Augsburger Fuggerei: Ein Entwurf für die Ewigkeit

Vor 500 Jahren hat der Augsburger Kaufherr Jakob Fugger eine bis heute gut funktionierende Sozialsiedlung gestiftet, die Anregungen für die Zukunft bietet.
| Christa Sigg
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Idylle mitten in der Großstadt Augsburg: Ockerfarbige Häuser bestimmen das Bild der Fuggerei, deren Zentrum ein schlichter Brunnen bildet.
Idylle mitten in der Großstadt Augsburg: Ockerfarbige Häuser bestimmen das Bild der Fuggerei, deren Zentrum ein schlichter Brunnen bildet. © Eckhart Matthaeus

Ein idyllischer Brunnen, heimelig ockerfarbene Häuserreihen mit wildem Wein, an der Ecke ein hölzerner Mitteilungskasten, wie man ihn selbst in kleinen Gemeinden kaum mehr findet und dann diese fast aus der Zeit gefallene Aufgeräumtheit. Vielleicht liegt es am guten Wetter, dass es hier wie in einer sorgsam gebauten Filmkulisse ausschaut. Unter den Touristen, die jetzt wieder in größerer Zahl in die Fuggerei kommen, führt das mitunter zu einer gewissen Ratlosigkeit: Haben sich die Augsburger dieses lebende Museum nicht einfach nur als fremdenverkehrswirksame Attraktion einfallen lassen? Und gehen die Menschen, die eben noch aus dem Fenster lächeln, womöglich abends, "nach dem Job", in ihre "richtigen" Wohnungen?

Fuggerei als älteste Sozialsiedlung der Welt

Man kann das leicht klären, in den Gassen ist immer jemand unterwegs und gibt geduldig Antwort: "Isch alles echt", amüsiert sich eine ältere Dame und deutet mit ihrem Stock um sich herum. Wobei ihr diese Realität selbst manchmal wie ein Traum vorkommt, denn niemand müsse hier allein sein. Während Corona ist das zwar etwas komplizierter geworden, aber die Gemeinschaft, das tatsächliche Zusammenleben wird in der ältesten Sozialsiedlung der Welt groß geschrieben.

Das zählt für manchen mehr als die Sensation, die uns heute zuallererst ins Auge sticht: die symbolische Miete, die so gering ausfällt, dass man sich draußen nicht einmal eine Kugel Eis dafür kaufen kann. Exakt 88 Cent sind es im Jahr plus Betriebskosten, die unter 90 Euro liegen. Dieser kuriose Betrag entspricht einem Rheinischen Gulden. Der ist im Stiftungsvertrag festgehalten, den Jakob Fugger (1459-1525) am 23. August 1521, also vor genau 500 Jahren, unterzeichnet hat. Im Gegenzug wurden steuerliche Erleichterungen gewährt, wenngleich das sicher nicht den Ausschlag für dieses Vorhaben gab.

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Jakob Fugger war 1521 wahrscheinlich der reichste Mann der Welt

Der damals wahrscheinlich reichste Mann der Welt war ein tief gläubiger Kirchgänger, aber auch ein scharf kalkulierender Kaufmann und Bankier. Kaiser und Könige standen bei ihm in der Kreide. Und was für die Armen gut ist, das befördert schließlich auch das Seelenheil des Wohltäters. Komme, was wolle.

Tief im Inneren muss Fugger gespürt haben, dass die alten Autoritäten bald ins Wanken geraten würden und auf das Glück sowieso kein Verlass war. Zehn Jahre zuvor erst hatte er sein länderübergreifendes Unternehmen gerade noch vor dem Bankrott bewahren können - mit dem Brixner Fürstbischof Melchior von Meckau war ein Großinvestor überraschend gestorben. Doch der wiederum vom Geld der Fugger abhängige Kaiser Maximilian I. intervenierte höchstpersönlich.

Alles wird bis heute in Gang gehalten und gepflegt

Man darf davon ausgehen, dass dieser Fingerzeig Fortunas seine Spuren im Gemüt dieses Tycoons hinterlassen hat. Die Brüder Georg und Ulrich waren bereits verstorben, jetzt musste der mittlerweile geadelte Jakob in die Zukunft und damit auch ans Jenseits denken.

Mit der grandiosen Kapelle in der Sankt-Anna-Kirche, dem Initialbau für die Verbreitung der Renaissance nördlich der Alpen, war bereits für eine adäquate Grablege gesorgt. Sie ging neben einer Prädikatur für Sankt Moritz - Gemeindemitglied Fugger wollte damit bessere Predigten sicherstellen - sowie den "Häusern am Kappenzipfel", der späteren Fuggerei, in die Stiftungsurkunde von 1521 ein. Alles wird bis heute in Gang gehalten und gepflegt, selbst die katholische Grabkapelle in der längst evangelischen Annakirche.

