Zu Gast im Deutschen Theater Max Raabe und das Palastorchester

Der Sänger Max Raabe Foto: dpa

Max Raabe präsentiert in München sein neues Programm "Eine Nacht in Berlin"

 

Er wirkt auch mit 53 Jahren noch so altmodisch jugendlich, dass man ihm jederzeit die Hauptrolle in einer Tim-und-Struppi-Neuverfilmung zutrauen würde. Er ist schon immer aus der Zeit gefallen – zum Glück: Neun Jahre nach seinem letzten Auftritt im Deutschen Theater kehrt er im Februar für zehn Tage nach München zurück und präsentiert sein neues Programm „Eine Nacht in Berlin“. Es erinnert an die pulsierende Zeit der Weimarer Republik, als Berlin – frivol und verrucht – die Vergnügungssüchtigen weltweit in seinen Bann zog. Raabe blickt singend und knapp erzählend mit ironisch liebevollem Blick auf das Durcheinander zwischenmenschlicher Beziehungen – mit Klassikern wie die Lachnummer „Mein kleiner grüner Kaktus“ oder Nummern seiner Alben wie „Küssen kann man nicht alleine“ und „Für Frauen ist das kein Problem“. Und für den swingenden, amüsanten Unterhaltungssound sorgt Raabes Palastorchester.

AZ: Herr Raabe, was haben Sie eigentlich angezogen, als Sie 18 Jahre alt waren?

MAX RAABE: Ich denke vor allem Sakko und Cordhose. Ich war auf einem katholischen Internat, wir haben uns eher darüber definiert, welche Bücher wir gelesen haben. Und Sie haben damals schon Musik aus den 20ern gehört? Ja, aber nicht ausschließlich. Ich denke, ich bin ganz normal sozialisiert worden. Da braucht man sich keine Sorgen zu machen.

Entdecken Sie immer wieder Neues an dieser Zeit?

Naja, meine letzten beiden Alben waren ja selbst geschriebene Stücke und ganz eindeutig zeitgemäße Musik. Allerdings stehen meine Texte, obwohl sie eine moderne Wortwahl haben, in einer gewissen Tradition. Man sieht die Haltung, aber es ist poppiger. Einfach nur nachgemachte Musik der 20er Jahre wäre zu langweilig. Bei „Kein Schwein ruft mich an“ machten doch der Anrufbeantworter und die Kraftausdrücke den Reiz aus. Stücke wie „Rinderwahn“ oder „Klonen kann sich lohnen“ waren immer moderne Themen, akustisch in die 20er und 30er zurückversetzt. Ich habe gesagt: Über Liebe werde ich nicht schreiben, das gibt es ja schon. Wenn man sich dann allerdings mit jemandem wie Annette Humpe zusammentut, die alles rausstreicht, was nach 20er Jahre riecht, sieht’s wieder anders aus.

Wie wichtig sind für Sie denn neue Alben? Die unterbrechen ja auch ihren Tourrhythmus.

So kann man vielleicht argumentieren, wenn man darüber nachdenkt, ob man die Küche dieses oder nächstes Jahr neu tapeziert. Als Musiker argumentiert man ganz anders. Es gibt einfach den Wunsch, etwas Neues zu machen. So begann auch meine Zusammenarbeit mit Annette Humpe. Ich hatte Sie für ein Stück angefragt, dann wurde es ein Album. Und sofort hat sich auch das Publikum verändert. Dann haben wir halt noch das Album „Für Frauen ist das kein Problem“ gemacht. Aber den Druck, das wir jetzt wieder ein ganzes Album machen, den gibt es nicht mehr.

Was sind die besonderen Qualitäten von Annette Humpe?

Sie ist ein wandelndes Lexikon, sie kennt alles, hat alles schon gehört. Wir haben beide natürlich einen ganz anderen musikalischen Hintergrund. Sie findet es irrwitzig, dass jemand so tickt wie ich. Und ich finde es schräg, wie sie drauf ist. Wir haben angefangen zu schreiben, bis ich dann gesagt habe: Ich bin doch nicht Udo Lindenberg! Sie fand im Gegenzug meine Vorschläge muffig und alt und sagte mir, wir seien nicht im Offizierskasino der Kaiserzeit. So haben wir uns dann einander angenähert. Es war wie ein Pingpongspiel.

