Wirbel um Schafhausen NS-Dokuzentrum: Programm klingt nach Aufbruch

Direktorin Mirjam Zadoff kommentierte die Wiener Ente amüsiert: "Jetzt bin ich gerade mal seit Mai hier in München und habe eigentlich schon vor, eine Weile zu bleiben." Foto: Lino Mirgeler/dpa

Die neue Direktorin Mirjam Zadoff stellt ihr Programm für das NS-Dokumentationszentrum vor – und einen Kurator, der überhaupt für München interessant sein könnte.

München - Eine schöne Ente hat die österreichische Tageszeitung "Der Standard" da am Montag in Umlauf gebracht. Und mit einiger Wirkung. Dass Nicolaus Schafhausen, der aus "politischen Gründen" vorzeitig scheidende Direktor der Kunsthalle Wien, im Münchner NS-Dokumentationszentrum eine führende Position erhalten soll, klang zwar merkwürdig. Doch diese Aussicht hat immerhin zu beträchtlichem Andrang bei der Jahrespressekonferenz geführt.

Ohne Zweifel wäre diese Berufung ein deutliches Statement der Landeshauptstadt. Im Mai 2018, wenige Monate nachdem in Österreich die konservative ÖVP mit der rechten FPÖ eine Koalition eingegangen war, sah Schafhausen in der "nationalistischen Politik" des Landes "die Wirkungsmächtigkeit von Kulturinstitutionen wie der Kunsthalle Wien für die Zukunft in Frage gestellt". (Lesen Sie hier: Gilbert & George: Die ganze Welt eine Kunstgalerie)

Schafhausen plant eine ambitionierte Ausstellung

Der 53-jährige Kunsthistoriker aus Düsseldorf kündigte an, nicht wie vorgesehen bis 2022, sondern nur bis März 2019 zu bleiben. Tatsächlich saß Schafhausen am Donnerstag zwischen Münchens Kulturreferent Hans-Georg Küppers und dessen Nachfolger Anton Biebl – allerdings auch neben der neuen Direktorin Mirjam Zadoff, die die Wiener Ente amüsiert kommentierte: "Jetzt bin ich gerade mal seit Mai hier in München und habe eigentlich schon vor, eine Weile zu bleiben."


Der Kurator und Kunsthistoriker Nicolaus Schafhausen. Foto: Sabine Hauswirth/Kunsthalle Wien/dpa

 

Also keine Co-Direktion oder dergleichen. Schafhausen wird dennoch einiges am NS-Dokuzentrum zu tun haben: Ende November ist eine ambitionierte Ausstellung geplant, für die er bereits die Künstler zusammensucht. Unter dem Titel "Tell me about yesterday tomorrow" sollen zeitgenössische künstlerische Positionen in einen Austausch mit der Erinnerungsarbeit der Institution gebracht werden.

Für die rund 15 angedachten Werke wird im NS-Dokuzentrum kein Platz sein. Deshalb soll das Projekt auf andere Orte ausgeweitet werden. Fest stehen die Kammerspiele, das Lenbachhaus oder die Ludwig-Maximilians-Universität. Auch der Vorplatz des Hauses könnte auf diese Weise endlich ein Ort der Auseinandersetzung werden.

Zadoff: Intensiverer Austausch mit anderen Institutionen

Bereits zugesagt haben die Künstlerinnen Keren Cytter, Annette Kelm und Ydessa Hendeles (unter dem Titel "Partners" war ihre eigene Sammlung – etwa mit Maurizio Cattelans kleinem Hitler – im Haus der Kunst zu sehen) sowie der omnipräsente Olaf Nicolai. Wobei der Blick in die Zukunft überhaupt für die Neuausrichtung des Hauses stehen soll.

Die Entwicklungen weltweit zeigten, dass sich Erinnerungskultur auch verändern müsse, erklärte Mirjam Zadoff. Also werde sich das neue Programm verstärkt aktuellen und politischen Fragestellungen widmen – mit den Schwerpunkten Rassismus, Genozid, Holocaust. Dazu gehöre genauso der (Anti)Rassismus in der Popkultur.

Zudem will Zadoff intensiver in einen Austausch mit Münchner und internationalen Institutionen treten. Das kann im Rahmen einer Ausstellung mit der nahen Berufsfachschule für Farbe und Gestaltung stattfinden ("Nicht Schwarzweiß") oder einer Kooperation mit dem Jüdischen Museum Augsburg Schwaben und der gemeinsamen Wechselschau "Die Stadt ohne. Juden Ausländer Muslime Flüchtlinge".

NS-Dokumentationszentrum: Schaulaufen von Schafhausen 

Außerdem werden Referenten wie der australische Historiker und Bestsellerautor Christopher Clark (31. Januar) oder der britische "New York Times"-Kolumnist Roger Cohen (4. Juli) eingeladen, der zu den bekanntesten Kritikern Donald Trumps zählt.

Das klingt nach Aufbruch und vielen Debatten. Für das NS-Dokuzentrum und seinen Auftrag kann das nur gut sein. Und was Nicolaus Schafhausen betrifft, könnte man seinen Einsatz auch als Schaulaufen für weitere Aufgaben in der Stadt begreifen. Seine dezidiert politischen Ausstellungen kamen in Wien zwar nicht an, die Besucherzahlen blieben weit unter den Erwartungen. Doch ein interessanter Kopf mit mutigen Positionen ist er allemal.

Und da wir schon bei den Zahlen sind: Ins NS-Dokuzentrum am Max-Mannheimer-Platz kamen 2018 mit 118.000 Besuchern fast 20 Prozent mehr als im Jahr zuvor.

 

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