Zuflucht beim Erzfeind Syrische Kriegsverletzte in Israel

Dieser Junge wurde von einer Granate getroffen. Foto: Rebekka Ziv
 

SAFED Khaled* geht's einigermaßen, sagt er jedenfalls. Schmerzen hat er nicht, gerade gab es Mittagessen, alleine ist er in seinem Vierbettzimmer auch nicht. Und, noch wichtiger: Der 15-Jährige ist tapfer, obwohl er allen Grund dazu hätte, sich gehen zu lassen und zu jammern. Dicke weiße Mullbinden sind da, wo früher zwei gesunde Augen waren, sein rechter Arm endet in einem ebenfalls verbundenen Stumpf. Khaled ist seit kurzem blind und er hat eine Hand verloren.

Der schmale Teenager kam aus Syrien in das Krankenhaus der uralten Stadt Safed – genauso wie zahllose andere Kranke und Verletzte, die Monat für Monat Hilfe im Norden Israels suchen. Im Februar gelangten erste Opfer des Bürgerkriegs in der Klinik an, jetzt werden es Monat für Monat mehr. Israelische Militärärzte nehmen die Menschen an der Grenze in Empfang, dann geht’s weiter in die Klinik.

Was genau mit Khaled geschehen ist, können die Ärzte nur mutmaßen. „Schrapnellschüsse“, sagt Linda Futterman, die in der Verwaltung des Krankenhauses arbeitet. Offizielle Kontakte zu Sanitätern oder Ärzten, die die Syrer in ihrer Heimat versorgten, gibt es nicht. Die Ärzte müssen sich bei der Behandlung auf den medizinischen Augenschein, ihre Intuition und Berufserfahrung verlassen.

„Wir tappen oft im Dunkeln“, stellt der Traumatologe Amram Hadari fest. Ob oder welche Notoperationen in Syrien durchgeführt wurden, weiß niemand, auch beim vierjährigen Arif* nicht, der auf der Intensivstation liegt und wider Willen alle Möglichkeiten auskostet, die die Apparatemedizin bietet, um ein Menschenleben zu retten. „Es gab eine Explosion in seinem Haus“, sagt Hana Bilker, eine Angestellte der Klinik. Alleine kann der Bub nicht atmen, die Lunge ist zum Teil gerissen. Einzige Begleitung für Arif ist ein entfernter Onkel, der allerdings auch schwer verletzt wurde und in einem anderen Bereich der Klinik behandelt wird.

Die Helfer des Roten Kreuzes und des Roten Halbmondes in Syrien können oft nur das Nötigste tun: Blutungen stillen, zerfetzte Gliedmaßen amputieren, um Infektionen zu verhindern, aber keinen Arm rekonstruieren, kein zerstörtes Gesicht wieder aufbauen. In Israel unternehmen die Ärzte wenigstens den Versuch, die Verletzten so zu versorgen, dass keine dauernde Behinderung bleibt.

Dazu kommt die Hilfe für Menschen, die nicht direkt in Kämpfe verwickelt wurden. Eine junge Frau beispielsweise, die ihr erstes Kind erwartete. „Sie ist selbst Krankenschwester und war sich im Klaren darüber, dass sie bei Problemen während der Geburt auf keine medizinische Hilfe hätte setzen können“, berichtet Hadari. „Hebammen gab es in ihrer Nähe keine, deswegen fuhr sie zur Grenze, als die Wehen einsetzten.“ Zum ersten Mal seit Wochen habe sie wieder Milch, Gemüse und Fleisch bekommen, sagte die frischgebackene Mutter nach der Niederkunft. In Syrien habe es zuletzt nur noch Reis gegeben.

Weitere Details über die persönlichen Lebensumstände wollen die Ärzte nicht wissen. „Ich habe einmal mitbekommen, dass ein junger Kollege einen Patienten danach ausgefragt hat, ob er in Kämpfe verwickelt war“, berichtet Hadari. „Ich habe das sofort unterbunden.“ Der Grund: Syrer, die sich in Israel behandeln lassen, müssen in ihrer Heimat mit Problemen rechnen. „Sie riskieren ihr Leben“, sagt Hadari.

