bewegungen seiner Reflexionen, die gelegentlich abdriften und dann nur noch lose mit dem Sujet des Buchs zu tun haben, etwa wenn Selge über die Statuen im Nymphenburger Park nachdenkt.
Zerrüttete Verhältnisse
Das Verhältnis der in den Statuen verkörperten Götter zu ihrem Nachwuchs - Kronos verschlingt seine Kinder - ist so diffizil wie jenes von Jura zu seinen Eltern. Die ersten sieben Jahre seines Lebens wächst er bei seiner Tante auf. „Vater und Mutter wollten für sich allein leben“, schreibt Selge. „Wie sie ihrem Sohn das wohl erklärt haben?“ Danach kehrt Jura in zerrüttete Verhältnisse zurück: Sein Vater sitzt wegen „konterrevolutionärer Umtriebe“ im südlichen Ural im Knast, seine Mutter arbeitet in leitender Position in der Distriktbibliothek und zieht Jura und seine jüngere Schwester Ira in Leningrad auf.
Selge befragt eingehend bestimmte Stellen des Tagebuchs, sucht nach dem, was zwischen den Zeilen liegt, erarbeitet ein skizzenhaftes Porträt, das er im inneren Dialog mit dem Jungen weiter ausmalt. Jura spielt Schach, ist ein leidenschaftlicher Leser - wie Selge - und träumt davon, zur See zu gehen.

Der Berufswunsch löst bei Selge Verwunderung aus, schließlich leidet Jura unter einer kranken Lunge und einer starken Sehschwäche, das rechte Auge fast blind, das linke nur mit dreißig Prozent Sehkraft. Es sind die Schwächen, über die man am besten einen Menschen erkennt. Diese Lektion lernt Selge von dem wesentlich jüngeren Jura. „Nur in unserer Schwäche werden wir überhaupt sichtbar.“ Damit sind auch moralische Schwächen gemeint, in Juras Fall, dass er sich im Leningrad der Blockadezeit beim Abholen der Brotrationen für seine Mutter und Schwester immer wieder hungrig etwas abzwackte.
Seine eigenen Schwächen, auch die körperlichen, benennt Selge ganz freimütig und setzt sich erneut schonungslos mit dem Antisemitismus seiner Eltern auseinander. Hinzu kommt ein Moment der Reue: Im April 2022 unterzeichnete er einen offenen Brief gegen Waffenlieferungen an die Ukraine. Als ihm eine junge Frau einen empörten Protestbrief schickt, trifft er sie in Hamburg und überdenkt seine Meinung. „Ich hätte das nicht unterschreiben sollen.“ An anderer Stelle bedauert er, dass er beim Lesen des Tagebuchs nicht Juras Foto neben sich zur Betrachtung legte. Der Grund: „Es ist der mögliche Tod, den ich in anderen entdecke. Mir graust vor dem Nichts. Und das ist am wirklichsten im Gesicht eines Gegenübers.“
Aktives Lesen
Das Motiv des Gesichts, im Hinblick auf körperliche Gewalt und auf die eigene Sterblichkeit, durchzieht das ganze Buch. Selge lässt eine Totenmaske seiner verstorbenen Mutter anfertigen und erinnert sich an anderer Stelle, wie er in die verzerrte Fratze seines Vaters blickte, als der ihn mal wieder verprügelte. „Sofort war mir klar, dass der Schmerz in meinem Gesicht ihn nie dazu bewegt hätte aufzuhören.“
In seinem Tagebuch macht Jura Rjabinkin den Horror der Blockade Leningrads fast physisch spürbar. „Manchmal ist ein Satz wie ein Gesicht“, schreibt Selge. Und schildert in einer besonders feinen, sprachlich dahinfließenden Passage den Glücksmoment, wenn ein Kleinkind von einem Erwachsenen in die Luft geworfen wird: „Aber das Schönste ist die Bewegung der Gesichter aufeinander zu.“

Mit seinem Buch rückt Selge Jura Rjabinkin und sein Tagebuch ins Rampenlicht und dokumentiert dabei seinen eigenen Versuch der Einfühlung, der nicht frei von Projektionen ist. Zudem ist „Juras letzter Winter“ ein inspirierendes Beispiel für „aktives Lesen“: So neugierig und engagiert, wie Selge sich mit dem Tagebuch auseinandersetzt, sollte man auch sein neues Werk lesen. Dabei kommt man nicht nur dem Antlitz von Jura Rjabinkin näher, sondern erhascht auch mehr als nur einen Blick auf Edgar Selge.
Edgar Selge: „Juras letzter Winter“ (Rowohlt, 256 Seiten, 25 Euro). Der Autor stellt sein Buch am 15. Oktober in den Kammerspielen vor. Die Veranstaltung findet in Kooperation mit dem Literaturhaus statt.