Robert Harris' Roman "Agrippa": Der Mann, der Kaiser Augustus machte
Zwei Wochen nach der Ermordung Cäsars erreicht die Meldung auch dessen Großneffen Octavian, der gerade zur Ausbildung in Apollonia (im heutigen Albanien) weilt. Drei Tage später erreicht ihn ein weiterer Brief seiner Mutter: Cäsar habe den 17-jährigen zu seinem Haupterben und Nachfolger bestimmt, aber er solle das Erbe nicht antreten, den Machtkampf gegen Marcus Antonius, der bereits die Staatskasse und Grundstücke Cäsars an sich gerissen habe, könne er nicht überleben.
Octavian und sein kaum älterer Freund Agrippa zaudern nur kurz. Was hätte Cäsar wohl getan? Und so beschließen sie, die Welt zu übernehmen, koste es, was es wolle. Als bemerkenswerteste „Buddy-Story“ aller Zeiten bezeichnet der britische Autor Robert Harris, die Verbindung der beiden Teenies, die er in seinem neuen Roman „Agrippa“ erzählt.
„Robert, bist Du Dir sicher? Diese ganzen Schlachten, eineinhalb Jahrzehnte Bürgerkrieg!“, hatte die Althistorikerin Mary Beard den Autor gewarnt, als er ihr bei einem Mittagessen von seinem Romanprojekt erzählte. Er war sich sicher und löst das Vorhaben mit einem Kniff: Der Ich-Erzähler Agrippa, der vor dem Leser sein Leben aufrollt, liegt schwer erkrankt in seiner Villa im Golf von Neapel.

Agrippa schreibt gegen den Tod an
Die Ärzte haben ihn aufgegeben. Ihm bleibt nicht mehr viel Zeit für detaillierte Schilderungen oder sprachliche Ausschweifungen, manche Schlachten bündelt er in kurzen Sätzen. Aber seine Erinnerungen sind ein rasanter, mitreißender Ritt durch eine entscheidende Phase der Weltgeschichte.
Und da von Agrippa so gut wie keine schriftlichen Dokumente überliefert sind, hat Harris alle Freiheiten eines Romanschriftstellers.
Schon im letzten Band seiner Cicero-Trilogie hat Harris diese Phase der römischen Geschichte beschrieben. Dieses Mal konzentriert er sich ganz auf die Essenz von Machtpolitik. Der Autor, der auch eine Papstwahl in einen Thriller verwandelt hat („Konklave“), analysiert in Agrippa den langen, äußerst blutigen aber kontinuierlichen Aufstieg von Octavian bis er schließlich unter dem Namen Augustus der erste römische Kaiser wird.

Nichts davon wäre ohne Agrippa seinen Strategen, mutigen Kämpfer, Heerführer und Vater der römischen Flotte möglich gewesen. Dabei wird dessen ungebrochene Loyalität durchaus auf harte Proben gestellt. Octavian, von schwächlicher Gesundheit, lässt sich in Rom für Siege feiern, die er krank im Zelt „errungen“ hat.
Auch das finale Puzzlestück, um aus dem Triumvirat der Feinde Marcus Antonius, Lepidus und Octavian einen einzigen Gewinner abzuleiten, findet ohne Octavians aktive Unterstützung statt. Agrippa zerstört die Flotte von Marcus Antonius am 2. September 31 vor Christus bei Actium vor der Westküste Griechenlands.
Zwar gelingt Marcus Antonius an der Seite von Kleopatra noch die Flucht nach Ägypten. Doch ihr Schicksal ist entschieden, sie wählen den Freitod.
Robert Harris "rächt" sich an Augustus
Die strategischen Kriegsleistungen von Agrippa sind überragend, doch erst nach dem Ende des Bürgerkriegs entdeckt er seine wahre Bestimmung: nicht das Zerstören, sondern das Erschaffen. Als oberster Baumeister Roms errichtet er Hunderte von Brunnen und viele öffentliche Bäder für die Bürger, er erneuert die Cloaca Maxima, lässt Viadukte reparieren und neu errichten. Herkulesaufgaben mit generalstabsmäßiger Planung: So bauen 30.000 ehemalige Soldaten in nur 18 Monaten ein Viadukt von fast 100 Kilometern Länge. „Ich habe eine Stadt aus Backstein vorgefunden, ich habe euch eine Stadt aus Marmor hinterlassen“, sagte Augustus später. Manches davon ist auch Agrippas Werk.
Robert Harris sieht seine mitreißende Geschichte über Macht, Missbrauch, Intrige und Loyalität auch als Rechtfertigung gegenüber Agrippa, der zu Unrecht einen Nebenplatz in der Weltgeschichte einnimmt. Doch während Agrippa tatsächlich im Alter von 50 Jahren starb, überlebte ihn Augustus als Kaiser um ein Vierteljahrhundert und erwähnte ihn in seinem politischen Testament nur zwei Mal. Robert Harris rächt sich dafür mit einem originellen schriftstellerischen Twist. Volker Isfort
Robert Harris stellt „Agrippa“ (Heyne, 400 Seiten, 26 Euro) am 16. November 2026 um 19 Uhr in der Aula des Wilhelmsgymnasium vor (Thierschstr. 46)
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