"Wir erleben neuen Widerstand" Abschied: Hans Söllner über sein letztes Album "Genug"

Der bayerische Liedermacher Hans Söllner. Foto: Stefan Wiebel

Der bayerische Liedermacher Hans Söllner gab 1979 in München sein erstes Konzert. Mit "Genug" hat er sein letztes Album aufgenommen – ein Abschied mit Hintertürchen.

Altersmilde? Nein, dafür sind die Zeiten gerade nicht geeignet. Hans Söllner regt sich auf, so wie er das halt macht, seit er vor vielen Jahrzehnten zur Gitarre griff: "Du Scheißrassist, schau, dass di schleichst, des is mei Heimat und ned dei Reich", bellt der 62-Jährige zu angemessen wütender Gitarrenbegleitung ins Mikro, und sofort stellt sich dieses heimatliche Söllner-Gefühl ein.

Söllner stand in seinem Protest gegen den Staat oft allein

Schließlich hat der Liedermacher die bayerische Gegenöffentlichkeit geprägt – lange bevor sie Münchner Demo-Mainstream wurde. Er stand in seinem Protest gegen Staat und CSU oftmals mutterseelenallein (vor Gericht). So wurde er für seine Fans auch zum Ventil, zum Dampfablasser, wenn sich die Wut aufs System zu sehr aufgestaut hatte. Söllner auf die Rolle als kiffender "bayerischer Reggaeman" zu reduzieren, ist zu kurz gegriffen.

Auf seinem 25. Album "Genug" zeigt Söllner seine verschiedenen Facetten: wütend, verletzlich, verzweifelt – und auch vergnügt. Allein mit Akustikgitarre und Mundharmonika (erst im Bonustrack taucht die Banda Internationale auf) spielt dieses widerständige Gesamtkunstwerk sein wohl intimstes Album ein – sein Abschied?

Hausdurchsuchungen, Prozessen und Überwachungen der Konzerte

AZ: Herr Söllner, wenn man Ihre Biografie "Freiheit muss weh tun" liest, wundert man sich, dass Sie an dem Kampf des Staates gegen Sie, an den endlosen Hausdurchsuchungen, Prozessen und Überwachungen der Konzerte nicht zerbrochen sind.
HANS SÖLLNER: Na solange man da drinnen steckt, merkt man es ja nicht ganz so. Man ist dann genauso verbohrt wie die andere Seite. Aber ich hatte dann irgendwann die Einsicht, dass 300.000 Euro gesammelte Kosten und Strafen genug sind. Als die ganze Geschichte für meine Biografie aufgeschrieben wurde, war es dann auch gut.

Der Staat hat versucht, Sie zu zerstören.
Ja, es war verrückt. Das machen die aber immer noch bei weniger bekannten Personen: für eine Beleidigung oder drei Gramm Marihuana! Dafür zerstören die Existenzen. Leute verlieren ihre Jobs, weil sie keinen Führerschein mehr bekommen.

Söllner über Joints: "Ich habe mich nur für Marihuana stark gemacht, nie für Koks oder Alkohol"

Was steckt denn hinter der Angst der CSU vor einem Joint?
Ich denke, dass die Politiker Angst davor haben, dass die Menschen über diese Droge zum Nachdenken kommen. Wenn ich einen Joint rauche, dann nehme ich mir Zeit dafür und dann entwickle ich Ideen. Wenn die Polizisten in der Früh eine Spliff rauchen würden, glaube ich nicht, dass Sie dann – wie im Hambacher Forst – wochenlang die Industrie gegen den Wald verteidigt hätten. Ich habe mich übrigens nur für Marihuana stark gemacht, nie für Koks oder Alkohol: beides Drogen, bei denen du ganz schnell deinen Plan verlierst.

Bei zu viel Marihuana nicht?
Vielleicht auch. Aber meine Idee von Legalisierung war ja auch nie die, dass die Menschen jeden Abend zugedröhnt in der Ecke liegen sollen.

