Weniger Fesselungen und Psychopharmaka In München: Gericht will Pflege humaner machen

In München startet ein Projekt, damit Menschen im Heim seltener ruhig gestellt werden: Ein Verfahrenspfleger soll im Einzelfall zwischen Gericht, Pflegepersonal, Angehörigen und Patient vermitteln.

 

München - Bauchgurte, Fesseln an Händen und Füßen, Bettgitter: 2007 wurden noch 30 Prozent der Münchner Altenheimbewohner mit solchen Mitteln fixiert. Bis Ende 2013 sank ihre Zahl auf fünf Prozent – und nun will das Betreuungsgericht zudem dafür sorgen, dass weniger pflegebedürftige Senioren mit Medikamenten ruhig gestellt werden.

„Es geht um mehr Lebensqualität für die Betroffenen“, sagt Gerhard Zierl, Präsident des Münchner Amtsgerichtes, der Ende Juni ein gemeinsam mit dem Justizministerium erarbeitetes Konzept vorstellen will. Das Amtsgericht ist in diesen Fragen zuständig, weil es über Betreuung, aber auch über die Genehmigung von freiheitsentziehenden Maßnahmen und die Medikamentierung entscheidet.

Es gebe immer wieder Klagen, dass alte Menschen nicht nur mit gefesselt, sondern auch unnötig mit Arzneimitteln ruhig gestellt würden. München sei mit dem neuen Projekt bundesweit Vorreiter.

„Das Amtsgericht München ist das erste Gericht, das sich dieses Problems annimmt“, sagt Zierl. „Wir wollen nicht physische Fesseln durch medikamentöse ersetzen.“

Das Projekt sieht unter anderem vor, dass ein Verfahrenspfleger mit Kompetenzen im Pflegebereich als „Vermittler“ zwischen Gericht, Pflegepersonal, Angehörigen und Patient eingesetzt wird und, wenn möglich, gemeinsam mit allen Beteiligten über die Medikamentierung entscheidet.

Komplett neu ist dieser Ansatz nicht. Er geht auf das Konzept des „Werdenfelser Wegs“ von 2007 zurück, dessen Initiator, der Garmischer Richter Sebastian Kirsch, 2012 mit dem „Janssen Zukunftspreis“ ausgezeichnet wurde.

„Wenn früher ein Heim die Fixierung eines Patienten beantragt hat, war es in der Regel so, dass die Justiz einen Rechtsanwalt zu dem Betroffenen geschickt und dann abgesegnet hat, was das Pflegepersonal wollte“, erklärt Pflege-Dozentin Simone Heimkreiter. Dank Kirsch vermittle in Fixierungs-Fragen mittlerweile vielerorts ein Verfahrenspfleger mit praktischer Erfahrung.

Tatsächlich werden die Bewohner bayerischer Altenheime immer seltener fixiert. Laut Justizministerium genehmigten Gerichte im Freistaat 2009 noch 26000 entsprechende Anträge. 2013 waren es nur mehr knapp 19000.

„Das Konzept des ,Werdenfelser Weges’ sieht kleine Veränderungen vor – die aber zu einem großen Umdenken geführt haben“, sagt Simone Heimkreiter. Anstatt gebrechliche Senioren an ihr Bett zu fesseln, damit sie nicht herausfallen und sich verletzen, haben einige Einrichtungen auf Niederflurbetten umgestellt: Die Schlafstätten sind so niedrig, dass dem Patienten kaum etwas passieren kann, wenn er sich über die Bettkante wälzt.

Oft federt eine zusätzliche Matratze den Aufprall ab. Manchmal hat diese sogar einen Sensor, der im Schwesternzimmer Alarm auslöst.

Allerdings, sagt Simone Heimkreiter, brauche man dafür genügend Personal: „Zwei Nachtschwestern für 100 Bewohner sind zu wenige.“ Erst recht, wenn die Heime in Zukunft weniger Sedativa einsetzen sollen, was die Dozentin eigentlich sehr begrüßt.

„Aber Studien belegen, dass Bewohner vor allem abends Medikamente bekommen, um zur Ruhe zu kommen.“ Deshalb müsse beim Pflegepersonal auch in dieser Hinsicht ein Umdenken stattfinden. „Der Grundsatz ,Nachts muss geschlafen werden’ ist völlig veraltet. Senioren haben nicht mehr so ein großes Schlafbedürfnis und Demente sind nachts viel unterwegs.“

Wolle man die Lebensqualität dieser Menschen wirklich erhöhen, müsse man sie entweder tagsüber durch Beschäftigung müde machen – oder sie nachts herumtigern lassen. 

 

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