WM-Halbfinale 1970 in Mexiko Sepp Maier über das Jahrhundertspiel: "Italien war für mich gestorben"

Die Entscheidung – für Italien: Rivera trifft in der 111. Minute gegen Sepp Maier zum 4:3-Endstand. Foto: imago images/Sven Simon

Am 17. Juni 1970 kam es bei der WM zum Halbfinale Italien gegen Deutschland. Auch 50 Jahre später regt sich der damalige Nationalkeeper über den Schiri auf: "Weil er uns verpfiffen hat, die linke Bazille!"

 

AZ-Interview mit Sepp Maier: Der 76-Jährige war deutscher Nationaltorwart, stand auch beim "Jahrhundertspiel", dem WM-Halbfinale gegen Italien im Jahr 1970, im Tor.

AZ: Herr Maier, Sie haben 95 Länderspiele bestritten. In 94 davon mussten Sie nicht mehr als drei Treffer kassieren. Einzig beim 3:4 gegen Italien. Unter diesem Aspekt ist das WM-Halbfinale von 1970 einzigartig.
SEPP MAIER: Ich hatte eine gute Abwehr vor mir. Fast immer. (schmunzelt)

Klar, sonst hätten Sie im DFB-Trikot nicht 38 Mal zu null spielen können.
Eben. Wir sind damals sehr dominant aufgetreten. Meistens.

Haben Sie das 3:4-Drama eigentlich noch einmal auf Video oder DVD angeschaut?
Nein, einmal habe ich mich getraut und die reguläre Spielzeit angeschaut, aber dann so geärgert über den Schiedsrichter, dass ich die Aufzeichnung gestoppt habe. Ob vier oder fünf Jahrzehnte später – ich kann mich da nicht beruhigen.

Man merkt, es brodelt in Ihnen. Zum Schiedsrichter kommen wir gleich. War jenes 3:4 das Spiel Ihres Lebens? Trotz der bitteren Niederlage?
Von der Dramatik her ja. Ich wusste in der Verlängerung teilweise gar nicht mehr, wie es gerade steht, musste nach oben auf diese hölzerne Anzeigetafel schauen. Wichtig waren natürlich auch das Spiel gegen Polen 1974 und das Endspiel kurz darauf gegen die Holländer – beide Male habe ich gut gespielt, und wir haben gewonnen. Da hat alles gepasst. Ich hab' einige gute Spiele gemacht, aber alle kannst du halt einfach nicht gewinnen.

Wie stolz sind Sie, bei dieser Partie im Aztekenstadion dabei gewesen zu sein?
Ach, ich weiß nicht, ob dieses Spiel wirklich das Spiel des Jahrhunderts war. Da gab es...

Moment, ich muss unterbrechen. Es heißt, dass Sie selbst es waren, der dem Match diesen Stempel aufgedrückt hat.
Hab' ich das gesagt? Ich war ein Prophet! Daran sieht man, wie viel Ahnung ich vom Fußball habe. (lacht) Im Ernst: Es war eben unwahrscheinlich nervenaufreibend, vor allem in der Verlängerung. Dieses Hin und Her, wer nun wieder in Führung gegangen ist, entfachte eine spezielle Dynamik. Schon für uns Spieler auf dem Platz war es ungeheuer spannend, für die Zuschauer muss es noch spannender gewesen sein.

Die saßen in Deutschland ab 23 Uhr vor den Fernsehgeräten, für Sie ging es in dieser riesigen Hexenkessel-Schüssel Aztekenstadion ums WM-Finale. Haben Schwüle, Luftfeuchtigkeit und Höhe von Mexiko-Stadt selbst einen Torhüter körperlich beeinträchtigt?
Eigentlich weniger. Wir hatten nach der Anreise aus Léon zwei, drei Tage Zeit, um uns auf die klimatischen Bedingungen einzustellen. Für mich war's schon okay.

