WM 2010 Steckt in Löw zu viel Jogi?

Bundestrainer Joachim Löw vor seiner vielleicht größten Herausforderung gegen Ghana. Foto: dpa

Lässig und locker, so gibt sich der Bundestrainer am liebsten. Auch vor dem Spiel gegen Ghana, bei dem es um alles geht – und bei dem eigentlich doch mehr Ernsthaftigkeit angebracht wäre.

 

CENTURION Man sieht dem Mann nichts an, auch wenn man sich noch so bemüht. Joachim Löw ist immer bei sich, ist immer Joachim Löw. Ob das sein Geheimnis ist? Ob es nur eine Maske ist, eine Art Schutz vor analysierenden Blicken? Falten? Augenringe? Ein Stressbäuchlein? Keine Chance. Als wäre er gerade im Urlaub hier in Südafrika und würde ein wenig Sport treiben. Für einen 50-Jährigen ist er jugendlich-fit geblieben, einzig sein leicht schiefes Kreuz fällt auf.

Und die allzeit gute Laune. „Morgen!“ ruft er den Reportern zu, er gibt jedem die Hand, schaut einem in die Augen, lächelt, nickt mit dem Kopf. Wie am Montagmittag auf dem Gelände des Mannschaftshotels „Velmore Grande“: Löw plaudert mit Journalisten, hockt leger auf einer Treppe, genießt die wärmende Wintersonne. Man könnte meinen, er geht gleich an den Strand.

Am Mittwoch geht er in das entscheidende Gruppenspiel, ein vorgezogenes K.o.-Spiel gegen Ghana in Johannesburg (20.30 Uhr). Ein Alles-oder-Nichts-Spiel. Ein Sieg – und alles ist in Ordnung. Das Achtelfinale war ja erwartet worden.

Eine Niederlage bedeutet das Aus, den größten anzunehmenden WM-Unfall einer deutschen Nationalelf. Mehr Druck geht nicht. Mehr Anspannung könnte nicht sein. Wer möchte da schon mit ihm tauschen?

Er liebt es. „Sie können mir glauben: Mir macht das Spaß“, sagte er. Seine Augen funkeln, die Vorfreude ist nicht künstlich, man nimmt es ihm ab, wenn er sagt: „Spiele, in denen es um alles geht, das ist genau mein Ding, da bin ich wirklich in meinem Element. Gegen Russland, Portugal, gegen Argentinien, das sind Situationen, die ich liebe. Alles oder nichts!“

Bei der EM 2008 hieß der Gegner Österreich, als das dritte Gruppenspiel gewonnen werden musste. In Wien siegte die DFB-Elf mit 1:0, Löw musste nach einem Disput mit dem Schiedsrichter auf die Tribüne.

Das ist seine andere Seite – wenn er sich ungerecht behandelt fühlt, wenn er wie beim 0:1 gegen Serbien merkt, dass alles gegen seine Mannschaft läuft. Dann verliert er die Lässigkeit, die Lockerheit, dann schmeißt er mit Wasserflaschen, flucht lauthals – und wendet sich auch mal vom Spielfeld ab. Dann ist er ganz Trainer, der Herr Joachim Löw. Außerhalb des Platzes, in der Werbung etwa, ist er der smarte Jogi. Doch ist Löw nicht manchmal zu viel Jogi? Zu lässig, zu leger?

Die AZ untersucht den Bundestrainer vor dem Ghana-Spiel.

Taktik/Aufstellung:

Da ist er Löw, der Bundestrainer. Von niemandem, nicht von der Öffentlichkeit, von Experten oder von den Medien will er sich reinreden lassen, er bleibt stur – siehe die Fälle Kuranyi, Frings oder Klose. Er wird wohl auch Holger Badstuber für das Ghana-Spiel in der Startelf lassen.

Die Auswechslungen:

Gegen Serbien wechselte Löw – trotz gänzlich anderer Ausgangslage – genauso wie beim 4:0 gegen Australien: Cacau, Marin, Gomez rein. Özil, Müller, Badstuber raus. Er hat seine Reihenfolge, zieht seine Linie durch. Das Bauchgefühl hat ihn gegen Serbien getrogen, die Einwechslungen verpufften. Und in der Frage der Gelbsperren trat er zu nonchalant auf, er wusste schlicht nicht Bescheid.

Verhalten an der Linie:

Optisch ganz der Jogi, immer jugendlich top-gestylt. Vor dem Spiel lehnt er meist lässig an der Bande, als könne ihm nichts und niemand etwas. Bei Rückständen aber verliert er leicht die Fassung, für kurze Momente nimmt Löw die Jogi-Maske ab.

Seine Sprüche:

Er hat das Weiterkommen versprochen. Punkt, aus. Ein mutiger Schritt. Er sagt das, weil es seine Überzeugung ist. Sein Weg. Geht es auf, wird der Respekt vor ihm noch größer sein. Vor Löw, dem Bundestrainer. Und Everybody's Jogi.

Patrick Strasser

 

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