Besorgniserregende Ausfallzahlen Wenn man den Notruf wählt - und kein Notarzt kommt

Ein Notarzt-Wagen fährt zu einem Einsatz. Foto: dpa

Das BRK hat in einer aktuellen Statistik die Ausfälle der dringend benötigten Mediziner erfasst. Die Hotspots und wie es dazu kommt.

 

München – Wer die 112 wählt, vertraut auf ärztliche Hilfe – so schnell wie möglich. Doch eine aktuelle Erhebung des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK) zeigt: Patienten können sich nicht immer darauf verlassen, dass im Ernstfall ein Notarzt vor Ort ist.

Ausfallquote über drei Prozent

Wie das BRK in einer internen Befragung in den Kreisverbänden herausfand, gab es zwischen 1. Dezember 2019 und 6. Januar 2020 insgesamt 551 Ausfälle von Notärzten. Das entspricht 5.800 Stunden Notarztdienst, die nicht geleistet wurden – bei rund 173.000 Notarztstunden in Bayern insgesamt.

Damit liegt die Ausfallquote bei mehr als drei Prozent. Was auf den ersten Blick vielleicht nicht dramatisch klingen mag, bekomme eine ganz andere Dimension, wenn man bedenke, dass es im Zweifel um Menschenleben geht, sagt BRK-Sprecher Sohrab Taheri der AZ. Es gebe zwar keinen flächendeckenen Notstand, aber doch einige Bereiche, in denen die Situation ernstzunehmen sei.

Über 1.000 Ausfallstunden in Oberbayern

Wie aus den Daten hervorgeht, ist der Mangel vor allem in den Bezirksverbänden Mittel- und Oberfranken (knapp 1.800 Ausfallstunden) sowie Niederbayern/Oberpfalz (gut 1.700 Ausfallstunden) akut. Negative "Hotspots" sind laut BRK der Landkreis Kronach mit über 1.000 Ausfallstunden, Kehlheim bei Rosenheim und Neustadt an der Aisch/Bad Windesheim. Oberbayern kommt auf 1.095 Ausfallstunden. Das BRK erfasst nicht alle Notarzt-Einsätze, betreibt aber mit 195 von 225 Notarztstandorten die meisten im Freistaat.

Doch wie kann es zu solchen Ausfällen kommen? Taheri nennt mehrere Punkte, die diese begünstigen können. Der wichtigste sei, dass Notärzte überwiegend selbstständig tätig sind, pro Einsatz bezahlt werden und sich ihre Zeit frei einteilen können.

Einsatzzahl beim BRK nimmt zu

Wenn es also in bestimmten Regionen nur wenige Einsätze gibt, ist das für die Notärzte schlicht nicht lukrativ. Verschärft werde die Situation vor allem im ländlichen Raum dadurch, dass dort meist ohnehin ein Ärztemangel herrscht. Wenn etwa der Hausarzt also schon mit einer überfüllten Praxis zu kämpfen hat und feste Sprechstunden anbieten muss, habe er oft schlicht keine Zeit, im Notfall einzuspringen. Zudem, erklärt der BRK-Sprecher, seien die Anforderungen an das Rettungssystem insgesamt gestiegen und die Einsatzzahl nehme zu – das BRK verzeichne jährlich einen Anstieg von 50.000 bis 100.000 Einsätzen –, strukturelle Anpassungen seien allerdings nicht erfolgt.

Die Organisation und Sicherstellung des notärztlichen Dienstes muss die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns (KVB) übernehmen. Nach deren Daten gibt es derzeit 3800 Notärzte an 229 Standorten im Freistaat. Die KVB teilt mit, dass im Jahr 2019 die Besetzungsquote im Notarztdienst bei 96,8 Prozent lag – und verweist auf Arbeitsverdichtung in Praxen und Kliniken.

Notfallsanitäter sind die Leidtragenden

Diese habe dazu geführt, dass "viele Ärztinnen und Ärzte im Sinne einer verbesserten 'Work-Life-Balance' dem Notarztdienst nicht mehr den gleichen zeitlichen Rahmen einräumen wie in früheren Zeiten", heißt es in einer Stellungnahme. Bei einer Lücke im Dienstplan werde etwa der Nachbar-Notarzt oder der Rettungshubschrauber durch die jeweilige Integrierte Leitstelle alarmiert. Es gebe keinen Anlass, Verunsicherung in der Bevölkerung zu schüren, meint die KVB.

Zwar warnt auch Taheri vor Panik. Jeder, der den Notruf wählt, könne sich darauf verlassen, dass binnen zwölf Minuten ein Rettungswagen-Team vor Ort sei. Allerdings erklärt das BRK, dass im Zweifel der Notfallsanitäter der Leidtragende sei, wenn im Ernstfall kein Notarzt zur Verfügung steht. Denn dieser ist als erster vor Ort und muss allles tun, um Schäden vom Patienten abwenden – bewegt sich dabei aber unentwegt in einer rechtlichen Grauzone, da bestimmte Maßnahmen nur Ärzten vorbehalten sind (AZ berichtete).

Ärztemangel muss beseitigt werden

Eine Änderung des Heilpraktikergesetzes wäre "ein Ausweg", um die Situation des Notarzt-Mangels in bestimmten Regionen zu entschärfen, sagt Taheri. Damit könne der Notfallsanitäter im Ernstfall die nötige – wenn auch eigentlich dem Arzt vorbehaltene – Hilfe leisten. Dennoch müsse langfristig der Ärztemangel beseitigt und der Notarztdienst attraktiver gestaltet werden. Denn "der Notarzt ist und bleibt elementarer Teil des Rettungsdienstes".

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