Blues und Bratwurst

Chris Rea hatte sich schon von seinen Fans verabschiedet, doch nun geht er mit  einem neuen Album wieder auf Tournee
| Steffen Rüth
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Chris Rea hatte sich schon von seinen Fans verabschiedet, doch nun geht er mit einem neuen Album wieder auf Tournee

Der Mann mit der rauchigen Stimme und der lässig gespielten Bluesgitarre ist seit fast vier Jahrzehnten im Geschäft. Auf sein Konto gehen Klassiker wie „Road to Hell” oder „Josephine”. Doch vor zehn Jahren erkrankte der Brite an Bauchspeicheldrüsenkrebs und musste um sein Leben kämpfen. Heute ist er wieder so weit hergestellt, dass er arbeiten kann. Das neue Album von Chris Rea heißt „Santa Spirito” und besteht aus einem Bluesrockalbum, den zwei Filmen „Bull Fighting” und „Santo Spirito” sowie jeweils deren Soundtracks.

AZ: Mister Rea, Sie bringen jetzt ein wahres Mammutwerk heraus. Woher kommt dieser unerwartete Tatendrang?

CHRIS REA: Einfach nur ein Album zu machen, wäre langweilig gewesen. Blues und Songs, das mache ich ja schon seit Jahrzehnten. Die Leinwand, auf der man im Rock’n’Roll malen kann, ist sehr übersichtlich, eigentlich eher klein. Es gibt nur eine gewisse Anzahl von Elementen, die auf diese Leinwand passen. Also habe ich mir eine größere Leinwand gebaut. Ich habe Filme gedreht und zu den Filmen passende Instrumentalmusik geschrieben.

„Santo Spirito” ist ein collagenhafter Schwarzweißfilm, der in Florenz spielt und die Malerei der Renaissance zum Thema hat. „Bull Fighting” beschäftigt sich in schönen, aber grausamen Bildern mit der Tradition des spanischen Stierkampfes. Gibt es für diese Kunst einen Markt?

Den gibt es, und das hat mich anfangs auch überrascht. Als ich vor sechs Jahren „Blue Guitars” veröffentlichte, ein Kompendium mit elf CDs, auf denen ich die Geschichte des Blues nachzeichne, hätte ich nicht geglaubt, dass sich jemand dafür interessiert. Und dann kaufen 165000 Menschen dieses Werk zu 30 bis 40 Euro. Das hat mir bewiesen, dass die Leute noch da sind, sie wollen nur verwöhnt werden mit besonderen Produkten. Auf der anderen Seite brauchen die Menschen nämlich kein weiteres, normales, Album ihres Lieblingskünstlers. Man muss sich nichts vormachen, ich bin Realist.

Beide Filme wirken ausgesprochen morbide.

Wundert Sie das wirklich? Ich habe sehr, sehr oft über den Tod nachgedacht in den vergangenen zehn Jahren. Neun Mal habe ich die Narkosemaske aufbekommen, um operiert zu werden, und neun Mal stellte ich mir vor, ich wache nie wieder auf.

Wie geht es Ihnen denn heute?

Es ist ganz in Ordnung, gesund werde ich aber nie mehr. Mir fehlen die Bauchspeicheldrüse und die Gallenblase, dazu Teile des Magens. Ich muss täglich 30 Tabletten und sieben Insulinspritzen nehmen, denn seit der Krankheit bin ich auch Diabetiker. Und gerade erst dieses Jahr kam der Krebs in begrenzter Form zurück. Es ist nicht dramatisch, aber man muss es genau beobachten.

Sie hatten schon 2005 angekündigt, sich vom aktiven Geschehen zurückzuziehen.

Ich hatte nur Angst, dass meine Krankheit mir keine andere Wahl lässt. Es sah lange so aus, als könnte ich nicht mehr touren. Und man bekam das Gefühl, als wolle das Musikgeschäft von uns älteren Leuten, von Leuten wie Kate Bush, Peter Gabriel, Jeff Beck und mir, nichts mehr wissen. „Blue Guitars” hat mich neu motiviert. Und an die Einschränkungen durch die Krankheit gewöhnt man sich. Ich toure halt langsamer und habe ein dickes Buch dabei, in dem exakt steht, was ich essen darf und was nicht. Ganz aufhören bekäme mir nicht gut. Ich lebe für die Musik. Sie gibt mir Kraft und ist, neben meiner Familie, der wichtigste Antrieb, weiterzumachen.

Kann man die neuen Lieder als altmodisch bezeichnen?


Natürlich, sie sind altmodisch. Ich bin mir sicher, dass die besten Songs der Welt schon geschrieben sind. Richtig hervorragende Musik gibt es ja kaum noch. Und wenn, dann wird sie überwiegend von uns Alten gemacht. Es ist ja auch so: Tradition muss nicht schlecht sein, nur weil sie alt ist. Nehmen wir deutsche Bratwürste – warum sollte man sie ändern? Sie sind wunderbar so wie sie sind.

Sie waren eher ein Geheimtipp, wurden aber mit „On the Beach” und „The Road to Hell” zum Popstar, der in einer Liga mit Kollegen wie Phil Collins spielte. Wie sehen Sie im Rückblick diese Zeit?

Zwiespältig. Ich wollte Bluesmusiker sein, doch plötzlich war ich dieses Charts-Gesicht. Anfangs freut man sich über den Erfolg und die finanzielle Freiheit, irgendwann jedoch habe ich ihn gehasst, den Popstar Chris. Meine Plattenfirma ließ mich nicht einfach heimgehen und machen, wozu ich Lust hatte. Ich musste weiter Hits liefern und wurde immer unglücklicher. Dann kam die Krankheit, und seitdem mache ich nur noch das, was ich wirklich will.

Chris Rea: „Santo Spirito” (Warner Music).
Konzert am 22. Februar 2012 in  der Olympiahalle

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