Jugendlichen kann man nichts vorspielen

Sie werden noch immer von jungen Menschen verehrt, wie schaffen Sie das?
Das ist ja mein Glück. Wenn ich nur noch das Publikum in meinem Alter hätte, dann wäre ich wohl nicht mehr dabei. Ich habe mich nach den Konzerten immer mit den jungen Leuten unterhalten. Ich glaube, dass ich immer noch weiß, wie es einem 16-Jährigen geht, der keinen Job findet, der zu Hause Probleme hat, der gern frei sein möchte. Mein Glück ist, dass ich mich noch immer in der Pubertät befinde, auch wenn ich in mancher Hinsicht natürlich erwachsen geworden bin. Aber Jugendlichen kann man nichts vorspielen. Die merken sofort, wenn einer sich bloß anbiedern will.

Sie haben im Herbst 2015 gesagt, dass man nicht am Bahnhof stehen und klatschen solle, wenn Flüchtlinge kommen, sondern handeln. Sie haben aber auch schon 1992 Flüchtlinge aufgenommen.
Aber ich habe das nie an die große Glocke gehängt. Ich bin auch im Herbst 2015 nach Freilassing gegangen. Da wollten alle bei der Essensausgabe mitmachen, aber niemand die Drecksarbeit übernehmen. Ich habe immer gesagt, ich möchte mal als Straßenkehrer arbeiten, weil ich das gut finde, wenn man aufräumt und die Umgebung sauber ist. Also habe ich monatelang an der Grenze im Lager den ganzen Dreck weggemacht. Das sah anfangs wüst aus. Da habe ich viele traurige, aber auch tolle Begegnungen mit Flüchtlingen gehabt.

Eines Tages kam ein junger Bursche daher, der hat mich im gebrochenen Englisch gefragt, was ich dafür bekomme, dass ich die Windeln und die versifften Decken in den Zelten einsammle. Da habe ich gesagt: Nix. Das hat er nicht verstanden. Er kam dann eine halbe Stunde später mit fünf, sechs anderen Burschen zurück, hat mir eine Tasse Kaffee in die Hand gedrückt und gesagt: "Setz’ dich hin, wir machen das jetzt." Das sind so Erlebnisse, die bekommt man nicht mit, wenn man nur mal kurz vorbeischaut.

Die bayerische Politik hat es den Flüchtlingshelfern in den vergangenen drei Jahren nicht einfach gemacht.
Ich habe die ganze Woche Erlebnisberichte von Flüchtlingshelfern auf Bayern 2 gehört: Immer wieder wird die Merkel zitiert mit dem Satz: "Wir schaffen das." Die hat aber gesagt: "Wir schaffen das zusammen" – und genau darum wäre es gegangen. In meinem Heimatdorf war die ganze Zeit ein ganzer Wohnblock leer: Da hätten doch locker 15 Familien wohnen können! Aber nein, sie haben sie alle in eine Turnhalle gesteckt.

"Söder und der Seehofer, die haben ein hohes geistiges Defizit für ihren Job"

Und was ich auch mitbekommen habe: Es wurden Familien auseinandergerissen, weil die Frauen und Kinder bleiben durften, die Väter aber nicht. Was ist denn das für ein blöder Plan? Und dann reden sie hier davon, dass in Bayern die Familie groß geschrieben wird. Ich glaube denen gar nichts mehr. Und weil sie lügen, geht es am 14. Oktober auch schief für die. Ich denke, der Söder und der Seehofer, die haben ein hohes geistiges Defizit für ihren Job. Ich möchte niemanden beleidigen, aber denen fehlt einfach ein bestimmtes Gen für Anteilnahme.

