Alles paletti im Eierlikör

Hut, Sonnenbrille und Nuschelsprech sind das Markenzeichen von Udo Lindenberg. Das deutsche Rock-Gesamtkunstwerk feiert heute seinen 65. Geburtstag und kümmert sich kaum darum
| Michael Best
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Der Mann ist ein Mythos. Man muss schon ziemlich in olympischen Höhen schweben, wenn man Udo Lindenbergs Nuschelgesang mit der hängenden Unterlippe weder kopiert, noch wenigstens einmal im Leben den legendären Satz „Keine Panik auf der Titanic“ nachgesprochen hat.
dapd Der Mann ist ein Mythos. Man muss schon ziemlich in olympischen Höhen schweben, wenn man Udo Lindenbergs Nuschelgesang mit der hängenden Unterlippe weder kopiert, noch wenigstens einmal im Leben den legendären Satz „Keine Panik auf der Titanic“ nachgesprochen hat.

Den einen versetzt das Renteneintrittsalter in Panik. Doch für ihn ist der Umgang mit Panik seit Jahrzehnten Lebensart. Als Panikrocker mit seinem Panikorchester und demonstrativer Gelassenheit – „no panic, ganz easy”. Eben ganz Udo Lindenberg, der „Udonaut” und „Oberindianer”. Heute wird der Mann mit dem Hut und der dunklen Brille 65.

Er will keinen Rummel – „mach’ dieses Jahr zum Geburtstag nix, too much Medien, Overkill”, sagt er. Deshalb gebe es von ihm auch „no Presseattacken”. Er bleibt sich treu damit, denn schon zu seinem Sechzigsten war ihm ja „die Zahl scheißegal”. Vielmehr hatte er es seinen Fans und Kritikern erst recht noch einmal richtig gezeigt.
Nach seiner fulminanten Show „Atlantic Affairs” mit Auftritten vieler Freunde, die damals gerade lief, folgten Alben wie „Damenwahl” mit seinen Duetten aus 18 Jahren Musikkarriere, ein Best-of mit dem bezeichnenden Titel „Panik mit Hut” und das Mammutprojekt „Stark wie Zwei”. Erst die Scheibe, dann die Live-Tour, begleitet von einem Bildband seiner fotografierenden Freundin Tine Acke. Verheiratet war er übrigens nie.

Und schließlich ein Stück erfüllter Lebenstraum mit dem Musical „Hinterm Horizont” im Berliner Theater am Potsdamer Platz. Die Liebesgeschichte von ihm und dem „Mädchen aus Ost-Berlin”, das er 1983 bei seinem DDR-Auftritt im Palast der Republik kennenlernt, begeistert seit ihrer Premiere Mitte Januar viele Zuschauer.

Udolius Linde, wie er sich oft selber nennt, ist das unermüdliche Arbeitstier der deutschen Popgeschichte. 1946 im westfälischen Gronau geboren, startete mit zehn Jahren erste Trommelversuche auf Benzinfässern. Mit 22 Jahren strandete er in Hamburg. Dort gründete er 1969 seine erste Band „Free Orbit” und später eine WG mit seinen Freunden Otto Waalkes und Marius Müller-Westernhagen. Der Durchbruch kam 1973 mit „Andrea Doria” und dem legendären Panikorchester.

Pikant war sein Verhältnis zur DDR, wo er viele Fans hatte. Sein erster Auftritt am 25. Oktober 1983 im Ost-Berliner Palast der Republik blieb sein einziger. Der „Sonderzug nach Pankow” mit der Aufforderung zu mehr Öffnung an SED-Chef Erich Honecker stieß jenem sauer auf. Dennoch ließ sich „Honey” 1987 auf einen Briefwechsel ein, nahm Udos Präsent, eine Lederjacke, an, erwiderte das Geschenk mit einer Schalmei.

Die zweite Seite am Gesamtkunstwerk Lindenberg ist die Malerei. Die betreibt er zwar auch in Öl, doch weit berühmter sind seine Likörelle, bei der er mit raschen Strichen hingeworfene Figuren mit Cherry, Blue Banana und Eierlikör koloriert. Wie die Likörbilder für die Ewigkeit fixiert werden, ist sein Geheimnis. Ein markanter Likörell-Zyklus trägt den Titel „Pimmelköppe” und rechnet ab mit tumber Skinhead-Ideologie.

Udos Grundsatz lautet: „Rock’n’Roller kennen keine Rente”. Vielleicht wird er sich am Ehrentag eine Zigarre anstecken, Eierlikör gurgeln, mit Freunden wie Annette Humpe ein Lied anstimmen. „Alle Tage sind gleich lang, aber verschieden breit”, hat er mal gesagt. Vielleicht wird heute ja ein breiter Tag.

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