Wie vor 50 Jahren Kampf um den Zölibat

1977: Joseph Ratzinger, damals Erzbischof von München und Freising, später Papst Benedikt XVI., wird in München stürmisch von der Bevölkerung begrüßt. Kurz zuvor setzten ihm und auch seinem Vorgänger Julius Döpfner die 68er-Proteste zu. Foto: dpa

AZ-Reporterlegende Karl Stankiewitz erinnern die aktuellen Diskussionen – ausgelöst durch den bayerischen Papst im Ruhestand – an eine Zeit, als das Wort Kirchenspaltung in aller Munde war. Ein Rückblick.

 

München - Der jüngste Streit um den Zölibat, ausgelöst durch den emeritierten Papst Benedikt, hat Teile der Katholischen Kirche in Unruhe versetzt – ähnlich wie vor 50 Jahren. Befördert durch zwei große Strömungen stand das Wort "Kirchenspaltung" damals im katholischen Raum: Im Dezember 1965 endete das Zweite Vatikanische Konzil – und bald folgte, von den Hochschulen her, der gesellschaftliche Umbruch mit seinem Höhepunkt im Jahr 1968. Kaum eine Institution blieb davon verschont, auch nicht die Kirchen, auch nicht die katholische mit ihrer Macht.

Im Jahr 1970 geriet München, das einmal als das "deutsche Rom" galt, zum zentralen Ort heftiger Auseinandersetzung zwischen dem konservativen und dem progressiven Flügel der Kirchenführung.

Alles wurde hinterfragt

Plötzlich wurde alles – so das Kennwort eines Akademiedirektors – "hinterfragt": Riten, Dogmen, Liturgien, Strukturen. Bislang ungehörte Vorgänge hatte der Schreiber dieses Rückblicks fortlaufend zu berichten, unter anderem für die Abendzeitung.

Jetzt traten Priester nicht nur auf die Kanzel, sondern aufs öffentliche Podium. Religionslehrer mischten sich direkt in die Politik ein. Einige sympathisierten sogar mit der Außerparlamentarischen Opposition (APO) oder gaben ihren Beruf auf. Laien forderten ihre Rechte. Religiöse Jugendverbände demonstrierten gegen Notstandsgesetze und "schmutzige amerikanische Kriege". Wehrdienstverweigerer fanden Rat und Hilfe.

Die Kirche geriet in stürmische Bewegung

Ein liberaler Theologe wurde Präsident der Münchner Kunstakademie, bevor dieses letzte studentische Widerstandsnest doch noch vom CSU-Kultusminister geschlossen wurde. Eine neue Zeitung wurde zum Sprachrohr der Reformer. Überhaupt war das Wort "Reform" schlechthin die Losung des beginnenden Jahrzehnts.

"In allen Regionen und auf allen Ebenen geriet die Kirche in stürmische Bewegung," sagte mir Jahre später der Direktor der Katholischen Akademie in Bayern, Franz Henrich. Der lichte Neubau im Herzen von Altschwabing samt dem feinen Suresnes-Schlössl, wo sich 1920 der Revolutionsdichter Ernst Toller vergebens versteckt hatte, war Laboratorium und Hauptkampfplatz der Reformbewegung.

Kein Thema sei damals tabu gewesen, sagte der 1931 geborene Saarländer Henrich, der inzwischen auch Bücher über Eigentum und Bodenrecht veröffentlicht hat.

Ordensschwestern haben sogar Pornofilme angesehen

Zu berichten hatte ich also über Diskussionen mit Titeln wie: "Weltpriester nach dem Konzil", "Amt und Autorität", "Veraltetes Glaubensbekenntnis?" "Revolution statt Reform?" (Die Fragezeichen erschienen manchen unnötig).

Einmal mussten sich Pädagogen, darunter Ordensschwestern, sogar Pornofilme anschauen, zur Information bei einer Tagung über Sexualerziehung. Diese ganze zensurfreie Öffnung, so äußerte Henrich seinen Dank noch im Rückblick, sei nur möglich gewesen durch das wohlwollende Patronat von Julius Kardinal Döpfner (1913 – 1976).

