Zeitgeschichte Das polnische Märchen

Kardinal Michael von Faulhaber (links) und Verleger Franz Josef Schöningh (rechts). Foto: SZ Foto/Hering

Knud von Harbou, ehemaliger Feuilletonchef der SZ beleuchtet in seiner Biografie über Franz Josef Schöningh die dunkle Vergangenheit des Mitbegründers der „Süddeutschen Zeitung“

"Ich hatte mein über 3 Jahre lang zäh verfolgtes Ziel erreicht: Ich war kein Soldat Hitlers geworden.“ So kommentierte Franz Josef Schöningh das Kriegsende 1945, als er in seiner Jagdhütte bei Bernried amerikanische Soldaten in einem Jeep sieht.

Das Schicksal für den vom ihm auch schon vor 1933 gehassten Hitler kämpfen zu müssen, ist dem späteren Gründungsmitglied der „Süddeutschen Zeitung“ wirklich erspart geblieben. Aber dass Schöningh die Kriegsjahre in der „polnischen Forstverwaltung“ verbracht hatte, wie seine Enkel, Maria-Theresia, Lorenz und Rupert von Seidlein (bis 2008 Mitbesitzer des Süddeutschen Verlags), lange Zeit dachten, ist eine glatte Lüge.

Nach dem Tod ihrer Mutter, Schöninghs Tochter Karen, konfrontierte die von Seidleins der ehemalige SZ-Feuilleton-Chef, Knud von Harbou, mit einer unbequemen Wahrheit: Schöningh war während des Krieges Stellvertreter seines Vaters, des Kreishauptmannes Mogens von Harbou. Genau in der Zeit, als der Holocaust der ostgalizischen Juden durchgeführt wurde.

So entschlossen sich die von Seidleins, Knut von Harbou die Unterlagen ihres Großvaters für eine Biographie zur Verfügung zu stellen. Es ist ein bemerkenswertes und unbedingt lesenswertes Buch geworden über Schuld und Verdrängung.

Knud von Harbou beschreibt detailliert die politische Struktur im Generalgouvernement Sambor und Tarnopol, wo Schöningh und Mogens von Harbou 1941 die Zivilverwaltung aufbauten. In seinen Briefen schreibt Schöningh vom Aufbau eines „Deutschen Hauses“ und der Errichtung einer privaten bayerischen Stube, der passionierte Jäger schwärmt von den Jagdmöglichkeiten und bald ist auch von „Umsiedlungen“ der jüdischen Bevölkerung die Rede.

Schönigh hatte sich ins Generalgouvernement beworben, um sich einer wahrscheinlichen Einberufung zu entziehen – und bald enge Freundschaft mit Mogens von Harbou geschlossen. Doch die Mär der „sauberen Zivilverwaltung“, auf die sich Schöningh auch nach dem Krieg vor den amerikanischen Alliierten berief, zerpflückt Knud von Harbou gewaltig. Zwar gelingt es Schöningh, der kein Parteimitglied war, einzelne Juden vor dem Tod zu bewahren und viele hundert länger im Arbeitsdienst zu halten. Aber die Kreisverwaltung gewährt auch logistische Unterstützung, zum Beispiel beim Transport, für den Holocaust. Zwischen Juli 1942 und August 1943 fehlen jegliche Aufzeichnungen von Schöningh, vielleicht wurden sie später beseitigt. In diese Zeit aber fällt die Massenvernichtung der ostgalizischen Juden, der nicht einmal drei Prozent entgehen konnten.

Dass die Mehrzahl der Kreishauptmänner hingegen die Entnazifizierung nach Kriegsende völlig unbeschadet überstehen konnte, liegt nach Ansicht von Knut von Harbou vor allem an den ungenauen Fragebogen und dem Fehlen einer gründlichen Untersuchung. Seinen Vater allerdings rettete auch das nachgewiesene Engagement für Einzelschicksale nicht. Mogens von Harbou entzog sich Ende 1946 im Internierungslager in Dachau einer Auslieferung nach Polen durch Selbstmord.

Zu diesem Zeitpunkt ist Schöningh längst neben August Schwingenstein, Edmund Goldschagg und Werner Friedmann (er gründete 1948 auch die „Abendzeitung“) Herausgeber der „Süddeutschen Zeitung“. Der Sohn einer großen Verlegerdynastie hat im Sommer 1945 keine Schwierigkeiten Joseph Dunner, Gebietsleiter der Chief Press Control Section für die Presse in München und Oberbayern, von seiner Lauterkeit zu überzeugen. Schöningh verschweigt seine gehobene Position in der Zivilverwaltung, zudem hat der strenggläubige Katholik in Kardinal Faulhaber einen großen Fürsprecher.

Schnell wird die SZ, deren erste Nummer symbolisch mit den eingeschmolzenen Originaldruckplatten von „Mein Kampf“ und des „Völkischen Beobachters“ hergestellt wird, eine große Erfolgsgeschichte, auch wenn die Bedingungen im Keller der Ruine in der Sendlinger Straße katastrophal sind. Von „bergwerksähnlichen Bedingungen“ berichtet Werner Friedmann.
Auf die Frage wie Schöningh, „ein humanistisch-bildungsbürgerlicher Intellektueller mit starkem kirchlichen Hintergrund“ seine Vergangenheit im mörderischen Dauerterror reflektierte und für sich bewältige, fand Knud von Harbou in Schöninghs Nachlass keine Antwort. Sein Buch aber geht über diesen Einzelfall weit hinaus. Es ist ein wirklich erschreckendes Dokument über die lückenhafte Aufarbeitung der Naziverbrechen der Bundesrepublik – nicht nur in den Gründerjahren.

Knud von Harbou: „Wege und Abwege – Franz Josef Schöningh“ (Allitera, 358 Seiten)

 

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