Wie in Berlin Immer mehr Kinder betteln in S- und U-Bahn

Dalia (13) und ihre Mutter kommen angeblich aus Ungarn und sammeln Geld für eine Operation. Sie sind nicht die einzigen, die derzeit bettelnd und musizierend durch die Züge ziehen. Foto: Daniel von Loeper

In S- und U-Bahnen gehen immer mehr Menschen mit ihren Kindern betteln. Meistens wird musiziert. DB und MVG wollen das Problem gemeinsam angehen. Auch das KVR ist alarmiert.

 

München – Morgens zur Rushhour in einer Münchner S-Bahn: Ein dunkelhaariger Mann geht langsam durch das voll besetzte Abteil und spielt traurige Weisen auf seinem Akkordeon. Vor ihm her läuft ein kleines Mädchen mit Pferdeschwanz, vielleicht fünf, vielleicht sechs Jahre alt. „Geld für Musik, gib’ Geld für Musik“, bittet das Kind und streckt den Pendlern einen leeren Pappbecher entgegen.

Ein Einzelfall? Nein. Einen Tag später streifen ein Jugendlicher und ein Bub durch einen Zug derselben Linie. Der Ältere singt, der Jüngere tanzt dazu und fragt nach Geld. Genau wie die 13-jährige Dalia (Name geändert), die mit ihrer Mutter durch die Münchner S-Bahnen zieht. Angeblich stammen die beiden aus Ungarn und brauchen dringend Geld, weil die Mutter sehr krank ist. Angeblich. Ob die Frau wirklich Dalias Mutter ist, weiß niemand.

Vieles deutet allerdings darauf hin, dass die Kinder von skrupellosen Hintermännern zum Betteln geschickt wurden. Dass sie von mafiaähnlich strukturierten Banden genau so ausgebeutet werden wie die behinderten Geldsammler in der Fußgängerzone oder die „Hunde-Bettler“ mit ihren Welpen im Tal.

In der deutschen Hauptstadt sind musizierende und bettelnde Kinder seit langem bedrückender Alltag – in München ist das Phänomen ganz neu. Bei der Bahn, zuständig für die Münchner S-Bahn, ist das Thema bereits bekannt. „Wir erhalten vermehrt Beschwerden darüber“, bestätigt ein Sprecher. Auch bei der Münchner Verkehrsgesellschaft MVG, die Busse, Tram- und U-Bahnen betreibt, habe die Zahl der bekanntgewordenen Fälle spürbar zugenommen, sagt Sprecher Christian Miehling. „Allerdings ausgehend von einem sehr niedrigen Niveau.“ Derzeit beraten DB und MVG darüber, wie man dem Problem gemeinsam begegnen könne. Denn, so der DB-Sprecher: „Wir wollen keine Berliner Verhältnisse.“

Doch obwohl Geldsammeln und Musizieren in allen öffentlichen Verkehrsmitteln und an allen Haltestellen verboten ist, lässt sich wenig dagegen tun. „Wenn wir Bettler antreffen, werden sie aus dem Fahrzeug oder dem U-Bahnhof verwiesen“, sagt Christian Miehling. Im Wiederholungsfall drohe ein Hausverbot oder sogar eine Anzeige. Dasselbe gilt in den S-Bahnen. „Aber diese Leute haben meist Fahrscheine. Sie verlassen brav den Zug, wenn wir sie erwischen – und steigen einfach in den nächsten“, sagt der Bahn-Sprecher. „Es ist ein Katz- und Mausspiel.“ Daher wolle man die Fahrgäste nun gemeinsam dazu aufrufen, den Bettlern nichts mehr zu geben und ihnen so die „Geschäftsgrundlage“ entziehen.

In Stuttgart, Hamburg, Berlin und Frankfurt werden Durchsagen vom Band abgespielt, wenn Bettler im Zug sind. Die Fahrgäste werden darin aufgefordert, nicht zu spenden – und darauf hingewiesen, dass die Sammler ihren Verdienst in der Regel gar nicht behalten dürfen, sondern ihn an dubiose Geschäftemacher abgeben müssen. „Solche Ansagen wären auch für München eine Möglichkeit“, sagt der DB-Sprecher.

Das Problem, dass nun Kinder missbraucht werden, um die Herzen und vor allem die Geldbörsen von Fahrgästen oder Passanten zu öffnen, ist damit aber noch nicht gelöst. Denn – kaum zu glauben, aber wahr – Betteln mit Kindern ist in München nicht wie aggressives oder bandenmäßiges Geldsammeln polizeilich verboten. „Diese Thematik wird bislang vom Sozialreferat betreut, die ihr mit Mitteln begegnet, die auf die Wahrung des Kindeswohls ausgerichtet sind“, sagt Kristin Nettelnbrecher vom Kreisverwaltungsreferat (KVR). Dieses ist unter anderem gefährdet, wenn die Schulpflicht verletzt wird - wie bei der 13-jährigen Dalia.

Allerdings sei es bisweilen schwierig, Lebensumstände und Alter der Kinder zu überprüfen. „Die genauen Personendaten können nur von der Polizei festgestellt werden“, sagt Frank Boos vom Sozialreferat. Und bis die Beamten eintreffen, sind die Bettler häufig schon wieder verschwunden. Bei Menschen, die vor der Armut in ihren Heimatländern nach München geflohen seien, setze man deshalb verstärkt auf Aufklärung und Beratungsangebote wie die Anlaufstelle „Schiller 25“.

„Ob und wie man dem Problem ,Betteln mit Kindern’ zusätzlich ordnungsrechtlich begegnen kann, prüfen wir im Moment“, sagt Kristin Nettelnbrecher vom KVR. Noch vor der Sommerpause wolle die Behörde ein neues Konzept zum Umgang mit Bettlern vorlegen, auch das Thema Minderjährige soll darin behandelt werden. Kristin Nettelnbrecher sagt: „Wir sind an diesem Thema dran.“

 

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