Andy Warhol: Der Kopf unter der Perücke

Auf über 1.200 Seiten durchleuchtet der amerikanische Autor und Kunstkritiker Blake Gopnik das Leben des Pop Art-Superstars Andy Warhol - bis in die Leberlappen hinein.
| Christa Sigg
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Der Künstler Andy Warhol vor einem seiner Bilder.
Der Künstler Andy Warhol vor einem seiner Bilder. © picture alliance / dpa

Muss eine Biografie unbedingt eine These verfolgen? Und dazu noch eine so steile? Blake Gopnik hat jedenfalls keine Mühen gescheut, seinen Heroen Andy Warhol auf den Gipfel des Parnass-Gebirges zu katapultieren. Sieben Jahre lang war der amerikanische Kunstkritiker mit dieser Aufgabe beschäftigt, und aus der Sichtung von rund 100.000 Dokumenten ist am Ende auch ein fast anderthalb Kilo schweres Buch von 1.227 Seiten geworden.

Ganz zum Schluss wedelt Andy dann sogar mit einer kleinen US-Flagge. Der Musenberg ist also eingenommen, und womöglich darf man das Fähnchen wie die großen Flaggen auf dem Mond verstehen: Mit der ersten haben Neil Armstrong und Buzz Aldrin 1969 das Revier so schnell es ging für die Amerikaner markiert. Gopnik stellt denn auch gleich im Klappentext klar: "Es sieht immer mehr danach aus, als hätte Warhol selbst Picasso als wichtigsten und einflussreichsten Künstler des 20. Jahrhunderts abgelöst". Vielleicht teilten sie sich auch den Spitzenplatz "neben Michelangelo, Rembrandt und den anderen Genies", räumt er noch generös ein.

"Seit ich angeschossen wurde, spielt sich für mich alles wie im Traum ab"

So viel Tuning muss heute schon sein angesichts einer unüberschaubar gewordenen Fülle an Warhol-Publikationen. Unabhängig vom absurden Ranking und manchen Redundanzen liest sich das Buch aber ausgesprochen spannend, und man erfährt zweifellos alles und noch mehr. Die Notoperation kurz nach dem Attentat am 4. Juni 1968 will man gar nicht so peinlich genau bis in jede Blutung hinein durchdringen. Zur Beruhigung: Nach dem Einstieg mit durchlöcherten Därmen und verletzten Leberlappen hat man auch schon die härtesten Stellen hinter sich gebracht.

Allerdings vermitteln diese medizinischen Details einen Eindruck vom Trauma, das den hochsensiblen Warhol nie mehr verlassen sollte: "Seit ich angeschossen wurde, spielt sich für mich alles wie im Traum ab. Als wüsste ich nicht, ob ich noch am Leben oder wirklich gestorben bin."

Nur die Arbeit konnte ablenken, Warhol produziert wie ein Wahnsinniger, pausenlos, massenhaft. Nach der Bluttat steigen die Preise für damalige Verhältnisse ins Unermessliche. Beflügelt vom eifrigen Vorzeigen seiner Wundmale, die an die Stigmata der Heiligen erinnern. Zugleich wird Warhol extrem vorsichtig, lässt seine Factory bewachen und schickt Doppelgänger in die Kunstszene. Die Perücke wird zum Markenzeichen, ja zur Manie und Andy endgültig zum Mysterium.

Warhol: hinter der Fassade des menschlichen Kunstwerks 

Gopnik gelingt es, erstaunlich weit hinter die Fassade dieses menschlichen Kunstwerks zu dringen und dabei - auch wenn er nicht immer der Erste ist - mit ein paar allzu schönen Legenden aufzuräumen. Zum Beispiel bei den berühmten Campbell-Suppendosen. Der 1928 geborene Warhol hat ständig behauptet, sie aus seiner Kindheit zu kennen, um damit etwas ganz Selbstverständliches in Szene zu setzen. De facto gab es diese Dosen gar nicht in Andys frühem Umfeld, denn mit Wasser, Ketchup, Salz und Pfeffer hat man billiger Suppe gekocht. Der Tipp kam von einer Galeristin, die Warhol 1961 zu einem Motiv riet, das jeder kennt.

Mit den rot-weißen Dosen traf er ins Schwarze. Und so ging es mit Campbell, Brillo (1964) und Co. steil nach oben. Als Außenseiter - und das war er als Sohn karpato-ruthenischer Immigranten - konnte Warhol den Amerikanern die eigene Alltagskultur vor Augen führen, sie etwa im Siebdruck stapelweise reproduzieren und damit gleichzeitig umformen. Der Künstler wurde zur Maschine, im Fall Warhols darf man ruhig sagen, zur Gelddruckmaschine.

Dabei schwingt bei ihm stets eine gewisse Distanz mit, auch eine latente Kritik an einer Gesellschaft, in der es genauso elektrische Stühle und Rassentrennung gibt und die er von ganz unten kennengelernt hat.

