Wende im Prozess Strauss-Kahn? Von Anklagebank in den Wahlkampf?

Geldwäsche, Drogenhandel, Lügen – die „New York Times“ berichtet von Zweifeln an der Glaubwürdigkeit der Frau, die Dominique Strauss-Kahn versuchte Vergewaltigung vorwirft. Umgehend keimt bei Frankreichs Sozialisten Hoffnung auf ein politisches Comeback von Strauss-Kahn.

 

New York/Paris – Der Prozess gegen den früheren Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF), Dominique Strauss-Kahn, könnte nach einem Bericht der Zeitung „New York Times“ platzen. Noch am Freitag sollte Strauss-Kahn vor Gericht erscheinen – zweieinhalb Wochen vor dem ursprünglichen Termin. Es gebe erhebliche Zweifel an der Glaubwürdigkeit des 32-Jährigen Zimmermädchens, das Strauss-Kahn versuchte Vergewaltigung und sexuelle Nötigung vorwirft, berichtete das Blatt am Freitag unter Berufung auf zwei ranghohe Strafverfolger, ohne sie namentlich zu nennen.

Kommentare der Verteidiger von Strauss-Kahn und der Frau wurden zunächst nicht bekannt. Laut „New York Times“ gibt es Hinweise, dass die Frau in Drogenhandel und Geldwäsche verwickelt sein könnte. Außerdem habe sie mehrfach bei Angaben zu ihrem Asylantrag gelogen. An ihren Vorwürfen hält die Frau fest. Wie die Zeitung weiter berichtete, wollen die Anwälte des 62-jährigen Franzosen nun durchsetzen, dass der Hausarrest für ihn aufgehoben wird.

Die aus Guinea in Westafrika stammende Frau lebt seit 2002 in den USA. Die Mutter eines Mädchens im Teenageralter hatte seit Jahren in dem New Yorker Hotel als Zimmermädchen gearbeitet, in dem es am 14. Mai zu dem Übergriff gekommen sein soll. Sie hatte ausgesagt, Strauss-Kahn habe sie in seinem Zimmer splitternackt überfallen und zum Oralsex gezwungen.

Dass es einen sexuellen Kontakt gab, wird nach Spurenlage nicht angezweifelt. Vor Gericht erklärten die Anwälte nach Medienberichten, Strauss-Kahn habe einvernehmlich Sex mit der Frau gehabt.

Wegen der Vorwürfe war Strauss-Kahn als IWF-Chef zurückgetreten. Parteifreunde von Strauss-Kahn sehen nun wieder Chancen auf dessen Rückkehr in die französische Politik. Der ehemalige sozialistische Premierminister Lionel Jospin bezeichnete die vermeintlichen Zweifel an der Zeugin als „Donnerschlag“. Sollte er völlig entlastet werden, sei es an ihm und der Partei, über die Zukunft zu entscheiden. Der frühere Kulturminister Jack Lang erklärte: „Wenn sich die Neuigkeiten aus New York bestätigen, wäre das eine große Freude.“ Der 62-Jährige war bis zu seiner Verhaftung einer der aussichtsreichsten möglichen Kandidaten der Sozialisten (PS) für den Präsidentschaftswahlkampf im kommenden Frühjahr.

Das Zimmermädchen soll am Tag nach dem Vorfall mit einem inhaftierten Mann über die Möglichkeit gesprochen haben, mit Vorwürfen gegen den Franzosen Geld zu machen, berichtete die „New York Times“. Der Mann sitze wegen Drogenschmuggels. Er und weitere Menschen hätten immer mal wieder Geld – insgesamt etwa 100.000 Dollar - auf dem Konto der Frau geparkt. Die Zeitung schreibt unter Berufung auf ihre Quellen auch, die 32-Jährige habe für hunderte Dollar im Monat telefoniert.

Thomas Weigend, Professor für Internationales Strafrecht an der Universität Köln, glaubt, dass die Staatsanwälte eine Übereinkunft suchen. „Die Staatsanwaltschaft strebt möglicherweise eine Kompromisslösung an, die eine Hauptverhandlung erspart und dennoch zeigt, dass der Vorfall in dem Hotel nicht in Ordnung war“, sagte Weigend der Nachrichtenagentur dpa. „Die Verteidigung kann sich auf eine Geldstrafe einlassen oder auf einen Freispruch spekulieren.“

Der Franzose war gut vier Stunden nach dem Vorfall in der Erste-Klasse-Kabine seines Paris-Fluges festgenommen worden und sitzt seitdem in Haft. Die letzten Wochen durfte er allerdings – nach Hinterlegung einer Kaution von sechs Millionen Dollar und unter strengsten Auflagen – in einem großzügigen Stadthaus in Manhattan wohnen.

Verwandte und Freunde hatten das Zimmermädchen als bescheiden und hart arbeitend beschrieben. Strafrechtlich war sie ein unbeschriebenes Blatt. Laut „New York Times“ sagte die 32-Jährige, mit den Vorwürfen konfrontiert, die Einzahlungen seien ohne ihr Wissen gemacht worden. Sie wisse auch nichts über hohe monatliche Telefonrechnungen. Staatsanwalt Cyrus Vance habe dem Gericht am Donnerstag gesagt, er habe „große Probleme mit dem Fall“, berichtete die Zeitung weiter.

Strauss-Kahn hatte zunächst einige Tage auf der Gefängnisinsel Rikers Island in Einzelhaft gesessen, bevor er in den Hausarrest entlassen wurde. Er musste seine Reisepässe hinterlegen. Der 62-Jährige trägt eine elektronische Fußfessel und darf die Wohnung in Manhattan nur für Gericht, Gesundheit und Gebet verlassen. Kameras und bewaffnete Sicherheitsleute überwachen ihn. Dieses Arrangement koste den Franzosen 250 000 Dollar (172 000 Euro) im Monat, hieß es bei der „New York Times“.

 

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