Wenn die Bahn lärmt Verkehrslärm kann krank machen

Ein Zug rauscht mitten durch einen Ort. Foto: dpa

Krachmacher können der Gesundheit schaden. Neben Flugzeugen und Autos sind es vor allem Züge, die krank machen

 

Die Rechnung, die der Bremer Epidemiologe Eberhard Greiser aufmacht, klingt erschreckend: Er schätzt, dass innerhalb von zehn Jahren rund 75 000 Menschen entlang des Rheins erkranken könnten, weil Zuglärm sie um den gesunden Schlaf bringt – etwa an Demenz, Diabetes oder einem Herzinfarkt. 30 000 Menschen könnten deswegen sogar sterben. Am Montag stellte er seine Prognose vor. Ob sich seine Hochrechnung in einer umfassenden Studie bestätigt, muss sich noch zeigen. Fest steht aber, dass die Bahnstrecke, die sich von der deutschen Grenze nahe Basel bis in die Niederlande schlängelt, nur eines von vielen Lärmproblemen in Deutschland ist. Fragen und Antworten zu den lästigen Krachmachern im Überblick:

Warum kann Lärm krank machen? Lärm stresst. Studien des Umweltbundesamtes haben gezeigt, dass starker Schall die Ausschüttung des Stresshormons Adrenalin steigert. Bluthochdruck und Herzinfarkte können die Folge sein. Zu möglichen Langzeitfolgen zählen Gehörschäden. Viele Menschen fühlen sich besonders von Verkehrslärm gestört: von Flugzeugen, Autos und Zügen. Systematische Studien zum Bahnlärm gibt es nur sehr wenige „In der Tat gibt es relativ wenige systematische Studien zum Bahnlärm. Fluglärm war hingegen immer auch ein politisches Thema, daher weiß man über seine Wirkungen schon viel“, sagt der Umweltpsychologe Rainer Guski von der Ruhr-Universität Bochum.

Was unterscheidet Bahnlärm von anderem Krach? „Beim Bahnlärm haben wir die Besonderheit, dass die Distanz zwischen Strecke und Wohnung oft so dicht ist wie bei keinem anderen Verkehrsträger. Das ist in Deutschland historisch gewachsen“, sagt Guski. Wenn in der Nacht ein Güterzug vorbeirauscht, wird es sehr schnell sehr laut. Bei anderen Verkehrsmitteln ist das anders. „Zum Beispiel sind Flugzeuge weiter entfernt und ändern deshalb ihre relative Lautstärke langsamer“, so Guski. Der plötzliche Pegelanstieg führt zu schlechtem Schlaf – und erhöht damit die Wahrscheinlichkeit für Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Auf was stützen sich die Bahnlärmgegner? Der Epidemiologe Eberhard Greiser hat aus verschiedenen Datensätzen zu Lärmpegeln, Bevölkerungsstruktur und Risikofaktoren eine Prognose für Krankheitsfälle entlang der Rheinstrecke errechnet. „Wir haben etwas gemacht, das man vorsichtig interpretieren muss. Wir haben gesagt: Die Ähnlichkeit der Lärmcharakteristik erlaubt es, die Risikoerhöhung des Fluglärms auf eine durch Schienenlärm belastete Bevölkerung zu übertragen“, sagt Greiser. Aber er sagt zu seinen Zahlen auch: Die Zahlen sind „mit Vorsicht zu genießen“, es sei eine Prognose.

Was tut die Bahn gegen den Krach? Die Deutsche Bahn will den Schienenlärm bis 2020 halbieren. Unter anderem sollen alle 60 000 Wagen der Gütersparte DB Schenker Rail auf so genannte Flüsterbremsen umgerüstet werden. Die Bremsen bestehen aus einem anderen Material als ihre Vorgänger und rauen das Rad weniger auf – der Wagen läuft leiser. Das Bundesverkehrsministerium bereitet ein Gesetz vor, mit dem ab 2020 keine Güterwagen ohne die lärmsenkende Technik ins Netz dürfen.

Reichen die Bemühungen? Der Verkehrstechnik-Experte Markus Hecht von der Technischen Universität Berlin meint: Nein. Die leisen Bremsen senkten den Lärm nicht so stark wie notwendig. Er geht von mindestens 80 Dezibel an der Mittelrheintrasse aus und rechnet bis 2020 mit fünf Dezibel weniger dank der Flüsterbremsen. Auch Schallschutzwände seien ineffektiv. Günstiger und wirkungsvoller sei es, Loks und Gleise leiser zu machen. „An Loks wird gar nichts gemacht“, sagt der Professor – dabei seien diese das lauteste Element.

Wie sieht es in München aus? Auch in München rattern jede Menge Züge durch die Gegend. Wie aus dem Lärm-Atlas des Bayerischen Landesamtes für Gesundheit aus dem Jahr 2013 hervorgeht, leben viele Münchner in einem Bereich, in dem der Zuglärm einen Grenzwert erreicht, der gesundheitsschädlich sein kann.

Lärmbelastung am Tag: Rund 21 100 Münchner leben in einer Gegend, in der die Lärmbelastung durch Schienenverkehr tagsüber zwischen 60 bis 75 Dezibel beträgt. Somit ist dort bereits der Grenzwert erreicht, bei dem erste Belastungs- und Konzentrationsstörungen auftreten können.

Lärmbelastung in der Nacht: Auch in der Nacht haben so manche Münchner keine Ruhe. Nächtlichen Schienenlärm zwischen 60 und 75 Dezibel müssen rund 3100 Einwohner ertragen.

Schulen an Schienenwegen: Da Lärm mit einer Stärke von 60 Dezibel bereits zu Konzentrationsstörungen führen kann, sollten vor allem Schulen eine ruhige Lage haben. Doch auch in München gibt es Schulgebäude, an denen Zuggeräusche nicht zu überhören sind. 35 Schulen befinden sich in Gegenden, in denen die Zuglärmbelastung zwischen 55 und 65 Dezibel liegt.

Krankenhäuser im Lärmbereich: Auch sechs Krankenhäuser in München stehen in einem Bereich, in dem die Belastung durch Schienengeräusche zwischen 55 und 65 Dezibel liegen.

 

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