"Wir wollen die gleichen Rechte" Diese Münchnerin kämpft für homosexuelle Paare

Stephanie Gerlach beim Lesbischen Angertorstraßenfest. Foto: Jasmin Menrad

Stephanie Gerlach berät lesbische Frauen, die Eltern werden (wollen). In der AZ erklärt sie, wo es noch Probleme gibt.

 

München - Dass ein Kind in einer Regenbogenfamilie genauso wohlgeraten und glücklich sein kann wie jedes andere Kind, haben Studien schon vor Jahren gezeigt. Trotzdem haben gleichgeschlechtliche Paare mit Kindern nicht die gleichen Rechte wie Vater-Mutter-Paare.

Die Sozialpädagogin Stephanie Gerlach (58) berät im Regenbogenfamilienzentrum Paare und Familien, aber auch Erzieher und Lehrer und ist selbst Mutter einer fast 17-jährigen Tochter.

AZ: Frau Gerlach, hatten Sie schon immer das Sorgerecht für Ihre Tochter?
STEPHANIE GERLACH: Ich war zuerst in einer Lebenspartnerschaft mit meiner Frau und bis meine Tochter drei Jahre alt war, gab es für Paare wie uns nur die Möglichkeit des kleinen Alltagssorgerechts, damit kann man das Kind vom Kindergarten abholen. 2005 wurde die Stiefkindadoption eingeführt, was damals der Knaller war.

Erklären Sie kurz, was das bedeutet.
Die Frau, die das Kind nicht ausgetragen hat, kann ihr Kind adoptieren.

So ganz der Knaller ist das aber nicht mehr, oder?
Stellen Sie sich vor, Sie bekommen mit ihrem Partner ein Kind und dann bekommen Sie Post vom Jugendamt. Das will: Einen Einkommensnachweis, ein polizeiliches Führungszeugnis und einen Lebensbericht, in dem Sie erklären, wie Sie zu der Person geworden sind, die Sie sind. Dann schaut das Jugendamt noch bei Ihnen zu Hause vorbei um zu sehen, wie das Kind aufwächst. Diese Familie ist ein, zwei Jahre in einer rechtlich unsicheren Situation. Das ist belastend. Wenn ich mir vorstelle, wie viele Eltern ungeplant Kinder bekommen. Bei lesbischen Frauen gibt es keine "Unfälle", diese Kinder sind gewünscht.

Gerlach: "Schätzungen gehen von 15.000 bis 30.000 Regenbogenfamilien in Deutschland aus"

In der Öffentlichkeit werden meist schwule Väter wahrgenommen, die auch in der Werbung sehr präsent sind.
Ja, wir leben im Patriarchat und Bilder mit Vätern ziehen besser, aber etwa 90 Prozent sind Mütterpaare. Offizielle Schätzungen gehen von 15.000 bis 30.000 Regenbogenfamilien in Deutschland aus, ich halte das für eine sehr niedrige Schätzung.

Das passt immer noch nicht jedem.
Ach, seit 40 Jahren zeigen Studien – vor allem aus den USA aber mittlerweile auch aus Deutschland auf – dass es Regenbogenfamilienkindern genauso gut geht wie Kindern bei heterosexuellen Paaren. Das wichtigste ist die Liebe der Eltern. Und warum sind wir noch nicht an dem Punkt, dass es bei einer Regenbogenfamilie nicht genauso schlecht laufen darf, wie bei der Vater-Mutter-Kind-Familie nebenan? Regenbogenfamilien müssen alles dreimal besser machen als klassische Familien, da schauen auch Erzieherinnen und Lehrerinnen ganz genau hin.

Sie sind Mitgründerin der LesMamas, einem Verein für lesbische Frauen mit Wunschkindern und Kinderwunsch und beraten im 2017 eröffneten Regenbogenfamilienzentrum Eltern, aber auch Erzieher.
Das Regenbogenfamilienzentrum, das ist mir wichtig zu sagen, wurde auf einen Stadtratsbeschluss hin gegründet und arbeitet unter Trägerschaft des Lesbentelefon e.V., der auch die Lesbenberatungsstelle LeTRa beheimatet und das im nächsten Jahr in Betrieb gehende Lesbenzentrum. Erzieher und auch heterosexuelle Eltern finden bei uns auf der Seite zum Beispiel Tipps für Kinderbücher voller Vielfalt. Der enge Blick auf die Geschlechter stört ja viele Menschen.

Gerlach: "Der enge Blick auf die Geschlechter stört ja viele Menschen"

Sie stören sich auch am engen Blick der Politik auf die Familie.
Ja, das Abstammungsrecht muss dringend geändert werden. Bei verheirateten Hetero-Paaren ist es egal, ob der Vater der biologische Vater ist, er wird automatisch der rechtliche Vater. Sind die Paare nicht verheiratet, ist die Vaterschaftsanerkennung auch ganz unkompliziert. Die Bundesregierung muss sich nun eine Form überlegen, wie das auch für homosexuelle Paare möglich ist – auch in einer Mehrelternschaft. Denn es gibt Eltern, da tun sich zwei schwule Männer und eine Frau zusammen oder zwei Paare – eine Patchworkfamilie. Auch das Modell sollte der Staat anerkennen, denn die Kinder sind gewollt und geliebt.

Was wünschen Sie sich von der Gesellschaft?
Wir wollen nicht mehr, sondern nur genauso viel. Die Mehrheit muss sich ihrer Privilegien bewusst sein und sich mit den Minderheiten solidarisieren.

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