Wohnung nach 46 Jahren gekündigt Tagesmutter (50) vor die Tür gesetzt

Weiß noch nicht wie es weiter geht: Tagesmutter Evi Pietsch mit großem Teddy. Foto: Daniel von Loeper

In der Clemensstraße in Schwabing: Evi Pietsch betreut seit 25 Jahren Kinder in der eigenen Wohnung – jetzt ist ihr vom Vermieter fristlos gekündigt worden.

Schwabing - Die Stadt sucht händeringend nach Tagesmüttern – es gibt viel zu wenige, der Bedarf ist weit größer als das Angebot. Und schon bald wird es eine Tagesmutter weniger sein: In knapp drei Wochen muss Evi Pietsch (50) ihre Wohnung in der Clemensstraße räumen. Vor gut einer Woche hat der Vermieter den Mietvertrag fristlos gekündigt.

Pietsch hat in dem Haus fast ihr ganzes Leben verbracht, seit 46 Jahren lebt sie dort: Als vierjähriges Mädchen zog sie 1969 zusammen mit ihren Eltern ein. Später gründete sie hier ihre eigene Familie und inzwischen ist auch sie schon Oma geworden.

Aber Pietsch ist in dem Mietshaus aus den 50er Jahren nicht nur aufgewachsen, seit 25 Jahren betreut sie als Tagesmutter Kinder in ihrer Wohnung. Neben Kindern aus den Nachbarwohnungen waren selbst welche der Hauseigentümer darunter. Sie verliert durch die Kündigung nicht nur ihr Zuhause, sondern auch ihren langjährigen Arbeitsplatz.

Was ist passiert? Fühlen sich die Nachbarn durch Kindergeschrei gestört? Ist die Miete längst überfällig? Hat die Tagesmutter die Wohnung gar verwahrlosen lassen? Wohl kaum, die Hausbewohner kannten und mochten „die Evi mit den Kindern“, wie eine Nachbarin aus dem Hinterhaus auf Nachfrage bestätigte.

„Das Problem? Ich habe nichts Schriftliches in der Hand“, erklärt Pietsch. Die Tagesmutter hatte es bislang versäumt, den Mietvertrag ihrer Eltern auf sich überschreiben zu lassen und die Erlaubnis für die Kinderbetreuung vom Vermieter schriftlich einzuholen. Das wurde ihr jetzt zum Verhängnis. „Eine mündliche Erlaubnis hatte ich schon. Der alte Vermieter hat mit mir die Betreuung der Kinder per Handschlag erlaubt.“

Das ging jahrelang gut. Als vor fünf Jahren dann der alte Eigentümer verstarb, bekam Pietsch mehrere neue Vermieter. Sie hatten das aus Vorder- und Rückhaus bestehende Anwesen vom vorherigen Eigentümer anteilig geerbt.

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Rund vier Jahre nach dem Vermieterwechsel lief alles noch problemlos für die Tagesmutter. Vor knapp einem Jahr wurde sie von den Vermietern wegen der Kinderbetreuung in der Wohnung und dem nicht auf ihren Namen abgeschlossenen Mietvertrag plötzlich mehrfach abgemahnt. Dann wurde ihr mit der Kündigung gedroht. „Ich musste mir einen Anwalt suchen“, erzählt sie. Schließlich landete der Fall vor Gericht. Das Urteil: Fristlose Kündigung bis Ende April.

„Die Vermieter wollen einfach keine Mieter mit den alten günstigeren Verträgen mehr. Für eine Wohnung in dieser Lage kann man doch leicht das Doppelte verlangen“, berichtet Pietsch resigniert. „Ich hätte auch mehr Miete gezahlt, aber die Vermieter waren leider überhaupt nicht gesprächsbereit. Ich habe den Eindruck, dass die alten Mieter am besten einfach sofort verschwinden sollen“.

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Und nicht nur Pietsch verliert bald ihr Zuhause: Auch bei ihrer 71-jährigen Mutter und ihrem 63-jährigem Stiefvater, die im selben Haus im Erdgeschoss wohnen, lag die Kündigung bereits im Briefkasten. Die Vermieter haben Eigenbedarf angemeldet. „Obwohl im Haus eine Wohnung frei wäre“, so die Tagesmutter.

Anja Franz, Sprecherin des Münchner Mietvereins, ist da kaum verwundert: „Es scheint ein typischer Fall zu sein: Alteingesessene Mieter werden kurzerhand vom Vermieter gekündigt, damit vor Inkrafttreten der sogenannten Mietpreisbremse ab dem 1. Juni alte günstigere Mieten noch schnell preislich nach oben geschraubt werden können“.

Bis 24. April muss Pietsch ihre Wohnung räumen – und ist vorerst ihren Job los. „Vorübergehend habe ich zwar schon eine Bleibe gefunden, aber nichts auf Dauer“, sagt sie traurig. „Ich hoffe sehr, dass sich wer findet, der nichts gegen Kinder hat und mir eine bezahlbare Wohnung vermietet“.

Die Vermieterseite wollte auf AZ-Nachfrage keine Stellung zu dem Fall nehmen.

 

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