Auf den Hund gekommen

  Gewagte Balance: Die Doku „Auf Teufel komm raus“ von Mareille Klein und Julie Kreuzer  
| Michael Stadler
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Ein Ort im Ausnahmezustand: Die Bewohner machen ihre Abneigung überdeutlich.
Real Fiction Ein Ort im Ausnahmezustand: Die Bewohner machen ihre Abneigung überdeutlich.

 

Gewagte Balance: Die Doku „Auf Teufel komm raus“ von Mareille Klein und Julie Kreuzer

Ein Mann im Jogginganzug, der mit einem Hund spielt, ein bisschen übermütig beide, ein harmloser Moment. Und dann entgleitet das Spiel etwas, springt der Hund, ein Labrador, den Mann immer freudiger, heftiger an, bis der das Tier zu arg anpackt und ungeschickt auf die Seite wirft.

Der Labrador wird ruhig, der Mann tätschelt weiter, ein paar Schmerzen, ein Versehen, das kann passieren, und doch wirkt dieser Augenblick beklemmend, weil hier schon die Hälfte der Doku „Auf Teufel komm raus“ vorbei ist und die Situation nicht betrachtet werden kann, ohne dass sie bezeichnend erscheint, als Indiz für eine Pathologie: Der Mann ist Karl D., der wegen Vergewaltigung zweier Mädchen bis Ende 2009 in Bayern eine langjährige Haftstrafe verbüßte und daraufhin zu seinem Bruder Helmut zog, in dessen Haus in Randerath-Heinsberg, einem Dorf in Nordrhein-Westfalen.

Bereits 1984 wurde Karl D. zu fünfeinhalb Jahren Haft verurteilt, weil er eine Fünfzehnjährige vergewaltigt hatte. Ein Wiederholungstäter, eine Bedrohung, so sieht es verständlicherweise eine Protestbewegung, die in der Nähe des Hauses mit Demos den unliebsamen Einwohner aus ihrer Gemeinde vertreiben will. Verängstigte, aggressive Bürger auf der einen Seite, auf der anderen eine Familie, Helmut D., der seinen Bruder aus verwandtschaftlicher Treue, ebenfalls verständlicherweise, aufgenommen hat - die Regisseurinnen Mareille Klein und Julie Kreuzer, beide von der HFF München, wagen in ihrer aufrührenden Dokumentation einen Balance-Akt zwischen den Positionen, beobachten und zeigen ein Dilemma auf: Wie man mit entlassenen Straftätern umgehen soll, dafür gibt es keine zufriedenstellende gesetzliche Handhabe.

Eine Gruppe von Frauen setzt sich mit Karl D. an einen Tisch und will danach nicht mehr an den Demos teilnehmen – was sie selbst zur Zielscheibe von Anfeindungen macht. Gleichzeitig stellt sich heraus, dass einige Frauen im Dorf selbst Opfer sexuellen Missbrauchs wurden. So wird Karl D., der seine eigenen Taten verdrängt, zum Katalysator für unterdrückte Erinnerungen, auch für Aggressionen, deren Wurzeln vielleicht ganz woanders liegen. Ein Mann und ein Hund – wie schnell im Kopf die Bilder entstehen, führt „Auf Teufel komm raus“ beunruhigend vor Augen. 

Kino: Monopol; R: Mareille Klein, Julie Kreuzer (D, 82 Min.)

 

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