Zwischen Israel und Syrien gibt es (offiziell) keine diplomatischen Beziehungen. Syrisches Recht verbietet es den Bürgern des Landes, die Grenze nach Israel zu überschreiten. Und unter vielen Syrern gilt der vermeintliche Schulterschluss mit dem verhassten jüdischen Staat als Verrat an der arabischen Sache. Hadari berichtet von einem israelischen Drusen, der mit Assad sympathisierte und unter einem Vorwand ins Krankenhaus kam. „Er hat Fotos von unseren syrischen Patienten gemacht und sie auf Facebook als Bilder von Verrätern gepostet.“

Jeglicher Kontakt nach Syrien ist den Patienten deswegen verboten – keine Telefonate, keine Emails, kein Lebenszeichen an die Familie zuhause. Niemand soll niemanden in Gefahr bringen, niemand soll in Gefahr gebracht werden. Vor dem Zimmer, in dem der 15-jährige Khaled und zwei erwachsene Männer aus Syrien liegen, hält ein schlaksiger Soldat Wache, unterbindet den Kontakt zu anderen Patienten. Sind die Verletzten Zivilisten, die zufällig ins Kreuzfeuer gerieten, sind es Assad-Anhänger, Oppositionelle oder Al-Kaida-Kämpfer? Keiner weiß es. Die Anonymität soll alle schützen.

Wenn die Patienten entlassen werden, erhalten sie einen nüchternen Arztbericht auf arabisch auf weißem Papier, ohne den Briefkopf der Klinik. Selbst bei den Nahrungsmitteln und Kleidungsstücken, die ihnen das Krankenhaus mitgibt, wird darauf geachtet, dass nichts auf die Herkunft aus Israel hinweist.

Die Trennung von Verwandten und Freunden ist extrem belastend für die Patienten. Viele werden bewusstlos, mit schweren Kopfverletzungen eingeliefert, heißt es in einem anderen Krankenhaus in Nahariya, unweit der Grenze zum Libanon. Wenn sie aufwachen, müssen sie realisieren, dass sie weit weg von zu Hause sind, und sich Schritt für Schritt in der neuen Umgebung zurechtfinden – eine Herausforderung auch für das Personal der Klinik.

„Gottseidank können viele von uns Arabisch“, sagt Yaniv Ben-Shushan, der leitende Sozialarbeiter der Rebekka-Ziv-Klinik in Safed. Die Bevölkerung in der Region ist gemischt arabisch und jüdisch, genauso wie die Belegschaft des Krankenhauses. Deswegen können die Ärzte auf eine gewisse bilinguale Routine bei der Behandlung von Patienten aufbauen. Ist trotzdem gerade niemand erreichbar, der mit einem syrischen Patienten in seiner Muttersprache kommunizieren kann, hilft ein telefonischer Simultan-Übersetzungsdienst des Gesundheitsministeriums.

Unter den Bürgern sind seit der Ankunft der Syrer außerdem eine ganze Reihe von Initiativen entstanden. Um den blinden Khaled kümmern sich beispielsweise Sehbehinderte aus Nazareth. Sie haben ihm einen Blindenstock besorgt und üben mit dem Buben, wie er damit gehen kann. Andere Gruppen brachten Kleidung, Lebensmittel, Toilettenartikel, zum Teil auch Prothesen.

Das Krankenhaus kann diese Hilfsmittel nur begrenzt zur Verfügung stellen, weil es die Behandlung der Syrer aus seinem laufenden Etat finanzieren muss und damit an seine Grenzen gerät. „Auf manchen Stationen machen die Syrer bereits 20 Prozent unserer Patienten aus“, sagt Harari.

Die Hilfe der Freiwilligen stillt die wichtigsten materiellen Bedürfnisse der Flüchtlinge – gegen die psychischen Folgen des Krieges hilft sie kaum. Yaniv Ben-Shushan fühlte sich angesichts zweier syrischer Frauen an seinen Großvater erinnert, der den Holocaust in Frankreich überlebte. „Er hat später immer jede Menge Konservendosen mit Fisch zu Hause gelagert, das habe ich als Kind nie verstanden.“ Jetzt sieht er das gleiche Angsthorten bei den Flüchtlingen: Textilien, Lebensmittel, Nützliches und Überflüssiges – die beiden Frauen haben sich in ihrem Krankenzimmer hinter Bergen von Tüten, Dosen, Kleidung verschanzt.

Die Menschen bräuchten monatelange psychologische Nachsorge, aber die wird es nicht geben. Sobald die Patienten im medizinischen Sinn gesund sind, wird das Krankenhaus bei der Armee anrufen, und die wird die Syrer wieder zur Grenze bringen – die traumatisierten Frauen genauso wie die frischgebackene Mutter, den blinden Khaled und den kleinen Arif mit seinem Onkel. Währenddessen werden neue Hilfesuchende kommen. „Wir können von 300000 bis 400000 Verletzten in Syrien ausgehen“, sagt Amram Harari. „Was wir hier sehen, ist nur die äußerste Spitze des Eisbergs.“ sun

Spenden für die syrischen Flüchtlinge nimmt das Krankenhaus als Scheck unter Fund for Medical Research Ziv Medical Center, P.O.B 1008, Zefat 13100, Israel entgegen.

* Name geändert

 

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