Im Gegensatz zum Viertelfinale mit Anpfiff um 12 Uhr erfolgte der Anstoß gegen Italien um 16 Uhr Ortszeit.
Das stimmt. Aber drei Tage davor haben wir ja gegen die Engländer 120 Minuten gehen müssen – in sengender Mittagshitze. Das steckte den Feldspielern noch in den Knochen. Mexiko-Stadt liegt ja noch einmal 500 Meter höher als Léon, auf 2.310 Meter über Meereshöhe. Der Mannschaftsarzt hat immer gesagt: Es kann und wird euch nichts passieren. Wenn ihr mal kurzfristig nicht mehr richtig schnaufen könnt – macht euch keine Sorgen! Habt keine Angst! Vielleicht tritt ganz kurz Atemnot ein, aber der Kreislauf wird nicht beeinträchtigt. Einfach kurz durchschnaufen, dann geht's schon wieder. Und so war es auch. Sonst wäre doch solch ein Spiel über 120 Minuten nicht zustande gekommen. Außerdem hatten wir genügend echte Bayern auf dem Platz: Die sind es gewohnt, im Gebirge herumzusausen.

Nach Schnellingers Treffer sind Sie von Ihrem bis zum gegnerischen Strafraum gerannt, um mit den Mitspielern das ersehnte 1:1 zu feiern.
Weil es eben so schwierig war, gegen die Italiener mit ihrem Catenaccio ein Tor zu schießen. Danach war ich auch total kaputt. (lacht) Eigentlich hätte Schnellinger hinten bei mir sein sollen – zum Glück hat er einen Ausflug gemacht. Am Ende aber haben wir uns am meisten über die Schiedsrichter-Leistung geärgert. Dieser Yamasaki! Dessen Namen werde ich mein Leben lang nicht vergessen.

Sie sprechen von Herrn Arturo Yamasaki, dem Peruaner mit mexikanischem Pass. Auch ihn machte das Jahrhundertspiel berühmt.
Weil er uns verpfiffen hat, die linke Bazille! Die Fouls an Uwe Seeler und Franz Beckenbauer waren klare Elfmeter, wenigstens einen davon hätte er geben müssen. Er hat einfach weiterspielen lassen. Ein Wahnsinn! Wir hätten das Spiel schon in der regulären Spielzeit gewonnen und dann vielleicht im Finale die superstarken Brasilianer bezwungen, auf jeden Fall nicht 1:4 verloren wie die Italiener. Aber der Yamasaki wollte, dass es anders kommt.

Beckenbauer schimpfte nach dem Spiel über ihn: "Ein Verbrecher!"
Aber wirklich! Der hat uns gehasst! Nach Schlusspfiff ist er sofort rein in die Schiedsrichter-Kabine und weg war er. Ich wollte zu ihm, um ihn zu fragen, wo die fünf goldenen Uhren sind, die ihm die Italiener geschenkt haben. Ich war so außer mir, wäre ihm am liebsten an die Gurgel gegangen. Das wäre mir wurscht gewesen. Zum Glück haben mich meine Mitspieler zurückgehalten. "Du bleibst hier!", haben sie gerufen und mich gepackt: "Mach' keinen Scheiß!" Bundestrainer Helmut Schön redete auf mich ein: "Mach das nicht, Sepp! Mach das nicht! Du wirst gesperrt!" Aber auch Schnellinger, Overath, der Franz – alle haben sich mächtig aufgeregt.

Und geweint. Nach Abpfiff hatten einige Spieler feuchte Augen. Sie auch?
Nein, ich war keiner, der aus Enttäuschung geweint hat. Höchstens vor Wut. Und wütend war ich, aber wie! In einer ersten Reaktion haben Sie 1970 geschimpft: "Ich esse nie mehr Pizza oder Spaghetti!" Ich wollte auch nie mehr Urlaub da drunten machen. Italien war für mich gestorben, erledigt.

Wie lange hat Ihr "Italien-Boykott" wirklich gedauert?
Nach der WM bin ich nach Spanien geflogen, wie so häufig. Anders als für den Gerd war Italien nie wirklich mein Urlaubsland, 1967 war ich mit meinem Bayern-Mitspieler Dieter Brenninger in Ligurien, danach nicht mehr in Italien. Mich hat's immer nach Spanien gezogen, vor allem nach Marbella, und zum Skifahren nach Österreich. Später bin ich dann häufig nach Südtirol zum Wandern.
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Das ganze Interview mit Sepp Maier in "Mehr als ein Spiel" – ab 17. Juni für 7 Euro im Handel oder zum Download auf www.fussballgold.de

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