Balkan und weißes Bakelit

Martin Mosebachs Roman „Das Blutbuchenfest“ erzählt Schwänke aus dem Leben prekär lebender Intellektueller, die mit Handys telefonieren, die es zur Zeit der Handlung noch nicht gab
| Robert Braunmüller
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Der Feingeist und Schriftsteller Martin Mosebach.
dpa Der Feingeist und Schriftsteller Martin Mosebach.

Der Autor ist ein Menschenfreund. Auf drei Seiten schildert er liebevoll, wie eine Putzfrau bosnischer Herkunft in die Badewanne ihrer Klientin eintaucht. Dass da gleich noch über „zeitlose, ja ewigkeitliche Frauengesten“ schwadroniert wird, nimmt man in Kauf, und halb ironisch-mythologische Anspielungen auf die Schaumgeburt der Venus schmeicheln dem lesenden Bildungsbürger in uns allen.

Mosebach schaut nicht von oben aufs Personal herab. Er durchbricht die bis heute allgegenwärtige literarische Ständeklausel, die Tragödien nur Königen und großen Herren zubilligt. Akademisches Prekariat wie den verkrachten Kunsthistoriker und einen Gschaftlhuber, der einen wichtig-wichtigen Kongress über die Würde des Balkans organisiert, trifft dagegen ironische Verachtung.

Selbst der uralte Schwank vom Liebhaber im Kleiderschrank riecht in diesem Roman frisch gebügelt. „Das Blutbuchenfest“ ist also ein typischer Mosebach, wunderbar leichtfüßig mit einem Hauch von Thomas Mann und auch ein wenig erwartbar, wenn der Autor am Ende alte Indien-Erinnerungen plündert. Und es wird viel telefoniert, was eine Realismus-Debatte in den Feuilletons von „FAZ“ und „SZ“ ausgelöst hat. Denn da steht nicht nur in einer Traumsequenz ein weißes Bakelit-Telefon auf dem Tisch des UN-Generalsekretärs Boutros-Ghali, es gibt auch ein Wand-Telefon, mit dem Bosnien über Festnetz besser erreichbar ist als mobil und diverse Handys, sogar in Sarajevo.

Nicht auf den Lektor gehört

Allerdings spielt die Geschichte unzweideutig im Jahr 1991, im Vorfeld des Bosnien-Kriegs, als der erwähnte Jack Lang als französischer Kulturminister noch amtierte: schöne Jahre, aber noch die Steinzeit der mobilen Telefonie, in der man in riesige Knochen sprach, die kein stilvoller Mensch mit sich herumtrug.

Schon der Lektor soll den Autor auf derlei Anachronismen hingewiesen haben. Sie stören nicht, aber sie verwundern angesichts der Detailverliebtheit des Autors, der auf subtile Unterschiede wie dem zwischen hellem feinporigen Stein und Marmor herumzureiten liebt.

Die Handlung umkreist die Planung einer Tagung zur Würde Bosniens und die Recherchen eines Ich-Erzählers zu Ivan Mestrovic. Der war, wie man aus dem Roman lernt, eine Art jugoslawischer Rodin. Ihm hat der Setzer den Hatschek auf dem s und den Akzent auf dem c geraubt, was unserer Zeitung vielleicht nachgesehen werden kann, dem Hanser-Verlag allerdings nicht.

Zum Balkan ist Mosebach leider nicht mehr eingefallen als das Staunen über archaische Rituale, gemildert durch antikische Anspielungen. Sein Fabulieren nimmt trotzdem für sich ein. Aber auf Novellenformat beschnitten, wären seine Geschichten eine Klasse besser.

Martin Mosebach: „Das Blutbuchenfest“ (Hanser, 448 Seiten, 24.90 Euro)

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