Bambi überlebt die Oper

Zwölf Tiere dürfen weiterleben! Die Abendzeitung berichtete über die fragwürdigen Requisiten, jetzt lenkt die Staatsoper ein. In den Aufführungen wird jetzt die "Reproduktion eines Rehs" gezeigt.
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Kunst oder Mord? Im zweiten Akt der "Rusalka"-Inszenierung von Martin Kusej sollte ursprünglich ein totes Reh gehäutet werden.
Wilfried Hösl Kunst oder Mord? Im zweiten Akt der "Rusalka"-Inszenierung von Martin Kusej sollte ursprünglich ein totes Reh gehäutet werden.

MÜNCHEN - Zwölf Tiere dürfen weiterleben! Die Abendzeitung berichtete über die fragwürdigen Requisiten, jetzt lenkt die Staatsoper ein. In den Aufführungen wird jetzt die "Reproduktion eines Rehs" gezeigt.

Tatsache ist, dass kein einziges Tier aufgrund einer Bestellung der Bayerischen Staatsoper erlegt worden ist oder wird“, so die Staatsoper gestern in einer Pressemitteilung. „Die Bayerische Staatsoper hätte die Tiere im Metzgereigewerbe erworben, nachdem sie bereits Tage vorher erlegt worden wären.“

Das klingt ein wenig nach: Wasch mir den Pelz, aber mach’ mich nicht nass. In der Tat ist Jagdsaison und das Angebot an Wild groß. Aber ehe das Fleisch zum Metzger kommt, muss ein Tier getötet werden. Das weiß jeder, aber niemand hört es gern. Es ist die übliche Doppelmoral im Umgang mit Fleisch.

Geprobt wurde bereits mit totem Getier. Denn sonst gäbe es die Fotos aus einer der Schlussproben nicht. In der Premiere am Samstag und den folgenden elf Vorstellungen von „Rusalka“ sollte jeweils ein Tier auf die Bühne geholt werden. Das wären mindestens zwölf Rehe gewesen.

Jetzt aber werden die Tiere, anders als vom Regisseur Martin Kušej geplant, durch Nachbildungen ersetzt. „Es geht auf der Bühne um den Inhalt und die künstlerische Aussage“, erklärt Intendant Nikolaus Bachler in der gleichen Mitteilung. „Rehjagd ist ein wichtiges Motiv in der Oper ,Rusalka’. Daher wählen wir Mittel, die es den Boulevardmedien nicht ermöglichen, von der Kunst abzulenken.“

Über die Kunst wird nach der Premiere zu reden sein. Das Urteil über die Wahl der Kunstmittel ist bereits gefallen: Das Echo auf den AZ-Artikel über den geplanten Einsatz eines toten Rehs als Wegwerf-Kreatur war rundum katastrophal. „Ein solcher Umgang mit unseren Mitgeschöpfen unter dem Deckmäntelchen der Kunst ist unter ethischen Gesichtspunkten zutiefst zu verurteilen“, erklärt Wolfgang Apel, Präsident des Deutschen Tierschutzbundes. Nicole Brühl, Präsidentin des Bayerischen Landesverbands schließt sich an: „Man muss kein radikaler Tierschützer sein, um zu sehen, dass solch ein Vorgehen unmöglich ist. Da fragt man sich, ob die Regisseure keine anderen Ideen mehr haben, um Aufmerksamkeit zu erzielen.“ Auch der Bund Naturschutz zeigte sich „erschüttert“ über die stillosen Pläne

Das Tier darf nach seinem „Bühnendienst“ nicht gegessen werden. Paragraf 3 der Verordnung zur Lebensmittelhygiene der der EU schreibt vor, dass die Tiere auf mindestens 7 Grad heruntergekühlt sein müssen. Das sind sie in der Oper nicht, also würden die Tiere alleine der Kunst dienen. Das tote Reh war auch innerhalb der Belegschaft der Oper höchst umstritten. „Viele hier finden das einfach nur widerlich“, sagt ein Mitarbeiter zur AZ. Regisseur Martin Kušej liebe den Geruch von toten Tieren, die Sänger dagegen überhaupt nicht.

In der Inszenierung kommen auch Fische in einem Aquarium vor, das dann kaputt geht und ausläuft. Sie sind aus Kunststoff. „Die waren bei einer Probe aber auch echt“, sagt der Mitarbeiter, der seinen Namen aus Angst um seinen Job nicht in der Zeitung lesen will. „Die Fische sind reihenweise gestorben – als der Inhalt des Aquariums dann in die Bühnenhydraulik lief, hatte man Angst, dass Fischkadaver, die man übersieht, anfangen zu stinken. Deswegen haben wir jetzt künstliche Fische.“

Auch habe Kušej vorgehabt, das Reh auf der Bühne richtig aufbrechen zu lassen und mit echtem Tierblut zu arbeiten. „Der Chor und die Sänger haben sich geweigert.“ In der Inszenierung gibt es 30 weitere Rehkadaver aus Kunststoff. „Die sehen täuschend echt aus. Wozu also ein echtes Reh?“, fragt der Mitarbeiter. „Doch Kušej droht dann, nicht mehr an der Staatsoper zu inszenieren, weil er da keine Freiheit hat. Und schon knicken alle ein.“

Rein tierschutzrechtlich ist die Aktion erlaubt – das hat das KVR der Oper schon vorher bestätigt, gleichzeitig aber angeregt, ob man denn nicht eine andere Lösung finden könne. Vielleicht hätte man es mit Johann Wolfgang von Goethe halten sollen. „Kinder und Tiere haben auf der Bühne nichts zu suchen“, soll der gesagt haben. Er nahm als Theaterdirektor seinen Hut, weil der Weimarer Großherzog unbedingt das Stück „Der Hund des Aubry“ mit einem dressierten Vierbeiner sehen wollte.

Robert Braunmüller/Tina Angerer

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