Zumba-Partys Sexy Hüftschwung im Rudel

 Foto: Jasmin Menrad

Zumba ist eine südamerikanische Mischung aus Tanz und Training. Das Prinzip des neuen Party-Trends ist denkbar simpel: Bloß nachmachen, was der Animateur vormacht

 

München - Es ist nur ein kleines Detail, man muss genau hinschauen, um zu erkennen, wie sich dieser Abend von den üblichen hier unterscheidet. Denn in der Diskothek Crown’s Club in der Nähe des Ostbahnhofs ist eigentlich alles wie immer: Die Tanzfläche ist voll. Bässe massieren Ohren, Bier und Sekt stehen auf dem Tresen, die Menschen lachen, schwitzen, werfen die Köpfe in den Nacken. Nur eines ist anders heute: Niemand trägt hohe Schuhe.

Klar, denn die machen ja Sport! Es ist Zumba-Party im Crown’s Club, und das bedeutet: Es wird trainiert. „Bei meiner ersten Zumba-Party hatte ich High Heels an – das habe ich bitter bereut“, erzählt Hanni Arnold. Sie ist 62 Jahre alt und zum sechsten Mal dabei. Was ihr an Zumba so gefällt? „Ich liebe dieses Heißblütige“, sagt die erfahrene Salsatänzerin mit dem Pagenkopf. Zumba, das ist eine Mischung aus Salsa, Merengue und HipHop, kombiniert mit Ausdauer- und Kraftübungen. Aus Kolumbien kommend, haben die Fitnesskurse Sportvereine und Tanzstudios in mehr als 150 Ländern der Welt erobert, nun sind die Kalorienverbrenner-Choreografien auch in deutschen Diskotheken angesagt.

Wo früher jeder für sich tanzte, wird jetzt im Rudel mit der Hüfte gekreist. Immer schön im gleichen Takt. Die Kleiderordnung lautet: Nachtclub-Outfit plus Turnschuhe. Zu den größten Zumba-Partys kommen hierzulande inzwischen bis zu 1000 Menschen, hauptsächlich Frauen. Im Crown’s Club sind es heute 150. Die sollen hier „richtig abtanzen“ können, sagt Noel Schulz. Er ist Club-Manager bei „Stefan Sportcenter“, einem Fitnessstudio, das sich selbst als „Zumba-Spezialist für München“ bezeichnet. Vor zwei Jahren habe er als Erster in der Stadt den neuen Trendsport angeboten, sagt Schulz. Einer seiner Mitarbeiter hatte von einer USA-Reise erzählt, dass Zumba „drüben gerade ganz groß“ geworden sei.

Die ersten Münchner Kurse liefen schleppend an. Erst als eine offizielle Werbung für das Salsa-Workout im Fernsehen lief, setzte auch hier die Zumba-Manie ein. „Die Damen haben das wohl beim Bügeln auf Eurosport gesehen“, vermutet Schulz. Weltweit nehmen inzwischen mehr als 14 Millionen Leute an den Kursen teil. Zumba, die neue Massenbewegung, hilft dabei, die eigene Masse zu bewegen. Bis zu 600 Kalorien werden pro Stunde verbrannt, eine Trainerin erzählt von einer Zumba-Schülerin, die schon zwölf Kilo abgenommen habe. Doch auch wenn das Programm echter Sport ist, wollte Noel Schulz mit seinen ausgebuchten Zumba-Kursen nicht in eine Turnhalle ausweichen. So landete er damit im Crown’s Club. Dort geht die Party heute schon um 18.30 Uhr los.

Ganz hinten, am Rand der Tanzfläche, stehen Susanne Tausch und ihre Tochter Nathalie. „Ich sehe überhaupt nichts“, mault die 21-Jährige. Sonst ist sie mit ihrer Clique zum Feiern hier, heute aber mal mit der Mama. Wobei sich das Tanzen gar nicht so sehr unterscheide, sagt Nathalie Tausch. Viel Hüfte, viel Arme, viel Beine, so ist Zumba. Die ersten Rhythmen erklingen, Salsa mit Disco-Wummern darunter. Auf der Bühne räkelt sich Tanzlehrerin Seni. Sie beginnt mit leichten Schritten, rechts, links, die Zumba-Jünger auf der Tanzfläche hoppeln hinterher. Das Prinzip ist simpel: einfach nachmachen, was der Trainer vormacht. Nicht bis acht zählen. Nicht auf geheime Aerobic-Codewörter achten. Einfach machen.