Freiheit und Manipulation in der Kirche

"Das Zeitalter der einsamen Beschlüsse in der Kirche sollte auf allen Ebenen zu Ende gehen," forderte Professor Ferdinand Klostermann vom Institut für praktische Theologie der Universität Wien am 24. Februar 1970 in der Münchner Akademie. Angesichts des wachsenden Priestermangels und Nachlassens von Gottesdienstbesuchen sprachen sich Tagungsredner auch für einen kollektiven Führungsstil aus, und nicht zuletzt wurde der Zölibat immer wieder angegriffen: Er führe zur Entfremdung zwischen Laien und Priestern und zu deren sozialer Isolation, hieß es. Vorsteher einer katholischen Gemeinde müsse nicht unbedingt ein Priester sein und nicht unbedingt ein Mann. Mit vorgehaltener Hand meinte der eine oder andere Teilnehmer sogar, der Katholischen Kirche könnte jetzt ein neuer Luther nicht schaden.

Der Streit der Geistigen und Geistlichen erreichte seinen Höhepunkt am 18. März 1970. Auf der Jahresfeier der Akademie sprach der Jesuit Karl Rahner (1904 – 1984) über "Freiheit und Manipulation in der Kirche". Vor prominenten Gästen plädierte der damals schon hoch angesehene Theologe für "Basisgruppen" in der Kirche sowie für die Befristung der Amtszeit von Päpsten und anderen hohen Amtsträgern.

Demonstratives Schweigen zur Zölibatsfrage

Bei deutschen Bischöfen und auch in Rom erkannte er "in der Sexualmoral, in der Zölibatsfrage und so weiter ein letztlich hilfloses und wirkungslos anmutendes Beharren auf ihre formale Autorität".

Man huldige immer noch einem veralteten Vaterbild und verstehe nicht, die neuen Freiheiten zu nutzen. Im Hinblick auf das demonstrative Schweigen zur aktuell gewordenen Zölibatsfrage nannte Rahner die 50 deutschen Bischöfe "feudalistisch, unhöflich und paternalistisch".

Derartige Fundamentalkritik konnte einem Theologen wie Joseph Ratzinger natürlich nicht gefallen.

Die 1968er? Für Benedikt "Spinnereien und Zerstörung"

Zwar hatte Ratzinger, der vor seiner Berufung zum Münchner Erzbischof im Jahr 1977 als Professor für Katholische Dogmatik zwischen Tübingen und Regensburg gependelt war, mit dem 23 Jahre älteren Rahner am Konzilstext mitgearbeitet, hatte mit ihm und Kardinal Karl Lehmann sogar für eine Überprüfung des Zölibatsgesetzes gestimmt.

Doch im Juni 1965 fragte er sich, "ob die Dinge unter dem Kommando der sogenannten Konservativen nicht immer noch besser standen, als sie unter der Herrschaft des Progressismus stehen könnten". Für den gesellschaftlichen Umbruch von 1968 fand der emeritierte Papst in seinen "letzten Gesprächen" von 2016 nur ein Wort: "Spinnereien und Zerstörung". Und überhaupt: "Die Entchristlichung geht weiter."

Döpfner, der große Reformer

Dem großen Reformer Döpfner wurde in München auch posthum noch manche Ehrung zuteil, zum Beispiel die Benennung einer repräsentativen Straße (während sich eine kurze Karl-Rahner-Straße in Untermenzing versteckt). In Rom allerdings, so hat der Archivar Professor Klaus Wittstadt entdeckt, habe man die hervorragende Rolle des Münchner Kardinals beim Konzil heruntergespielt und sogar einen Gedenkstein manipuliert.


Der Beitrag stützt sich unter anderem auf die Bücher "München 68" und "Rebellen, Reformer, Regenten" von Karl Stankiewitz sowie "Benedikt XVI. Letzte Gespräche" von Peter Seewald.

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