Zehnkampf-Weltmeister im AZ-Interview Niklas Kaul: "Ich habe mich selbst in Quarantäne begeben"

Zehnkampf-Weltmeister Niklas Kaul befindet sich aktuell in freiwilliger Quarantäne. Foto: imago images / Xinhua

Deutschlands Vorzeige-Leichathlet Niklas Kaul ist erleichtert über die Verschiebung der Olympischen Spiele. Im AZ-Interview erklärt er, warum und wie ihn die Corona-Krise ganz persönlich betrifft.

 

AZ-Interview mit Niklas Kaul: Der 22-Jährige ist aktueller Weltmeister im Zehnkampf und Deutschlands Sportler des Jahres 2019.

AZ: Herr Kaul, mit gehöriger Verspätung hat das IOC nun endlich die Olympischen Spiele in Tokio auf kommendes Jahr verschoben – so wie Sie und viele andere Athleten das schon vor längerer Zeit vorgeschlagen haben. Sind Sie zufrieden mit der Entscheidung?
NIKLAS KAUL: Ich bin froh, dass das IOC so entschieden hat. Jetzt haben wir Klarheit. Es war auf jeden Fall die richtige Entscheidung. Der Wettkampf wird deutlich fairer sein, als er es jetzt gewesen wäre. Diesen Sommerspielen muss man nicht lange hinterhertrauern. Dass Olympia nun verschoben wird, ist zwar ärgerlich, aber jetzt gibt es wirklich Wichtigeres.

Was bedeutet die Verschiebung konkret für Ihren Trainingsplan?
Jetzt kann ich mich voll auf 2021 konzentrieren und an meinen Schwächen arbeiten. Ich glaube, dass gerade bei Hürdenlauf, Diskuswurf und Stabhochsprung das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht ist und es sein kann, dass ich mich nochmal verbessere. Auch Speer ist noch nicht technisch perfekt.

So hält sich Kaul während der Corona-Krise fit

Wie und wo können Sie in diesen Zeiten überhaupt trainieren?
Ich bin seit ein paar Wochen in der Einliegerwohnung meiner Eltern in Saulheim. Da gibt es wenigstens einen Garten – anders als in meiner kleinen Wohnung in Mainz. Da habe ich ein Ruder- und ein Fahrrad-Ergometer, ein paar Gewichte und Medizinbälle. Ein bisschen was geht also schon, aber das ist natürlich nicht das, was man sonst Ende März trainieren würde. Das ganze Technik-Training fällt halt weg, was im Zehnkampf natürlich ein großer Bestandteil ist. Auch die intensiven Läufe fallen aus.

Gehen Sie nicht raus zum Laufen?
Nein, ich habe mich vor einer Weile selbst in häusliche Quarantäne begeben, nachdem meine Freundin (die Siebenkämpferin Mareike Rösing, Anm. d.Red.) krank geworden war. Jetzt geht es ihr wieder besser. Wir müssen jetzt das Beste daraus machen.

Das IOC hat all die potenziellen Olympia-Starter sehr lange hingehalten, bis endlich die Entscheidung fiel. Dabei sitzen dort ja schließlich auch ehemalige Athleten, die wissen müssten, dass man nicht mal eben auf Knopfdruck einen olympischen Wettkampf bestreiten kann.
Es ist einfach auch gefährlich, wenn man eine Zeit lang nicht trainieren kann – und dann plötzlich die Form hochziehen muss. Da ist das Verletzungsrisiko natürlich sehr groß. Du bist die Wettkampfbelastung nicht gewohnt, hast keine Sicherheit. Die Gefahr bestand, dass die Olympischen Spiele zu einer Veranstaltung werden, bei der es nur darum geht, wer als einer der wenigen verletzungsfrei durchkommt. Das darf nicht sein, und davor hatte ich ein bisschen Angst. Außerdem hätten in diesem Jahr ja keine Qualifikations-Wettkämpfe mehr stattfinden können. Vielleicht wären die Olympischen Spiele dann der erste Wettkampf der Saison – und auch der letzte gewesen. Schwierig.

Kaul: Kein Verständnis für Olympia-Hinhalte-Taktik

Hatten Sie zuletzt Kontakt zum DOSB?
Nein, aber immer Rücksprache mit dem Bundestrainer. Aber auch der weiß ja nicht, wie es weitergeht, wie sich der Krankheitsverlauf entwickelt. Natürlich war diese Ungewissheit für uns Sportler bitter: Wir wussten, dass wir nichts machen können, mussten uns aber gleichzeitig auf Olympia vorbereiten. Es gab ja auch keine gleichen Vorbereitungsbedingungen. In Deutschland schon, aber international nicht. Ich bin in Kontakt mit anderen Zehnkämpfern weltweit: Da gibt es Unterschiede. Relativ viele sitzen zuhause und können nichts machen – aber eben nicht alle.

Sind Sie sauer über die Hinhalte-Taktik des IOC?
Die habe ich auch nicht verstanden. Es war ja abzusehen, dass wir nicht in zwei Wochen einen Impfstoff haben werden, der sehr gut funktioniert. "Keine Chance vor Frühjahr 2021", sagt das Robert-Koch-Institut. Was man dem DOSB und dem IOC aber immerhin zugutehalten muss: So eine Situation wie jetzt gab es noch nicht. Die haben bestimmt viele Eventualitäten durchgespielt, aber für diese Corona-Krise gibt es ja kein Szenario. Wobei nun langsam klar werden sollte: Sport ist jetzt eher zweitrangig, wenn die Gesundheit von so vielen Menschen gefährdet ist.

Aber gleich Olympia absagen wie Fechter Max Hartung wollten Sie auch nicht?
Ich kann ja auch nicht als Einziger sagen: Ich hake das für mich ab. Am Schluss hätten die Spiele dann doch stattgefunden – und ich habe als einziger Zehnkämpfer nicht trainiert.

Olympia verschoben: Athleten uneinig

Gab es keine Chance, Druck auf das IOC und den DOSB auszuüben?
Das Problem ist, dass es bei den Athleten unterschiedliche Meinungen gibt. Ich war ein Vertreter von Olympia 2021, mit einer ordentlichen Qualifikation vorher und einem Wettkampf, wie es die Stadt Tokio und auch die Sportler verdienen. Aber da gibt es auch Athleten, die sagten: "Ich habe mich jetzt so lange durch die Vorbereitung gequält – und das will ich nicht noch ein weiteres Jahr tun!" Gerade wenn es da aufs Ende der Karriere zugeht.

Kein Mensch weiß, wie lange die Corona-Pause noch dauern wird. Wie vertreiben Sie sich die ungewohnt trainingsarme Zeit?
Lesen, Netflix – was gerade jeder so macht. Ich hoffe nur, dass ich so schnell wie möglich wieder ein normales Leben habe.

Was lesen Sie denn gerade?
"Karwoche" von Andreas Föhr, ein humoriger Kriminalroman. Spielt übrigens in Bayern...

 

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