Abenteuerserie "Wild Republic": Utopie der zweiten Chance

Die packende Abenteuerserie "Wild Republic" wandelt gekonnt auf den Spuren von "Herr der Fliegen".
| Florian Koch
X
Sie haben den Artikel der Merkliste hinzugefügt.
zur Merkliste
Merken
0  Kommentare Artikel empfehlen
Schuld und Sühne: Als Richter in der Wildnis setzt sich Ron (Merlin Rose, Mitte) für Marvin (Rouven Israel, stehend dahinter) nach einer sexuellen Nötigung ein.
Schuld und Sühne: Als Richter in der Wildnis setzt sich Ron (Merlin Rose, Mitte) für Marvin (Rouven Israel, stehend dahinter) nach einer sexuellen Nötigung ein. © Luis Zeno Kuhn

Marvin (Rouven Israel) hat Jessica (Camille Dombrowsky) geküsst. Gegen ihren Willen. Mehrmals. Bis sie sich endlich aus seinem festen Griff befreien kann. Nun steht Marvin vor Gericht, aber vor keinem gewöhnlichen.

Getagt wird in einer gewaltigen Höhle. Und als Richter und Staatsanwalt haben hier Ron (Merlin Rose) und Justin (Béla Gabor Lenz) das Sagen: zwei junge Männer, die nicht einmal volljährig sind, aber selber bereits straffällig waren. Am Ende der kurzen Verhandlung erfolgt das unerwartet harte Urteil. Marvin erhält von jedem Mitglied der Gemeinschaft einen Stockhieb. Die Nacht muss der übergriffige Teen in der Wildnis, angebunden an einen Baum, verbringen.

"Wild Republic" erinnert stark an "Herr der Fliegen"

Wie es soweit kommen konnte? Auch davon erzählt die wuchtige achtteilige Abenteuerserie "Wild Republic", die von ihrer Ausgangssituation stark an "Herr der Fliegen" erinnert. Wie im Roman von William Golding erlebt man eine wild zusammengewürfelte Gruppe junger Menschen, die in einer Zwangssituation einen eigenen Staat errichtet. Wobei im Roman auf den hehren politisch-demokratischen Gedanken bald das Recht des Stärkeren folgt, die Unschuld der Kinder immer mehr verloren geht und es zu gewalttätigen Konflikten kommt.

Figuren in "Wild Republic" sind alle vorbestraft

Die Schöpfer von "Wild Republic", Arne Nolting, Jan Martin Scharf und Klaus Wolfertstetter, verlegen den Schauplatz von der Südseeinsel in die Südtiroler Berge, ins weitläufige Pustertal, und setzen das Alter der neun hier im Zentrum stehenden Teens deutlich herauf. Entscheidender ist aber, dass die Figuren von Anfang an keine Unschuldslämmer, sondern allesamt vorbestraft sind.

Justin & Co. nehmen an einem von der Sozialarbeiterin Rebecca (Verena Altenberger) geleiteten und von ihrem Freund, dem Autor Lars Sellien (Franz Hartwig), initiierten Gruppenexperiment teil, in dem sie bei einem achtwöchigen Wildnis-Trip die Möglichkeit zu einer Resozialisierung bekommen.

Lesen Sie auch

Regisseure greifen auch mal tief in die Klischeekiste

Nur kurze Zeit vergeht und die ambitionierte Naturtherapie löst sich in Rauch auf, als nach dem ersten Lagerfeuer-Zelterlebnis der Bergführer tot aufgefunden wird. Schnell macht sich Panik breit, glauben die psychisch labilen Jugendlichen an eine Vorverurteilung durch die Polizei.

Ihre Lösung: Nur weg von der Gesellschaft, von der verkorksten Vergangenheit. Von einem Neustart träumt vor allem Ron, der seinen Mitstreitern immer wieder einbläut, dass "wir hier oben das sind, was wir tun." Für welche Taten die Wilden Neun wirklich verurteilt wurden, enthüllen die Regisseure Markus Goller ("Friendship!") und Lennart Ruff (Studenten-Oscar für "Nocebo") Folge für Folge in Rückblenden.

Und dabei greifen sie auch mal tief in die Klischeekiste. Denn vom gemobbten Außenseiter (Marvin) über eine in die die Zwangsprostitution Abgestiegene (Emma Drogunova alias Kim) bis hin zum Politaktivisten mit Vaterkomplex (Ron und sein von Ulrich Tukur gespielter Millionärs-Papa) wird nichts ausgelassen.

Hervorragende Jungdarsteller machen "Wild Republic" sehenswert

Dass "Wild Republic" trotz aller Stereotypen und überdeutlicher inhaltlicher Anleihen bei Filmen wie "Die Welle" und "Das Experiment" nichts von seinem Reiz verliert, liegt - neben der gekonnt auf Cliffhanger-Spannung getakteten Inszenierung - vor allem an den hervorragenden Jungdarstellern.

Gerade das glänzend ausgespielte Alpha-Duell zwischen Justin, einem nach außen hin ruhigen, aber die Gemeinschaft Ich-zentriert zersetzen wollenden Psycho und dem um Hierarchien und Gerechtigkeit bemühten Ron machen den Reiz aus. Und am Ende ist es auch die aktuelle Frage nach dem, was eine Gesellschaft aushalten kann und will oder der viel zitierten zweiten Chance für etwas andere Querdenker, die "Wild Republic" gerade in dieser schwierigen Zeit so sehenswert macht. auf Magenta TV, jede Woche zwei neue Folgen, im Frühjahr 2022 auch in der ARD

Lädt
Anmelden oder registrieren

Zum Login
Zu meinen Themen hinzufügen

Hinzufügen
Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten
Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen
Um "Meine AZ" nutzen zu können, müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen.

Zustimmen
Teilen 0  Kommentare – hier diskutieren Artikel empfehlen
0 Kommentare
Artikel kommentieren