Wohnen, Arbeit, Verkehr Bürgergutachten: So wünschen sich Münchner München

Die Skyline Münchens – bald erweitert um ein paar Hochhäuser (rechts)? Zumindest stehen Bürger höheren Gebäuden sehr offen gegenüber. Foto: dpa/AZ

Erstmals haben zufällig ausgewählte Bürger in einem Bürgergutachten eine Vision für eine ganze Region entwickelt. Die AZ hat sich mit fünf von ihnen unterhalten.,

 

München - Es waren vier Tage im Februar. Da kamen in einem kargen Bürogebäude in Baierbrunn 100 repräsentativ ausgewählte Bürger zusammen, um über das wohl Wichtigste überhaupt zu sprechen: die Zukunft von München und der Region.

Herausgekommen ist dabei etwas bislang Einmaliges: ein Bürgergutachten, das sich mit der Einwicklung eines ganzen Großraums beschäftigt. Wie wollen wir wohnen, wie arbeiten – und wie bekommen wir unsere Verkehrsprobleme in den Griff? Das waren einige der Leitfragen.

Die Ergebnisse sind durchaus überraschend: Die Teilnehmer wünschen sich nämlich nicht nur bessere Verkehrsverbindungen und weniger Autos in der Stadt, sie sind dafür auch bereit, massive Einschnitte hinzunehmen. So fordert das Bürgergutachten unter anderem eine City-Maut für die Münchner Innenstadt und – wer hätte das im Millionendorf München erwartet? – den Bau von Hochhäusern zur Behebung der Wohnungsnot.

Die Forderungen stammen aus der Mitte der Gesellschaft. Das Nexus-Institut hat sich Mühe gegeben, für das Bürgergutachten ein möglichst genaues Abbild der sozialen Verhältnisse zu finden. 2.000 zufällig aus dem Melderegister ausgewählte Personen wurden für die Studie angeschrieben. Aus den Zusagen wählten die Meinungsforscher 100 Teilnehmer aus, die nach Alter, Geschlecht, Bildung und Lokalproporz die Münchner Wirklichkeit am besten widerspiegeln.

Das ist einigermaßen gut gelungen. Alte und Akademiker sind in dem Bürgergutachten zwar überrepräsentiert, trotzdem kann man sagen, dass da irgendwie die Region München spricht.

Die AZ hat fünf der Teilnehmer gefragt, woran es in der Region München hapert – und was sie sich für die Zukunft der Stadt wünschen.

"Warum nicht ein Hochhaus?"

Jule Klandt (23) aus Freising, angehende Landschaftsarchitektin: "Wir müssen dafür sorgen, dass auch draußen in der Region alles vorhanden ist. Man will nicht immer für alles nach München fahren müssen. Wir brauchen eine bessere Vernetzung und kürzere Wege. Dadurch wird auch das Umland attraktiver, und es zieht vielleicht nicht mehr so viele Menschen in die Stadt. So ließe sich auch die Wohnungsnot viel einfacher lindern.

Zudem sollten wir die bereits versiegelten Flächen besser nutzen und innovativ in die Höhe bauen. Warum nicht auch mal ein Hochhaus in München? Das ist doch besser, als wenn die ganzen Freiräume zugebaut werden."

"Es soll sich mehr verteilen"

Adolf Fronk (76) aus Ramersdorf, Pharmazeut in Rente: "Wir hatten vier harte Tage und haben uns da arg unsere Köpfe zerbrochen. Herausgekommen ist ein gut 100 Seiten dickes Gutachten. Natürlich ist da Skepsis, ob die Politik das alles überhaupt wahrnehmen wird. Aber wir haben da viel Energie reingesteckt.

Wir wünschen uns, dass sich die Region dezentral entwickelt. Es soll sich nicht immer alles auf München konzentrieren und auf die Orte an den S-Bahnästen. Das soll sich alles besser verteilen. Dafür brauchen wir natürlich bessere Verkehrsverbindungen."

"Straßen besser unterirdisch"

Nils Schürmann (24) aus Unterschleißheim, Lebensmittelchemiker: "Ich wünsche mir, dass es ein Umdenken dabei gibt, wie der Mensch mit der Natur umgeht. Das sollte aber möglichst von sich aus passieren – nicht, dass da irgendeine Regierung erst Vorschriften machen oder Verbote erlassen muss.

Wir wünschen uns, dass in Zukunft Dachgärten entstehen und mehrgeschossige Bauten grundsätzlich begrünt werden. Wir finden auch, dass Verkehrstraßen nach Möglichkeit unterirdisch geführt werden sollten, damit an der Oberfläche keine Grünzüge zerstört werden. Gleiches gilt für Häuser: lieber hoch bauen, als Grünflächen zu zerstören."

"Kinderbetreuung ausbauen"

Monika Bauch (47) aus Nymphenburg, selbstständige Unternehmensberaterin: "Dieses Nebeneinander ist wunderbar: Wohnen, Gewerbe, Einzelhandel und Handwerk – alles auf einem Haufen. Das stört überhaupt nicht, das ist eine gute Mischung. Dann hat man auch gleich alles in der Nähe. Lärmende Firmen sollten aber auch in Zukunft nicht in den Wohngebieten angesiedelt werden.

Zudem wünsche ich mir eine Flexibilisierung der Arbeitszeiten. Kind und Karriere müssen in Zukunft noch besser miteinander vereinbar sein. Dafür sollte auch die Kinderbetreuung deutlich ausgebaut werden. Da sehen wir natürlich die Städte und Gemeinden in der Verantwortung. Aber auch die Unternehmen sollten da etwas mehr tun. Eine Kita oder ein Kindergarten gleich am Büro – das wäre sehr hilfreich."

"Nur noch E-Autos in der City"

Martin Stockl (54) aus Erding, Vertriebsingenieur: "München steht vor dem permanenten Verkehrsinfarkt. Wir wollen deshalb weniger Autos in der Stadt haben. Eine City-Maut, nur E-Autos in die Innenstadt reinlassen oder nur solche, in denen mehrere Insassen drin sitzen – all das können wir uns vorstellen.

Auch beim Öffentlichen Nahverkehr muss man nachlegen. Eine Spinne fängt ihre Beute schließlich auch mit den vielen kleinen Drähten. Deswegen brauchen wir beim S-Bahnnetz dringend Querverbindungen. Auch Express-Verbindungen wären schön. Ich brauche in die Stadt manchmal zwei Stunden. Mit dem Auto wäre ich in 50 Minuten da. Da muss man schon leidensfähig sein.

Die Radwege sollte man auch ausbauen – und im Winter ordentlich streuen. Sonst ist man im Sommer mit dem Radl unterwegs, und für den Winter hält man sich noch ein Auto vor – das ist ja auch nicht Sinn der Sache."

Wie will der Oberbürgermeister München weitergestalten? Lesen Sie hier das AZ-Interview mit Dieter Reiter

 

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