Aus ihrer Sicht: "Poesie der Hörigkeit"

Lea Singers „Poesie der Hörigkeit“ erzählt, wie Gottfried Benn ein Teenagermädchen bis zu ihrem Tod als Frau von 49-Jahren in seinem erotischen Bann hielt.
| Adrian Prechtel
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Die Identifizierung Benns mit dem brutalen Erlösungs- und Sinnversprechen der NS-Zeit wird zum Prüfstein der Liebe von Mopsa Sternheim.
dpa Die Identifizierung Benns mit dem brutalen Erlösungs- und Sinnversprechen der NS-Zeit wird zum Prüfstein der Liebe von Mopsa Sternheim.

Lea Singers „Poesie der Hörigkeit“ erzählt, wie Gottfried Benn ein Teenagermädchen bis zu ihrem Tod als Frau von 49-Jahren in seinem erotischen Bann hielt.

 

Teenager schwärmen, Dorothea – im Hause Sternheim Mopsa genannt - ist darüber weit hinaus. Mit sieben Jahren lässt die übersentimentale, unglücklich verheiratete Mutter Thea ihre Tochter vom Arzt mit dem metallenen Stethoskop am Rücken abhören. Es fühlt sich an wie ein kaltes Brandzeichen. Mit gut zwölf Jahren ist Mopsa von der Stimme, Festigkeit des kantigen Mannes und seinem verwegenen Geruch sexuell ahnend fasziniert, mit 17 vom Blitz getroffen, ohne dass der „Krebsbaracken“-, „Gehirne“- und „Fleisch“-Dichter“ ihr wirklich Anlass gegeben hätte. Schließlich ist die Mutter des Teenagers Benns liebende Gönnerin. Aber ab jtzt ist das großbürgerliche Leben von Mopsa, deren Vater der Skandaldicher Carl Sternheim ist, im Bannkreis von Gottfried Benn (1886 – 1956) – durch drogensüchtige Twen-Jahre in Berlin hindurch , 1933 auf der Flucht und beim Abstieg im Pariser Exil. Es ist die Geschichte eines brennenden Begehrens für den „kalten Gott“. Es ist eine Liebe, die eigentlich Hass sein müsste, auch gegenüber ihrer Mutter, die ja ihre Rivalin um Benn ist, bis zu Mopsas Krebstod 1954 mit 49 Jahren.

Das entfesselte Berlin der 20er Jahre

Die Münchner Autorin Eva Gesine Baur, die unter dem Pseudonym Lea Singer ihre belletristischen, biografischen Romane schreibt, fiebert fesselnd durch das Leben der Mopsa Sternheim. Wir erleben es aus deren Augen und spüren es durch ihren gemarterten Körper. Der Erste Weltkrieg ist Drohung für den syphilitischen, dauernervösen Starschriftsteller-Vater. Dann ist das Berlin der entfesselten 20er Jahre eine Lasterhöhle, die weder voyeuristisch noch verklemmt beschrieben wird, sondern wie zeitgenössisch als eine riskante Wellt von heute – zwischen Gosse und Gasse, Bürgertochter-Pensionszimmer und magisch düsterer Arztpraxis des Dr. med. Benn, Arzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten.

Geschlechtsarzt Dr. med Benn als Dämon

Die Identifizierung Benns mit dem brutalen Erlösungs- und Sinnversprechen der NS-Zeit wird zum Prüfstein für die sich selbstzerfleischende, sich oft nichtig fühlende Mopsa, die auch eine Freundin von Klaus und Erika Mann und Pamela Wedekind ist - allesamt sind sie „Gefangene zu großer Freiheiten. Beschenkt aus der Sicht der Ahnungslosen. In Wirklichkeit eingesperrt im Ruhm der Väter“.

"Mit Schulden bezahlt, die große Geste"

In Pariser Exil versucht Mopsa sich den Dämon Benn auszutreiben – vergebens selbst noch im KZ, wohin sie als Widerstandskämpferin deportiert wird, kommt sie nicht los von Benn als Sehnsuchtsmann. Lea Singer beschreibt das alles packend, plastisch ohne Schleier, aber eben kunstvoll. Die Drastik, Härte von Benns Expressionismus ist auch im Stil der „Poesie der Hörigkeit“ fühlbar, der ebenfalls schnörkellos bleibt - kein Wort zu viel. Assoziativ und doch klar wird der Leser durch das Innen- und Außenleben einer Frau getrieben, die einem Mann verfallen ist, einem Künstler, dessen NS-Einlassung auch erklärt wird aus seinem Scheitern und kleinbürgerlicher Gier nach Anerkennung: „Psychiater hatte er werden wollen. Schiefgelaufen. Die Karriere als Stabsarzt fortsetzten. Abgebrochen, warum auch immer. Stadtarzt hatte er erden wollen. Abgelehnt. Anerkannt werden als Dichter. Erst letztes Jahr die Ernennung zum Akademiemitglied. Geldverdienen als Dichter. Honorar gepfändet. Eindruck machen als Galan mit Orchideen und Chanel. Mit Schulden bezahlt die große Geste...“

Wohlstandsverwahrlosung als Triebkraft in die Hände des Dichters

Warum aber verfällt die Sternheim-Tochter diesem Möchtegern-Großbürger? Singer erzählt das auch als Geschichte einer Wohlstandverwahrlosung: Mopsas Eltern hatten mit ihrem Umsichkreisen und neurotischen Lebensstil „beide dafür gesorgt, dass bei den Kindern der Hunger nach Geborgenheit immer größer wurde, je satter sie waren“. Benn war eine von jeher „uneinnehmbaren Festung“, die Mopsa aber als ihr versprochen fühlte. Diese „Uneinnehmbarkeit“ ist die Tragik – auch von benn selbst. Und diese Uneinnehmbarkeit ist der Motor von Mopsas aggressivem und autoagressivem Sich-Verzehren – zwischen Hingabe, Drogensucht und kreativen Schüben.

Wunderbar passend eingestreut sind im Roman Gedichte Benns, die in ihrer kryptischen Klarheit sofort faszinieren und auch eine erotisch dunkle Anziehung dieses Mannes erklären. Und Lea Singers „Poesie der Hörigkeit“ ist so selbst ein geschliffener, aber flüssig mitreißender Biografie-Roman.

Lea Singer: „Poesie der Hörigkeit“ (Hoffmann und Campe, 220 Seiten, 20 Euro)

 

 

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