Auch wenn es eng ist auf der Tanzfläche und einige der meist weiblichen Teilnehmerinnen den Hals weit recken müssen, um die Animateurin zu sehen. „Clap your hands“, schallt es aus den Boxen. Seni, deren dunkelhäutiges Dekolletee inzwischen verschwitzt glänzt, tut so, als würde sie in die Runde horchen. „Now let’s dance!“, ist die Antwort der vielen. Sie nickt zufrieden. Die Schweißtropfen fliegen irgendwann in alle Richtungen. In der ersten Reihe ist einer der wenigen Männer des Abends zu finden, Alp Temez heißt er. Der IT-Berater ist braun gebrannt, die Augenbrauen sind fein gezupft. Seine schwarzen Shorts geben den Blick auf glatt rasierte Muskelwaden frei. Wenn Temez nicht beim Zumba ist, dann ist er beim Tae Bo. Er brauche den Ausgleich zur Arbeit, sagt der 53-Jährige. Doch genauso sucht er nach Bestätigung.

Sie alle auf der Tanzfläche wollen gefallen. Sich selbst, den anderen Tänzern – und vor allem den attraktiven Trainern, die Domenico aus Italien oder Priscilla aus Brasilien heißen. So geht es den ganzen Abend weiter, gemeinsam einsam in der Masse. Die Trainer wechseln im Halbstundentakt, die Trainierenden werden immer verschwitzter. Und wenn nach drei Stunden immer noch nicht gut ist, was schon am Anfang unbeholfen aussah, ist das egal. Der Tanzlehrer Sergio mit den Korkenzieherlocken ist noch mal auf die Bühne gesprungen, sein Jeanswestchen hat jetzt mehrere dunkle Stellen. Seltsam, aber plötzlich können alle mitsingen: „Más, más, quiero más“, rufen sie – „Mehr, mehr, ich will mehr!“

Nächste Eskalationsstufe: Sergio lässt die Teilnehmer kleine rasselnde Hanteln schütteln. Mehr Zumba geht kaum. Nur als plötzlich Bleche mit Bruschetta auf dem Tresen aufgebaut werden, knicken einige ein. Schnell schlingen sie die Brote herunter, nehmen einen Schluck Prosecco, um dann unter Sergios strengem Blick zurück auf die Tanzfläche zu huschen. Am Ende des Abends wird klar: Man muss es ausprobiert haben – sonst versteht man es nicht. Man muss mit dem eigenen Ellenbogen aus Versehen in die weichen Hüften der brasilianischen Tanznachbarin rechts gestoßen haben, muss die nassgeschwitzten Haare der zappelnden Blonden links ins Gesicht bekommen haben, um dieses Gruppengehopse zu begreifen. Wer nur am Rand der Tanzfläche stehen bleibt, wird nie herausfinden, was all die fehlbaren Schwitzenden mit ihren ulkigen Bewegungen hier längst wissen: Es macht Spaß.

Und wer einmal anfängt, läuft Gefahr, süchtig zu werden. So wie Hanni Arnold, die zu ihrer ersten Party noch mit Absatzschuhen kam. Sie tanzt mittlerweile drei Mal in der Woche Zumba, kennt alle Choreografien auswendig. Die drei goldenen Streifen ihrer Sporthose glänzen im Scheinwerferlicht, die dunkel nachgezogenen Lippen der Münchnerin sind kein bisschen verschmiert. Für Anfänger hat sie einen Tipp: Wer nicht mithalten kann, solle sich zunächst auf die Beinbewegungen konzentrieren, die Arme könne man später dazu nehmen. Kurz bevor sich Hanni Arnold wieder der wogenden Menge zuwendet und beginnt, mit den Beinen zum Takt zu dribbeln, sagt sie noch den schönen Satz: „Und bloß nicht zu viel nachdenken!“

 

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