Es gibt ja keine gute alte Zeit: In den 20er Jahren brach die Weltwirtschaft zusammen, in den 30er Jahren begann der Siegeszug des Faschismus. Das hört man bei Ihnen nicht.

Das liegt auch nicht in den Stücken. Wir wissen natürlich, wie die gesellschaftliche Entwicklung war, aber Sie finden auch in Amerika nicht ein Stück, was die Wirtschaftskrise thematisiert. Das ist nicht verwunderlich. Hören Sie denn bei Adele oder Clueso den Irakkrieg oder Syrienkonflikt heraus?

Das sollte kein Vorwurf sein.

Das empfinde ich auch gar nicht so. Diese Musik ist geschrieben worden, um Menschen zu unterhalten und aus der Realität heraus zu reißen. Wenn wir auf die Bühne gehen, ist es meine Aufgabe, die Leute vergessen zu lassen, dass ihr Auto vielleicht im Parkverbot steht.

Das heißt aber nicht, dass sie unpolitisch sind?

Nein, ich lebe heute und bin sehr interessiert an politischen Entwicklungen. Ich bin da sehr wach und aufmerksam, ganz bestimmt. Die Musik selbst hat aber damit nichts zu tun. Sie ist dafür da, die Realität auszublenden.

Sie haben auch schon in den USA getourt, wer besucht denn da Ihre Konzerte?

Natürlich gibt es noch aus Deutschland ausgewanderte jüdische Exilanten. Es kommt auch die zweite oder dritte Generation. Die verbinden damit eine unspezifische Sehnsucht nach dem damaligen Berlin. Grundsätzlich ist mein Publikum dort schon deutlich älter als in Deutschland.

Was sehen die in Ihnen? Den Repräsentanten einer untergegangenen Kultur?

Selbstverständlich ist das auch ein bisschen Exotenschau. Aber ich stehe da nicht mit einem Zylinder auf dem Kopf, das habe ich noch nie gemacht. Es geht nur um die Musik.

Sie haben ja auch in Israel gespielt.

In Jerusalem, Haifa und Tel Aviv. Wir würden das gerne wiederholen, aber es ist schwer, einen Veranstalter zu finden. Wir hatten damals vor dem ersten Konzert einen Riesenbammel und haben uns seltsame Sorgen gemacht. Aber das war unnötig. Es gab überhaupt keine Missverständnisse, sondern eine Menge schöner Begegnungen.

Sind Sie ein leidenschaftlicher Sammler älterer Musik?

Ich habe mal eine Zeit lang alte Schellackplatten gesammelt, die aber nie katalogisiert. Die liegen einfach herum, und wenn ich etwas Bestimmtes suche, finde ich es natürlich nicht. Auf diesem Gebiet bin ich das Gegenteil eines Sammlers. Aber ich kenne viele Sammler. Einige haben mir CD’s gebrannt mit besonderen Entdeckungen, andere haben mir am Telefon Nummern vorgespielt. Ich höre dann nach den ersten Takten, ob das was für mich wäre, ob Text oder Musik mich ansprechen. Und in Amerika gibt es Bibliotheken, wo man sich fertige Orchesterarrangements kopieren lassen kann. Das ist wie Weihnachten. Wir sind wirklich total authentisch, wir suchen den Originalklang, so wie Nikolaus Harnoncourt in der Klassik.

Sie machen diese musikalische Schiene in Deutschland schon sehr lange, es hat seltsamerweise Wenige gegeben, die versucht haben, sie zu kopieren.

Doch, aber die haben nicht verstanden, worum es geht. Das ist keinesfalls eine reine Nostalgieshow. Ich habe anfangs auch einen Fehler gemacht, als ich versucht habe, mit so einer Knödelstimmme den alten Grammophonstil zu imitieren. Das geht auf Dauer natürlich komplett auf die Nerven.

Worauf freuen Sie sich in München abseits Ihrer Konzerte?

Ich kenne dort einen ganz besonderen Menschen, die Schauspielerin und Sängerin Margot Hielscher. Die möchte ich unbedingt besuchen.

Max Raabe und das Palastorchester gastieren vom 18. bis zum 28. Februar im Deutschen Theater, Karten ab 29 Euro, unter 55 23 44 44

 

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