Wir sind längst transparent Ausspähen über das Handy: So schützen Sie sich

Autorenprofil Ruth Schormann
Auf dem Bildschirm eines iPhones wird die App Facebook angezeigt. Foto: Fabian Sommer/dpa

"Wir sind längst transparent" - das sagt Digitalisierungs-Experte Thomas R. Köhler. Er erklärt, wie und wann Datenkrake Facebook und andere Internetkonzerne uns ausspähen, was die Politik (nicht) dagegen tut und wie Sie sich schützen.

 

Sie schreiben einer Freundin bei WhatsApp über ein privates Thema, kurz darauf werden Ihnen Artikel dazu bei Facebook vorgeschlagen. So hat es AZ-Redakteurin Rosemarie Vielreicher kürzlich im Monaco "Team Tofu" geschildert. Ist Ihnen das auch schon passiert? Da drängt sich die Frage auf: Hört Mark Zuckerberg unsere Telefone ab? Facebook scheint vielen wie ein Buch mit sieben Siegeln.

Digitalisierungsexperte Thomas R. Köhler bricht einige davon auf. Er nimmt in der AZ Stellung zu sieben Vermutungen und Behauptungen rund um Facebook, Datenschutz und Privatsphäre und erklärt, warum Sie es sich besser etwas unbequemer machen sollten.

Facebook liest meine Nachrichten, scannt meine Fotos und hört mit

Gut möglich. "Facebook wurde bisher noch nicht überführt, aber die Fälle häufen sich, in denen man selber zu der Erkenntnis kommt, dass es kaum anders sein kann, als dass Facebook mithört", sagt Köhler.

Er weiß, wie Facebook Daten kombiniert, so dass man diesen Eindruck des Mithörens gewinnen kann: "Facebook sammelt sehr geschickt über verschiedene Kanäle und Endgeräte hinweg Daten, egal ob Sie mit Handy, Tablet oder über den Computer im Internet sind, die Facebook-App verwenden oder Instagram." Wenn man Fälle, bei denen sich jemand über etwas ausgetauscht und dann später Werbung dafür bekommen hat, ansieht, gibt es fast immer ein verbindendes Glied, sagt der Experte. Sprich: Jemand, mit dem man verbunden ist, hat schon etwas zu dem Thema im Netz recherchiert.

Dafür, dass Facebook Fotos, die man mit dem Smartphone macht, scannt, gibt es auch keinen Beleg. Doch laut Köhler kann jede App, die Zugriff auf Fotos und Mikrofon hat, diese Funktionen ohne weitere Rückfragen nutzen.

Facebook ist überall und kennt jede meiner Aktivitäten

"Man darf nicht vergessen, dass es auf den meisten Webseiten Google- oder Facebook-Tracking-Pixel gibt", sagt Köhler. Das sind meist unsichtbare Mini-Bilder, die speichern, wer wann auf eine Seite zugegriffen hat. "Das heißt, ich muss gar nicht bei Facebook angemeldet sein in dem Augenblick", sagt Köhler.

"Facebook weiß auch, was ich jenseits von Facebook mache. Was ich anklicke, was ich anschaue, wo ich verweile."

Facebook kennt mich besser als ich selbst

Köhler malt ein düsteres Bild einer Verfolgungsjagd, auf die wir uns jedes Mal begeben, wenn wir den Browser öffnen: "Sie müssen sich vorstellen, eine dreistellige Zahl von Werbefirmen verfolgt Sie durchs Web. Die tauschen massiv Daten aus. Facebook kauft Benutzungs- und Bewegungsdaten von Dritten zu und baut daraus ein individuelles Personenprofil", erklärt er.

"Wenn man das weiß, stellt man fest: Ja, es gibt ein relativ umfassendes Bild von einer Person oder auch von einem Haushalt bei gemeinschaftlich genutzten Geräten." Nachvollziehbar: Je genauer dieses Profil einer Person auf Facebook ist, desto mehr kann es für Werbung verlangen. "Und deswegen ist Facebook genau das, was man im Volksmund eine Datenkrake nennt", sagt der Köhler.

Facebook will jetzt mehr auf die Privatsphäre achten

Facebook hat seit seiner Gründung immer wieder Dinge behauptet, die die Verantwortlichen später revidieren mussten. Vor Kurzem mussten sie sogar zugeben, dass der Konzern einen eigenen Geheimdienst beschäftigt, um Kritiker zu bespitzeln. Laut Köhler warnen inzwischen sogar ehemalige Führungskräfte offensiv vor Facebook und raten dazu, das eigene Profil zu löschen.

Oder natürlich der Cambridge-Analytica-Skandal: Selbst in den USA ist man mit der Weitergabe von Nutzerdaten an diese und andere Firmen nicht einverstanden, Facebook muss eine Geldstrafe zahlen. "Mark Zuckerberg sagt jetzt zum Beispiel, die Kommunikation bei WhatsApp ist von Ende zu Ende verschlüsselt", nennt Köhler ein neues Beispiel. "Das sagt aber noch nichts darüber aus, was auf dem Endgerät stattfindet. Wenn man sich jetzt mal anschaut, wie die Apps auf dem Smartphone interagieren, stellt man fest, dass sich die Facebook-App und die WhatsApp-App etwa bei Apple iOS eine gemeinsame Datenbasis auf dem Smartphone teilen", erklärt er.