Fuggerei-Bewohner sind verpflichtet, dreimal am Tag zu beten

Der Glaube spielt auch in der Fuggerei eine Rolle. Die Bewohner müssen Mitglieder der katholischen Kirche sein, und zu den 88 Cent Miete kommt die Verpflichtung, dreimal am Tag zu beten: ein Vaterunser, ein Ave Maria und das Glaubensbekenntnis. Was schwerlich zu kontrollieren ist. Genauso wenig, ob des Stifters gedacht wird, der mit ursprünglich 52 Häusern eine Utopie realisiert hat, die bis heute vorbildlich und einzigartig ist.

Die Mittlere Gasse der Fuggerei.
Die Mittlere Gasse der Fuggerei. © Eckhart Matthaeus

Damals schon konnte man in keiner großen Stadt so preisgünstig unterkommen wie in der Augsburger Fuggerei. Für eine vergleichbare Wohnung musste man in Nürnberg locker das Doppelte, wenn nicht Dreifache berappen. Und Bedarf gab es immer. "In jüngster Zeit sind die Wartelisten auch bei uns länger und länger geworden", erklärt Astrid Gabler, die bei den Fürstlich und Gräflich Fuggerschen Stiftungen für die Kommunikation zuständig ist. "Wir haben zunehmend jüngere Bewerber, unsere Struktur ist gemischter geworden, vom Baby einer alleinerziehenden Mutter bis zur Hochbetagten mit minimaler Rente".

Wie beim Einzug in eine Sozialwohnung wird die Bedürftigkeit geprüft. Freilich mit dem Unterschied, dass man das begehrte Domizil bei steigendem Einkommen auch wieder von sich aus frei macht. "Für die Menschen ist das ein Selbstverständnis", sagt Gabler. Das hat sicher auch mit Solidarität zu tun und nicht zuletzt mit der Dankbarkeit, die man bei vielen Bewohnern heraushört.

140 Wohnungen in 67 zweistöckigen Häusern

Jakob Fugger hatte das im Sinn, was man heute als Hilfe zur Selbsthilfe bezeichnet. Wer seinerzeit zum Almosenempfänger geworden war, verlor seine Bürgerrechte und kam selten wieder auf die Füße. Erst recht, wenn noch Kinder zu versorgen waren. Fugger wusste, dass ein eigenständiges, stabiles Privatleben Voraussetzung ist, um in die Gesellschaft zurückzufinden. In Armen- und Waisenhäusern war das nicht möglich, das muss dem weit gereisten Kaufherrn klar gewesen sein.

Jeder kann sich in der Fuggerei zurückziehen, die 140 Wohnungen in den 67 zweistöckigen Häusern - unten mit Garten, oben mit Speicher - haben je einen eigenen Eingang. Das ist auch gut für die allgemeine Hygiene; als die Anlage gebaut wurde, wütete in Augsburg die Pest. Man hat also darauf geachtet, dass die Menschen sich nicht zuhauf durch enge Gänge zwängen müssen. Und die Vorteile liegen bis heute auf der Hand: "Wir hatten hier keinen einzigen Coronafall", betont Wolf-Dietrich Graf von Hundt, der Verwalter der Fuggerschen Stiftungen.

Die Fuggerei
Die Fuggerei © Eckhart Matthaeus

Aber die Siedlung sei eben auch nicht maximiert, sondern optimiert. "Wir haben eine gesunde Nähe und Distanz in der Fuggerei, man konnte sich schützen und war trotzdem nicht einsam." Das heißt, das soziale Leben wurde nach den ersten Covid-Monaten schnell wieder hochgefahren. Und Zusammenkünfte wie das wöchentliche Frühstück für die Bewohner werde jetzt eben in zwei Schichten gefahren. Auch im Biergarten trifft man sich längst wieder.

Man möchte meinen, dass ein so gut funktionierendes Modell Nachahmer hätte finden müssen. Schon im 16. Jahrhundert waren Fachleute gekommen, um das Wohnprojekt in Augenschein zu nehmen. Seither haben Tausende in Not geratener Augsburger hier eine bezahlbare Bleibe gefunden, allein seit 1947 werden 1400 gezählt. Doch die Fuggerei blieb einmalig. Das darf man im doppelten Sinne verstehen, zumal sie Probleme löst, die uns heute wieder über den Kopf zu wachsen drohen.

Deshalb nimmt man das Jubiläum bei den Fuggerschen Stiftungen zum Anlass, Debatten über künftiges Wohnen und das Gemeinwesen anzustoßen. In Zeiten, in denen der öffentlichen Hand mehr und mehr die finanziellen Mittel fehlen, können Stiftungen eine wichtige gesellschaftliche Stütze sein. "In exemplum" steht auf einer Steintafel überm Eingang der Fuggerei. Für Städte- und Sozialplaner, überhaupt für Menschen, die nach vorn denken, dürfte sich eine Beschäftigung mit der alten Einrichtung lohnen.


Umfassende Information bietet ein neues Buch: "Die Fuggerei" (Hanser, 249 Seiten, 22 Euro)

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