Wollen die Franzosen den Standort plattmachen? Angst um das Siemens-Lokwerk in Allach

 

Wird es für den Standort eine Zukunft mit Alstom geben? Wenn nicht, werden die Beschäftigten weiter zu Siemens gehören – oder zu einem anderen Arbeitgeber? Die Aussichten für die Siemens-Bahntechnik sind offen, seitdem das Übernahmegefecht um den französischen Konkurrenten Alstom eröffnet wurde, der unter anderem den TGV baut. Die Gewerkschaft IG Metall schlägt deshalb Alarm. Sie fürchtet um das 175 Jahre alte Siemens-Werk in der Krauss-Maffei-Straße in Allach.

MÜNCHEN In Allach arbeiten rund 800 Beschäftigte, etwa je zur Hälfte sind es Werker und Ingenieure. Für den kommenden Freitag lädt die Gewerkschaft zu einer außergewöhnlichen Betriebsversammlung und kündigt Protestaktionen an. Der Standort – eine „Perle im Konzern“ – könne über kurz oder lang zur Disposition stehen, glaubt Horst Lischka, der erste Bevollmächtigte der Gewerkschaft in München.

Der Grund für seine Angst: In Allach werden Lokomotiven gefertigt, ein Bereich, in dem Siemens und Alstom seit Jahren miteinander konkurrieren. Sollte Siemens die Bahntechnik gegen die Energiesparte von Alstom tauschen, warnt Lischka, drohe den Beschäftigten das Aus. Französische Industriepolitik bedeute schließlich oft, eigene Werke zu schützen und Fabrikationsstätten im Ausland plattzumachen. „Und Alstom hat einige Standorte, die die gleiche Qualität liefern wie Siemens.“

Besonders nervös macht die Gewerkschafter, dass die Fusionsgespräche zeitlich mit der Neuorganisation von Siemens zusammenfallen. „Wenn ein Konzern ankündigt, eine Milliarde Euro durch Verschlankung von Führungsebenen einsparen zu wollen, geht das nie ohne breiten Personalabbau in den Zentralbereichen“, sagt Lischka. Dabei arbeiteten nur noch 8000 Siemensianer in München, erinnert der Gewerkschafter, seit die Telekommunikation und die IT-Sparte ausgegliedert wurden. Das Lokwerk sei der einzige verbliebene Produktonsstandort.

In der Belegschaft will nicht jeder die Befürchtungen Lischkas teilen. „Geschlossen wird unser Standort sicher nicht“, ist sich ein Ingenieur sicher. Die Wertschöpfung bei den Lokomotiven sei hoch, die Entwicklungen aus Allach seien profitabel und würden weltweit in vielen Zügen eingesetzt, auch wenn außen nicht Siemens draufstehe. Ein Zusammengehen mit Alstom wäre aber auch aus Sicht des Ingenieurs keine Verbesserung: „Der Lokomotivenbau von Alstom ist eine Resterampe“, lästert er, über Jahre hinweg hätten die Franzosen nichts hinbekommen. Eine frühere Zusammenarbeit mit Alstom hätten die Beteiligten in unguter Erinnerung.

Das Problem der Siemensianer: Die Verkehrstechnik hat wegen der vielen Probleme, die es in den vergangenen Jahren unter anderem mit der ICE-Flotte gab, keinen guten Stand bei der Konzernspitze. Deswegen argwöhnen einige Beschäftigte, Siemens-Boss Joe Kaeser wolle sich des Geschäftsfeldes am liebsten ganz entledigen. Ein Unding in den Augen Horst Lischkas. „Siemens muss sich nicht von diesem Bereich trennen, in dem es Technologieführer ist. Die internen Fehlerquellen sollten beseitigt werden, anstatt tausende Beschäftigte rauszuschmeißen.“sun

Die Regierung in Paris sichert sich ihren Einfluss beim Siemens-Alstom-Deal

Mitten in den Übernahmeverhandlungen hat die Regierung in Paris ihre Eingriffsrechte bei internationalen Deals erweitert. Mit einer Verordnung, die heute in Kraft tritt, sichert sich die Regierung Einfluss bei Investitionen in den Bereichen Energie, Verkehr, Wasser, Gesundheit und Telekommunikation. Ohne die bei „nationalem Interesse“ notwendige Zustimmung könnte auch eine ungewünschte Alstom-Übernahme verhindert werden. Dabei können den Unternehmen Auflagen gemacht werden. Eine ähnliche Regelung gilt in Frankreich bereits für die Rüstungsindustrie, Informationstechnologie und das Glücksspiel.„Wir können von jetzt an Unternehmensverkäufe blockieren, Gegenleistungen verlangen“, sagte Wirtschaftsminister Arnaud Montebourg zu „Le Monde“. Die Entscheidung dafür sei aus Gründen des „wirtschaftlichen Patriotismus“ gefallen. Mit dem aktuellen Dekret werde das Kräfteverhältnis zwischen den Interessen multinationaler Konzerne und den Interessen des Staates, das nicht immer ausgewogen sei, wieder ausgeglichen.

 

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