Wladimir vor dem nächsten WM-Kampf in Trauer Emanuel Klitschko

Zwei Wochen nach dem Tod seines legendären Trainers Emanuel Steward († 68) verteidigt Wladimir seine Gürtel gegen Mariusz Wach.
„Er lebt mit seinen Ideen in uns weiter”

 

HAMBURG Die Augen liegen tief in den Höhlen, der Blick schweift immer wieder in die Ferne. Die Trauer, von der Wladimir Klitschko erfüllt ist, ist fast greifbar. Trauer um seinen Trainer, Trauer um seinen Freund, Trauer um Emanuel Steward. Der legendäre US-Coach, der in seiner unvergleichlichen Karriere 41 Weltmeister betreute, war vor knapp zwei Wochen im Alter von nur 68 Jahren an Komplikationen nach einer Darmkrebs-Operation verstorben.

Auf Klitschkos Jacke, direkt über dem Boxer-Herz, prangt ein Button mit dem Konterfei Stewards. Am Samstag (23 Uhr, RTL) verteidigt Klitschko, Weltmeister der Verbände WBO, IBF, IBO und WBA, seine Titel gegen den polnischen Herausforderer Mariusz Wach. Erstmals seit 2004 muss Klitschko ohne den Box-Guru in seiner Ecke auskommen.

„Ohne Emanuel, aber mit seiner Präsenz werde ich die Titel verteidigen. Für ihn”, sagt Klitschko.

Und wirklich: Emanuel Steward ist allerorten, denn er hat Klitschko in den acht Jahren der Zusammenarbeit aus den Trümmern seiner Karriere nach den Niederlagen gegen Corrie Sanders und Lamon Brewster neuaufgebaut, er hat ihn geformt, er hat den neuen Wladimir erschaffen.

Der alte Wladimir, das war ein Boxer, der seine Profession nicht liebte. Boxen war nur etwas, was er sehr gut konnte. Aber er mochte es nie. Erst Steward mit seinem unvergleichlichen Enthusiasmus hat ihn die Liebe zum Boxsport gelehrt. Steward zeigte Klitschko Videos der großen Fighter. Muhammad Ali, Sugar Ray Robinson, Joe Louis, Max Schmeling. Etwas, was Klitschko nie getan hat. Beim Training saßen sie stundenlang zusammen, diskutierten über jedes Detail. „Steward hat Boxen gelebt, wie kein Zweiter”, sagt Klitschko. Wenn die beiden zusammensaßen, führte Steward die charakteristischen Bewegungen der anderen Boxer so authentisch nach, dass man als Experte sofort sah, um welchen Kämpfer es sich handelt. „Er hat mich gelehrt, Gegner zu analysieren, Schwächen zu erkennen, Strategien zu entwickeln. Darin war Steward der absolute Meister.” Und Wladimir sein gelehriger Schüler.

Klitschko lernte. Er lernte, dass jeder Kampf oft von Nuancen entschieden wird. Boxer schmieren sich das Gesicht im Sparring und in den Fights mit Vaseline ein, um Platzwunden zu vermeiden. Doch Steward verwendete nur Kokosbutter statt Vaseline. Die Kokosbutter wird von der Haut aufgesogen, verstopft nicht die Poren derart wie Vaseline, was dazu führt, dass die Haut besser atmen kann. Steward ließ für Klitschko einen seiner Körperform angepassten Schemel fertigen, auf dem der Boxer in den Pausen sitzt. Die Hose wurde umgeschnitten, damit sie sich nicht so voll Wasser saugen kann, was zusätzliches Gewicht und damit Anstrengung bedeutet. Die Schuhe wurden aus einem speziellen extraleichten Tuch gefertigt. Und waren leuchtend weiß. Steward glaubte an die Kraft von Farben.

Steward installierte in Klitschko den Kronk-Stil. In Stewards legendärem Kronk-Gym war die Prämisse, dass die Boxer jede einzelne Runde gewinnen sollten, um die Gefahr von Fehlurteilen durch Punktrichter zu verringern. All das war Steward, all das ist jetzt Klitschko. Er setzt weiter auf die Steward-Formel, seine Trainer sind nun Johnathon Banks und James Ali Bashir. Der 30-jährige Banks kam im Alter von 14 Jahren zu Steward, Bashir war die letzten 25 Jahre die rechte Hand von Steward. „Wir führen alles im Sinne von Emanuel weiter”, sagt Banks, „es war eh das beste System der Welt.”

Das Team, das Steward und Wladimir zusammengestellt haben, bleibt unverändert. Klitschko will die Gewohnheit, die Routine haben, damit er sich auf den Kampf konzentrieren kann. Klitschko: „Emanuels Tod ist ein großer Verlust. Aber er ist bei uns, er lebt mit seinen Ideen in uns weiter.” Wladimir Klitschko, er ist längst zu Emanuel Klitschko geworden.

 

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