Dieser Aspekt wird auch von Gopnik ein wenig überstrapaziert. Denn es ist ja nicht so, dass die Warholias, wie sie eigentlich hießen, Underdogs waren. Umgeben von anderen Auswanderern in Pittsburgh dürfte dem kleinen Andy der Mangel zunächst gar nicht bewusst gewesen sein, allenfalls, wenn die Familie mit Blumen aus Blechdosen hausieren ging.

Warhol zum Genius stilisiert

Die Brüder verhätscheln ihn, bauen ihm im Keller eine Dunkelkammer, wo er die Ergebnisse seiner Baby-Brownie-Kamera bearbeiten kann. Und dann gibt es vor allem die liebevolle Zuwendung von Mutter Julia, die seine künstlerische Ader unterstützt.

Dass ihr Einfluss lange nicht so groß ist, auch das zählt zu den Korrekturen Gopniks. Doch nicht zuletzt mit dem Ziel, Warhol zum Genius zu stilisieren: Der mag in seiner Jugend und in den 40er Jahren als Kunststudent am Carnegie Institute of Technologie vieles in Grundzügen kennengelernt haben, aber auf die Idee, daraus seine ganz spezielle Kunst zu entwickeln, musste er schon selber kommen. Das reicht vom kindlichen Durchpausen banaler Bilder bis zum Siebdruck und den Methoden aus der Zeit als Werbegrafiker.

Gopnik kann diesen Weg fabelhaft erklären, das Außergewöhnliche und verblüffend Neue auf den Punkt bringen, mit dem Warhol den abstrakten Expressionismus mehr und mehr in die Ecke schiebt. Derweil werden die Motive immer weniger wichtig, ob Marilyn oder Dollar-Noten - entscheidend ist, der Künstler, der den Mechanismus in Gang bringt und selbst zum Kunstwerk wird. Dass Warhol nicht völlig allein vor sich hinbastelt, das geht im umfassenden Andy-Jubel freilich ein bisschen unter.

Warhol war offen homosexuell

Dagegen widerlegt Biograf Gopnik endgültig die Mär vom schüchternen Schwulen und zeichnet Warhol als offen Homosexuellen, was in den 1950er Jahren durchaus problematisch war. Zugleich hatte sein Auftreten etwas Verklemmtes, wahrscheinlich auch, weil Warhol ein Leben lang unter Akne und Pigmentstörungen, unter einer knolligen Nase und dem frühen Haarausfall litt, den er bald mit einem Toupet kaschiert hat.

Gopnik erzählt minutiös von Andys College-Affäre mit dem Upperclass-Boy Ted Carey und wie er generell die jungenhaften und später dann deutlich jüngeren Männer bevorzugt - zum Ende hin ist es Jed Johnson, der ihn hegt und pflegt. Genauso kommt Warhols Penisfixiertheit zur Sprache, die mit vielen Unterleibszeichnungen im legendären "Cock Book" Niederschlag gefunden hat. Ganz Strippenzieher und manchmal auch Manipulator ließ er Partner über seine Zuneigung im Unklaren. Wer sich in Warhol verliebte, musste leidensfähig sein. Und wenn ein lästiger Lover partout mit nach Hause wollte, hatte er immer die Ausrede, dass Mum Julia etwas hören könnte.

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Die Mutter stand wenige Jahre nachdem Warhol in New York angekommen war, vor der Tür, um nur mal nach dem Rechten zu sehen. Julia bleibt annähernd 20 Jahre, schart fast genauso viele Katzen um sich und kratzt bei aller Innigkeit der Beziehung ordentlich an Andys Nerven. Doch für die großen und kleine Exzesse gibt es andere Orte wie die Factory, andere Gelegenheiten wie die wilden Nächte im Studio 54, The Velvet Underground und seine schrillen Anhänger - bis er dann vorzugsweise zuschaut, anstatt sich selbst mit Speed und anderem Teufelszeug vollzupumpen.

Zuweilen wundert man sich, wie tief Gopnik in die Akten blicken durfte, von den Krankendossiers bis zum behördlich gemeldeten Verdienst des Vaters. Ganz davon abgesehen, dass der Künstler selbst alle paar Tage das Sammelsurium auf seinem Schreibtisch in eine Schachtel gekehrt und mit der vielsagenden Aufschrift "TC" für Time Capsule, Zeitkapsel, und Datum versehen hat.

Man findet so ziemlich alles, von Kinokarten, Kuchenbröseln und unbezahlten Rechnungen bis zu Schnipseln aus Pornoheften und altem Weihnachtsschmuck. Frei nach dem Motto: Sammle alles, irgendwann wird es Kunst sein. Oder zumindest wertvoll, wenn der Welt klar geworden ist, dass Andy spätestens seit seinem Tod 1987 auf dem Parnass sitzt. Mit wem auch immer.


Blake Gopnik: "Warhol - Ein Leben als Kunst. Die Biografie" (C. Bertelsmann Verlag, 1232 Seiten, 48 Euro)

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