Zwischenfall am Marstalltheater Zu brutal: Zuschauerinnen stürmen Bühne

Franz Pätzold in der für manche Zuschauer unerträglichen Folterszene. Foto: Konrad Fersterer

Eklat im Münchner Marstalltheater: Oliver Frljics Stück „Balkan macht frei“ ist reich an Provokationen – und für zwei Gäste unerträglich. Als eine Szene zum Massaker mutiert, stürmen sie die Bühne.

München - Sie hielten es nicht mehr aus, was sie im Marstalltheater sahen. Am brutalen Höhepunkt der an Provokationen reichen Aufführung hatten da Leonard Hohm, Alfred Kleinheinz und Jörg Lichtenstein ihren Kollegen Franz Pätzold an einen Stuhl gefesselt und folterten ihn mit Handtuch und Wasser:

Waterboarding! Bekannt wurde diese grausame Verhörpraktik, als öffentlich wurde, dass die USA sie in Guantanamo und Geheimgefängnissen anwandten. Der Gefangene wird dazu in einem ständigen Zustand des Ertrinkens gehalten. Zwei Zuschauerinnen ertrugen diese Nervenfolter irgendwann nicht mehr, gingen auf die Bühne und nahmen den Folterknechten den Wassereimer weg. Schon der Titel von Oliver Frljics Stück „Balkan macht frei“ ist eine Unverschämtheit. Er bezieht sich auf das Motto „Arbeit macht frei“, mit dem die Nazis die Gefangenen des Konzentrationslagers Dachau zynischst begrüßten.

Die Situation mutierte zum Massaker

Ursprünglich wollte Frljic, der aus Bosnien stammende Intendant des Kroatischen Nationaltheaters in Rijeka, eine Performance über Migranten aus dem ehemaligen Jugoslawien inszenieren. Aber während des offenbar offenen Arbeitsprozesses mit den Schauspielern verschob sich das Interesse weg von Ex-Jugoslawien im Allgemeinen auf eine einzige Person im Besonderen: Oliver Frljic selbst und seine Rolle als zuverlässig wütender Provokateur im europäischen Theaterbetrieb. Nicht einfach gespielt, sondern buchstäblich verkörpert wird Frljic von Franz Pätzold, der sich zunächst einem verhörartigen Vorstellungsgespräch mit bundesdeutschen Kulturfunktionären ausgesetzt sieht und der Frage: „Was wollen Sie dem deutschen Volk beweisen?“

Die Situation mutiert zu einem Massaker, dem nicht nur Geistesgrößen wie Kant, Goethe oder Adorno zum Opfer fallen. Auch Regisseure wie Frank Castorf, René Pollesch und Hausherr Martin Ku(s)ej, der seinen Amtskollegen aus Kroatien nach München geholt hatte, werden von Frljic kalt abgeknallt. „Das ist es doch, was ihr von einem Balkanregisseur sehen wollt. Von unserer Kultur. So ist sie doch: Brutal“, kläfft Pätzold, und Frljic bedient dieses Klischee in diesen 90 Minuten bestens.

Frljic treibt das Theater tief in den Grenzbereich des Darstellbaren In einer grandios wütenden Publikumsbeschimpfung lässt Pätzold die üblichen Stereotypen über die Saturiertheit der Westeuropäer durcheinander purzeln, beleidigt die „passiven Gaffer“ vor ihm und versteigt sich in den Satz, die SS-Leute hätten wenigstens für eine Haltung gestanden. Am Ende wird Frljics Avatar Pätzold im Brautkleid vergewaltigt, in eine deutsche Bundesfahne gerollt und weg getragen.

„Deutschland steht für Fairness, Verlässlichkeit, die Einhaltung von Verträgen. Wirtschaftlich. Geistig. Menschlich“ erklärt einer der Folterer während des Waterboardings im Sonntagsreden-Duktus. Frljic prügelt an dieser Stelle die „europäische Wertegemeinschaft“, die zusieht, wie im Mittelmeer Flüchtlinge ertrinken. Bitter enttäuscht vom Versagen einer ganzen Zivilisation, traumatisiert von der brutalen Zerstörung seiner Heimat und rücksichtslos sowohl gegen sich als auch das Publikum treibt er das Theater in den Grenzbereich des Darstellbaren. Trotz aller Unzulänglichkeiten und Ungereimtheiten: „Balkan macht frei“ ist eines der wichtigen Ereignisse der Theatersaison.

 

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