Sie wollten vor dem 14. Oktober das neue Album herausbringen, um sich als Künstler politisch einzumischen.
Nein, das hat nix damit zu tun. Ich muss ganz ehrlich sagen: Ich war eine Zeit lang wirklich durch den Wind und wollte schon aufhören, auf die Bühne zu gehen. Meine zweite Ehe ist leider Gottes gescheitert, meine Frau wohnt jetzt mit den Kindern und zwei Buben aus Syrien und Afghanistan, die wir aufgenommen hatten, in dem Haus. Ich habe mir eine Wohnung in Reichenhall genommen. Aber ich hatte zum ersten Mal in meinem Leben – wenn es so etwas überhaupt gibt – ein künstlerisches Burnout. Ich habe die Gitarre nur noch in die Hand genommen, wenn ich auf der Bühne stand.

Natürlich habe ich weiter Gedichte geschrieben, aber ich war in so einer Art mentalem Gefängnis. Nach meinem Umzug habe ich dann gemerkt, dass ein paar Sorgen unbegründet waren. Ich sehe meine Kinder häufig, und ich habe wieder neuen Lebensmut entdeckt und angefangen, wieder Lieder zu schreiben. Ich bin sehr froh, dass mir das noch gelungen ist, bevor mein Freund, der Trikont-Chef Achim, gestorben ist. Dem habe ich noch eine CD mit 21 vertonten Texten gegeben – und damit war diese Lebensphase abgegolten. "Ja, damit ist es genug", hat der Achim gesagt – und so haben wir das Album "Genug" genannt. Es wird danach wohl auch kein Album mehr kommen.

Ich bitte Sie, Paul McCartney, hat gerade mit 76 Jahren ein neues Album gemacht.
Okay. Man sollte nie "nie" sagen. Aber es gibt echt viel von mir. Man kann meinen jeweiligen Zustand der letzten 30 Jahre lückenlos auf meinen Alben verfolgen.

"Genug" - Intimes Album zu Hause aufgenommen

Sie spielen allein mit Gitarre, keine Band, keine Effekte.
Das ist ganz bewusst so. Ich habe allein mit Gitarre begonnen und werde allein mit Gitarre aufhören. Das war immer mein Spruch. Und darum ist das Album ganz reduziert bei mir zu Hause aufgenommen worden. Deswegen klingt das Ganze auch so intim.

Bei "Rassist" ist die Musik dem Inhalt entsprechend wütend, die meisten Songs kommen aber sehr entspannt und versöhnlich daher, auch wenn es die Texte natürlich nicht immer sind.
Ich denke, das liegt einfach daran, dass ich entspannt zu Hause war.

In "Unterberg II" singen Sie über die fehlgeleitete Agrarpolitik. Warum macht eine Partei, die so für Bayern schwärmt, eine Politik gegen die schöne Umwelt?
Das ist total verrückt: Sie alle glauben, dass es ohne Massentierhaltung, ohne Pestizide und Insektizide nicht geht, weil man Millionen Menschen ernähren muss. Aber wenn ich die Millionen Menschen mit dem ganzen Kram sowieso vergifte, dann brauche ich es doch gar nicht zu tun. Ich kann aber die Menschen anders ernähren: ohne Tiere zu quälen und zu foltern in Fabriken mit 60 000 Schweinen oder 100 000 Hühnern. Das geht nicht mehr. Diese Zeit ist vorbei, und ich bin froh, dass die Leute das merken. Wir erleben gerade einen neuen Widerstand von unten. Es ist einfach genug.

Sie leben, wo Sie geboren sind. Was bedeutet Ihnen Heimat?
Ich bin dagegen, dass dieser Begriff so gefeiert wird. Ich bin durch Zufall in dieser Gegend geboren worden und habe nichts dafür getan, dass es so war. Ich bin froh und glücklich, in der Lage zu sein, dass ich hier nicht weg muss, so wie andere Menschen ihre Heimat verlassen müssen. Ich gönne ihnen aber, wenn sie hier ihren Platz finden, ihre Arbeit, ihre Ruhe. Aber so, wie viele derzeit über "meine Heimat" sprechen, hat es etwas sehr Egoistisches, weil es einfach andere Menschen ausschließt. Für mich ist Heimat etwas Positives und nicht etwas Ausgrenzendes.

 

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