Wintersport Greis: "Biathlon ist in einer Negativspirale"

Quo vadis, deutsches Biathlon? Foto: dpa

Im AZ-Interview spricht Triple-Olympiasieger Michael Greis über Fehler der Vergangenheit, den Dopingfall Sachenbacher-Stehle und Gössners Nacktfotos im Playboy.

 

AZ: Herr Greis, das deutsche Biathlon steht am Scheideweg. Nach Jahren der Dominanz lief es bei Olympia nicht, etablierte Stars wie Andrea Henkel sind abgetreten. Was sagen Sie dazu, der Triple-Olympiasieger von 2006?

MICHAEL GREIS: Ich bin selber hin- und hergerissen, was die Analyse angeht. Sicher sind die Frauen nicht mehr so dominant, aber da lag auch ganz viel an einer Person: Magdalena Neuner. Die Männer haben mit Staffelsilber in Sotschi einen tollen Erfolg gehabt. Wir sind in der Breite gut aufgestellt, es stimmt aber, dass in der Spitze nicht regelmäßig Topergebnisse zu Buche stehen. Aber auch zu unserer Zeit haben wir nicht dauernd gewonnen. In der öffentlichen Wahrnehmung steckt Biathlon allerdings in einer Negativspirale.

Das hat sicher auch mit dem Dopingbefund von Evi Sachenbacher-Stehle zu tun, die bei Olympia positiv getestet wurde. Jetzt wurde die Sperre reduziert, weil es sich nur um „versehentliches Doping“ handeln soll. Hilft das dem Sport?

Der positive Befund, auch wenn er jetzt relativiert wurde, ist natürlich gar nicht das, was der Biahlonsport braucht. Fakt ist aber, dass Sachenbacher-Stehle diesbezüglich naiv war. Damit hat sie ja nicht nur sich, ihrer Karriere und ihrem Ruf geschadet, sondern auch der Sportart und dem Ansehen des deutschen Sports. Ich bin gespannt, ob die Evi zurückkehrt und wie dann der Verband reagiert, der ja eine Null-Toleranz-Strategie propagiert. Auf jeden Fall muss es für alle Athleten ein letzter Warnschuss sein, wem man vertraut.

Sie sprachen Neuner an. Sie hat nach dem Ende ihrer Karriere heftige Kritik am Verband geübt, erklärt, dass die Strukturen verkrustet sind.

Damit hat sie Recht. Aber ich hätte mich mehr gefreut, wenn sie das gesagt hätte, als sie noch so megaerfolgreich unterwegs war. Das ist nicht erst seit gestern so, sondern schon ein längerer Prozess.

Schon vor zehn Jahren hatte Kati Wilhelm einen eigenen Trainer, oder eben die Neuner. Sie haben das nur nie so öffentlich gemacht, wie Sie selbst damals, um Konfrontationen aus dem Weg zu gehen.

Unser Stützpunktsystem ist sicher gut. Aber man darf nicht alles über einen Kamm scheren. Um aus der Masse wieder hervorzustechen, muss man die individuellen Stärken fördern. Da hat man einiges verschlafen. Es darf kein Wünsch-Dir-was-Programm werden, aber eine auf den Einzelnen abgestimmte Spezialförderung.

Eine, die das Zeug hat, ganz oben dabei zu sein, ist Miriam Gössner, die nach ihren Wirbelbrüchen wieder fit ist.

Ich freue mich riesig für die Miri. Sie ist läuferisch so stark, dass sie immer für eine Spitzenplatzierung gut ist. Am Schießen hapert es manchmal, auch wenn sie hart dran gearbeitet hat. Ich hoffe, dass sie es auch im Wettkampf umsetzt.

Wie haben Ihnen die Playboy-Fotos von Gössner gefallen?

Ich find’s schade, dass so irgendwie die Überschrift „Sexy statt Sotschi“ hängenbleibt. Die Verletzung hat sie Olympia gekostet, das war tragisch. Olympia bleibt dir ein Leben lang. Die Fotos sind schnell vergessen bei der Inflation derer, die sich ausziehen. Aber das muss jeder selber wissen.

 

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