Angstlose Volkskunst

Nach ihrer Taufe singt Nina Hagen das Lob des Herrn: „Personal Jesus“ heißt ihr neues Album – und natürlich spielt Hagen auch eine Coverversion des Depeche-Mode-Songs im Gospel-Sound
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Zuhause, sagt sie, ist sie fast immer ungeschminkt. Aber wenn Jim Rakete sie für ihr neues Album fotografiert, gibt es natürlich die volle Packung Nina Hagen.
Jim Rakete Zuhause, sagt sie, ist sie fast immer ungeschminkt. Aber wenn Jim Rakete sie für ihr neues Album fotografiert, gibt es natürlich die volle Packung Nina Hagen.

Nach ihrer Taufe singt Nina Hagen das Lob des Herrn: „Personal Jesus“ heißt ihr neues Album – und natürlich spielt Hagen auch eine Coverversion des Depeche-Mode-Songs im Gospel-Sound

Seit Stunden gibt sie Interviews – ganz hinten in der Bar im Hotel Ritzi. Eine zierliche Frau im voluminösen Nina-Hagen-Outfit. Im letzten Jahr hat sie sich evangelisch-reformiert taufen lassen. „Bekenntnisse“ heißt ihre an Bibelzitaten reiche Autobiografie im typischen Nina-Duktus. Am Samstag erscheint ihr Album „Personal Jesus“. Hagen predigt englisch zwischen Country, Blues und Gospel.

AZ: Frau Hagen, in Ihrer Biografie nennen Sie Gott Abba, Vater. Ist Gott männlich?

NINA HAGEN: Ja. Nö. Alles beides. Weiß ich nich. Es ist einfach Abba. Ich vergleiche das nicht mit den Menschen. Von Gott mache ich mir kein Bild. Jesus hat uns ja diese tolle Botschaft gebracht, dass wir alle gleich sind, egal ob Frau, Mann, Jude oder Nichtjude.

Warum sind Sie ausgerechnet in die evangelische Kirche eingetreten?

Ich bin in eine evangelisch-reformierte Kirche eingetreten. Wir haben Basisdemokratie. Und vor allem ist unser Pastor so ein toller Pazifist. Der versteckt Kriegsdienstverweigerer, nicht wie diese Idioten-Pseudo-Christen, die sich Christen nennen, sich aber total unchristlich verhalten, indem sie töten, Kriege führen, Todesurteile unterschreiben. Ich spreche von George Bush.

War Ihnen die katholische Kirche zu viel Inszenierung?

Da sind die Machtstrukturen so undemokratisch, das hat nichts mehr mit Basisdemokratie zu tun. In unserer Gemeinde in Schüttorf wählt die Gemeinde ihren Pastor. Außerdem tut es mir weh, dass die katholische Kirche Ketzer auf dem Scheiterhaufen verbrannt hat.

Als Gegenargument wird immer Luther angeführt.

Der kann mir auch gestohlen bleiben. In der DDR haben sich die Menschen vor den Montagsdemos in den Kirchen getroffen. Da konnten die Liedermacher endlich ihre verbotenen Lieder singen. Da wurde die Mauer wegvisualisiert. Alles ist mit Gottes Hilfe friedlich abgelaufen. So können wir es wieder machen.

Das Misstrauen gegen hierarchische Strukturen ist auch Folge Ihres Aufwachsens in der DDR?

Ganz sicher. Ich bin nicht umsonst in meiner Kindheit Zeuge gewesen, als mein Vater mir berichtet hat, wie die Nazis mit ihm umgegangen sind. Später in meiner Schule gab es eine Russischlehrerin, die noch von Stalin begeistert war. Als klar wurde, was Stalin für ein Verbrecher war, hat sie ihre Hoffnung verloren, um sich wieder auf einen neuen Diktator einzustellen. Mir ist seit meiner Kindheit klar, dass Menschen fehlbar sind.

Auch Ihre Zeit im Aschram sehen Sie heute kritisch.

Ich gebe ja gerne. Aber da sind ganz ungerechte Sachen passiert. Viele Menschen sind mit einer Psychose rumgerannt. Ich habe Geschichten gehört, dass sich Devotees umgebracht haben. Die Leute haben zu wenig Schlaf, kommen fanatisch drauf, weil sie alles richtig machen wollen, die Gebetskette richtig runterbeten. Und dann beten sie okkulte Mantras, die sie selber gar nicht verstehen.

Klingt nach Stasi-Methoden?

Wer sich besonders tief in den Arsch reinfrisst, der kriegt Boni vom Guru. Die Alteingesessenen haben sich durch ihre Einschleimerei Privatbereiche besorgt, die nur ihnen gehören. Dabei hat der Oberguru immer gesagt, dass im Aschram allen alles gehört. Die haben die geilsten Sachen von Jesus Christus übernommen, aber sie leben nicht, was sie predigen.

Ist die Hölle nicht auch so ein Unterdrückungssystem – aber ein christliches?

Nee, ich habe dieses Nahtoderlebnis gehabt. Es gibt einen Platz, da gibt es nur Schmerzen. Wenn man dort ist, kommt es einem vor wie die Ewigkeit. Weil man nicht gelernt hat, Gott noch zu respektieren.

Das war in Amsterdam?

Nein, das war in Ostberlin, mit 17. In Amsterdam, das war nach wochenlangem Kokainmissbrauch, wo wir die Nacht durchgebetet haben und dann gerettet waren. Das Höllenerlebnis, das ich hatte, als ich auf meinem ersten LSD-Trip gestorben bin, das war eine Hölle, von der ich dachte, ich bin da für immer. Da gab es kein Leben und kein Sterben, und ich hatte vergessen, warum ich überhaupt in dieser Situation war. Aber das ist die Reinigung, wenn du da wieder rauskommst. Dann hast Du Respekt vor der Schöpfung. Und du weißt, dass du dich an diesen schmerzlichen Platz manövrieren kannst, wenn du wissentlich Böses tust.

Punk in der DDR war auch ein Ausbruchsversuch.

Wir hatten so Sachen wie das Kabarett Die Knoblauchraspel. Boah. Wir waren gut.

Man hat sich selber was gebastelt?

Right. Aber im Privaten. Wir haben so Sachen erfunden wie die Belgiale und das Belgische Kalkül. Das war eine Verschörungstheorie, dass sich das Böse dieser Welt in Belgien ein Kalkül geschaffen hat.

Schon damals ein metaphysischer Zug bei Ihnen.

Der Heilige Geist, der lässt seine Volkskünstler angstlose Volkskunst machen.

Christian Jooß

Hagen spielt am 21. Juli 2010, 20.30 Uhr, im Prinzregententheater (verlegt von Philharmonie)

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