Wie die Christen die Antike zerstörten Das Buch "Heiliger Zorn" von Catherine Nixey

Das National Museum of Palmyra nach der Plünderung durch die Terroristen des „Islamischen Staats“. Wenn die Autorin Catherine Nixey recht hat, sah es um 380 nach einem Überfall früher Christen in der Stadt nicht wesentlich anders aus. Foto: Mikhail Voskresenskiy/Sputnik/dpa

Catherine Nixey gibt ihn ihrem Buch "Heiliger Zorn" den Christen die Schuld am Untergang der antiken Kultur

 

"Als die Männer den Tempel betraten, nahmen sie eine Stange und zertrümmerten Athenes Hinterkopf mit einem einzigen Schlag – einem Schlag, der mit solcher Kraft ausgeführt wurde, dass er die Göttin enthauptete", schreibt Catherine Nixey, als wäre sie dabei gewesen. "Ihr Kopf fiel zu Boden, die Nase brach ab, die so sanft wirkenden Wangen waren zerschmettert. Nur die Augen Athenes blieben intakt und blickten die Angreifer aus einem furchtbar entstellten Gesicht heraus an."

Schauplatz der Handlung ist die syrische Oasenstadt Palmyra. Aber es ist nicht der "Islamische Staat", der das Museum plündert und antike Bauten in die Luft jagt, sondern eine andere Gruppe radikaler Monotheisten, die keine Götter neben dem einen Gott duldet und Statuen zu Götzenbildern erklärt: frühen Christen der Jahre um 385, als die zuvor nur sporadische Gewalt gegen die alten Götter und ihre Tempel immer mehr eskalierte.

Die intoleranten Christen

In ihrem Buch "Heiliger Zorn" zeichnet die britische Althistorikerin und Journalistin Catherine Nixey ein düsteres Bild der Intoleranz in der Zeit nach der Machtergreifung des ersten christlichen Kaisers Konstantin im Jahr 306. Noch ehe das Jahrhundert endete, kassierte Kaiser Theodosius die Religionsfreiheit im Römischen Reich und erklärte das Christentum zur Staatsreligion.

Die Autorin malt ein – womöglich zu freundliches – Bild der religiösen (und sexuellen) Vielfalt in der Zeit davor, in der jeder nach seiner Façon selig werden konnte, sofern er sich zum Staatskult bekannte. Mit den Christen, die dies ablehnten, gingen die Römer vergleichsweise tolerant um. Anders als größtenteils frei erfundene Legenden berichten, blieb die Zahl der Opfer in den Verfolgungen unter Decius und Diokletian gering. Wer sich unbedingt den Löwen vorwerfen lassen wollte, den versuchten die römischen Beamten mit Engelsgeduld davon abzuhalten.

Die mit Konstantin an die Macht gekommenen Christen erwiesen sich als intolerante Fanatiker und Totengräber der hoch entwickelten antiken Kultur. Sie verfolgten nichtchristliche Philosophen gnadenlos, schändeten Bauwerke und Statuen und vernichteten antike Texte, die nicht ins christliche Weltbild passten – wie etwa die Werke des Atomisten Demokrit, vom dem lediglich ein Schriftenverzeichnis existierte.

Im Reportage-Stil

Wer sich ein wenig in der Spätantike auskennt, erfährt nicht viel Neues. Im Zentrum der Darstellung stehen bekannte Geschichten wie der Streit um den Victoria-Altar im Senat, die Zerstörung des Serapeums von Alexandria, der christliche Lynchmord an der Philosophin und Mathematikerin Hypatia in der gleichen Stadt und die Vertreibung der letzten neuplatonischen Philosophen aus Athen in der Regierungszeit des oströmischen Kaisers Justinian im Jahr 532.

Nixey schreibt im zu Recht in Verruf gekommenen Reportage-Stil, der den Leser mitten ins Geschehen hineinzieht. Das ist süffig. Aber die Emotionalisierung des Geschehens bringt einen um das Spannendeste: die Widersprüchlichkeit historischer Quellen und ihre Vielstimmigkeit, die einen davon abhalten sollte, hagiografische Darstellungen in Heiligenlegenden und die Kirchengeschichte des Eusebius für bare Münze zu nehmen.

Die Kehrseite von Nixeys Leichtgläubigkeit ist der Hang der Autorin zu Polemik. Mehr als einmal spielt sie frisch gebadete und von sexuellen Freuden erfüllte Römer gegen ungewaschene christliche Asketen aus. Ihre Kenntnis neuerer Literatur zur Spätantike ist eher mäßig. Dass in Zeiten wirtschaftlicher Schrumpfung und geringer werdender Bevölkerung der mangelnde Bauunterhalt zum Einsturz des einen oder anderen Tempels geführt haben könnte, ist eine These, die von der Autorin in ihrem Eifer keine Sekunde in Erwägung gezogen wird.

Remake eines Klassikers

Auch die wiederholte Klage, dass im Mittelalter zahllose Pergamente mit wertvoller antiker Literatur abgeschabt wurden, um noch eine überflüssige Bibel zu produzieren, wirkt es etwas unseriös. Nixey erwähnt mit keinem Wort den Medienwechsel von der Papyrusrolle zum Codex, einer Vorstufe des modernen gebundenen Buchs, dem viele Texte zum Opfer fielen, die niemand mehr abschreiben wollte.

Natürlich stimmt es, dass damals Bücher verbrannt wurden. Aber der Hang, die Krise ausschließlich dem Christentum in die Schuhe zu schieben, wirkt einseitig. Letztendlich variiert sie nur die alte aufklärerische These aus Edward Gibbons "The History of the Decline and Fall of the Roman Empire" von 1788. Diesem Klassiker fehlt aber völlig der Ton einer Abrechnung, die "Heiliger Zorn" prägt. Und ein wenig hat sich die Forschung zur Spätantike seitdem weiterbewegt, um es vorsichtig zu sagen.   

Catherine Nixey: "Heiliger Zorn. Wie die frühen Christen die Antike zerstörten" (DVA, 400 S., 25 Euro)

 

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