"Damit brauche ich die Verschlüsselung freilich nicht aufzubrechen, die mag sicher sein von Gerät A zu Gerät B. Aber, wenn ich auf dem Gerät selber auf die WhatsApp-Kommunikation zugreifen kann, ist es quasi wie Mithören." Köhler glaubt den Selbstbekundungen von Facebook nicht. "Dafür haben die in der Vergangenheit schon so viele Skandale hinter sich, dass man denen kein Wort mehr glauben sollte", findet er.

Die einzige Lösung ist, sich bei Facebook abzumelden und die App zu löschen.

Zwar gehen ohnehin viele zu Instagram, aber das gehört zu Facebook – "vom Regen in die Traufe also", sagt Köhler und muss fast lachen.

Er erklärt, das Internet habe ein Monopol-Problem: Es gibt immer einen, maximal zwei große Anbieter. Für die Suche ist das Google, bei den Sozialen Netzwerken Facebook und Instagram, und beim Messaging WhatsApp. "Was man bräuchte, wäre eine Offenlegungspflicht von marktbeherrschenden Algorithmen", findet Köhler. "Eine Suchmaschine und die Funktionsweise eines Sozialen Netzwerks müsste transparent sein und nachvollziehbar für Dritte. Dann hätten die Anbieter auch kein Interesse mehr, ein Monopol aufzubauen, sondern sie würden selber darauf achten, dass es Konkurrenz gibt", sagt der Experte.

Die Politik tut nichts dagegen

"Die Regulierung hängt vom Mut der Regulierer ab – und hier in Deutschland hören wir in der Politik leider wenig bis nichts davon", sagt Köhler. Wirklich eingreifen könne man auf so eine Plattform aber nur in dem Land, wo sie sitzt – das heißt in den USA.

Köhler sagt: "Ich glaube nicht, dass das in absehbarer Zeit passiert, insbesondere Google sitzt fest im Sattel." Doch es gibt ein bisserl Hoffnung: "Ich sehe schon, dass es im US-Parlament Bestrebungen gibt, Facebook in kleinere Einheiten zu zerschlagen und damit zumindest eine Teiloffenlegung zu erzeugen. Aber Facebook wehrt sich natürlich, auch durch die Initiative, nun eine eigene Währung einzuführen."

Wir sind bereits total gläsern, aber uns ist das egal

"Wir sind längst transparent und wir haben die Privatsphäre in den letzten Jahren weitgehend aufgegeben", sagt Köhler. Die meisten Nutzer schätzen die Bequemlichkeit dieser Dienste mehr als ihre Privatsphäre. Denn die Auswirkungen bekommen sie erst später oder indirekt mit. "Das ist wie beim Süßigkeitenessen oder beim Rauchen, da verdrängt man die künftigen Folgen auch", vergleicht Köhler.

"Ich glaube aber, dass wir gerade an einem Wendepunkt stehen und die momentane Debatte irgendwann dazu führt, dass Unternehmen verantwortungsvoller mit unseren Daten umgehen", sagt Köhler. Eine weitere Folge der Debatte wäre, "dass die öffentliche Hand nicht nur Regeln erlässt, wie die Datenschutzgrundverordnung, die im Kern gut und richtig ist, sondern auch Unternehmen entsprechend kontrolliert und erinnert, was sie zu tun haben. Wir sehen das in Ansätzen und ich gebe die Hoffnung nicht auf", sagt der Experte aus Rottach-Egern.

Er selbst ist übrigens nicht bei Facebook angemeldet – aber bei Instagram und beruflichen Netzwerken. Ganz ohne geht es einfach nicht.

Tipps und Tricks vom Experten

Installieren Sie nur, was Sie wirklich brauchen! Auch das Handy muss man ab und an aufräumen. Überflüssige oder gar dubiose Apps sollten Sie nicht auf dem Smartphone liegen haben.

Nutzen Sie den Browser statt der Facebook-App! Damit entgeht man einerseits der potenziellen gemeinsamen Datenbasis von WhatsApp und Facebook. Und andererseits, sagt Experte Thomas R. Köhler, ist den Browser zu nutzen unbequemer – dadurch macht man’s seltener.

Stellen Sie das Display auf Graustufen! Aus dem gleichen Grund: Dadurch verlieren viele Social-Media-Anwendungen ihren Reiz, sagt der Experte. Telefonieren oder Nachrichten austauschen kann man in Schwarzweiß ja trotzdem.

Alternativen nutzen! Apropos Nachrichten: Klar, WhatsApp wird am meisten genutzt. Doch es gibt andere Messenger-Dienste, die sicherer sind. Köhler nennt hier etwa die Apps Ginlo oder Signal. Laut mobilsicher.de ist Ginlo kostenlos, bietet einen Auto-Zerstörungs-Timer für Nachrichten und einen Schutz der App per Passwort. Signal ist kostenlos und speichert laut mobilsicher.de keine Metadaten. Die zeigen, wer wann mit wem wie kommuniziert hat.

Handy daheim lassen! Denn wichtig ist gar nicht unbedingt der Inhalt Ihrer Kommunikation, sagt Experte Köhler. Oftmals reichten auch schon besagte Metadaten. Dazu zählt auch die Standorterfassung – Android speichert Ihren Aufenthaltsort, auch wenn Sie den Standort explizit ausschalten, warnt Köhler. Wer also dreimal die Woche ins Fitness-Studio geht und das Handy dabei hat, dem wird vielleicht bald Werbung für Sportschuhe angezeigt.

Kleben Sie die Kamera ab! Laptop-Nutzern empfiehlt der Experte, einen undurchsichtigen Klebestreifen über der Webcam anzubringen und einen Blindstecker über Mikro- und Kopfhörereingang anzubringen.

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