Weltmeister im AZ-Interview Kohler: „Italien hat noch nie Catenaccio gespielt“

Jürgen Kohler im AZ-Interview. Foto: dpa

Im AZ-Interview erklärt Jürgen Kohler, warum er an einen deutschen Sieg im EM-Viertelfinale glaubt. Mit Italien-Coach Conte teilte er sich früher das Zimmer: „Er wollte immer Nationaltrainer werden."

 

München - Herr Kohler, die Italiener stellen die älteste Mannschaft der EM, doch gegen Spanien wirkten sie wie ein junges, hungriges Team, das unbedingt den Titel gewinnen will. Sind Sie überrascht vom Auftreten der „älteren Herren“?

JÜRGEN KOHLER: Nein, überrascht nicht. Italien war bisher durchweg gut bei diesem Turnier. Wenn sie erstmal in Führung gehen, ist es schwierig, das Spiel noch zu drehen. Wobei man gegen Spanien deutlich gemerkt hat, dass sie das hohe Tempo nicht über 90 Minuten halten können. Die zweite Halbzeit war nicht mehr so erquickend wie die erste.

Das Alter also doch als Chance für die deutsche Mannschaft am Samstag im Viertelfinale?

Ja, natürlich. Man muss aufpassen, dass man gegen die Italiener nicht in Rückstand gerät, weil sie gute Qualitäten im Konterspiel haben und nicht viele Chancen brauchen. Speziell in der Abwehr machen die Italiener kaum Fehler, weil sie eingespielt sind. Wenn man es mit hohen Bällen probiert, sind sie fast nicht zu schlagen. Wir müssen es mit flachen Pässen in die Schnittstellen probieren.

Joachim Löw hat gesagt, dass die beiden besten Mannschaften des Turniers aufeinandertreffen. Hat er recht?

Nein, das sehe ich nicht so. Die deutsche Mannschaft hat am Anfang des Turniers nicht so gut gespielt, gegen Nordirland und die Slowakei. Andere Teams wie die Franzosen oder die Portugiesen haben mich fußballerisch eher überzeugt.

Die Abwehrreihen der deutschen und italienischen Mannschaft waren bislang aber herausragend: Deutschland hat noch gar kein Gegentor kassiert, Italien nur eines. Sie als ehemaliger Weltklasseverteidiger: Wer hat denn nun die beste Defensive?

Deutschland hat insgesamt die bessere Mannschaft, das wird der Schlüssel sein. Wir sind einfach eine Turniermannschaft, das zeigen wir auch bei dieser EM. Wir sind auf den Punkt fit und können jeden Gegner schlagen. Gegen Italien haben wir noch nie gewonnen bei einem großen Turnier, es wird mal Zeit.

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Wäre es gegen Italien sinnvoll, Rechtsverteidiger Joshua Kimmich erneut den Vorzug vor Benedikt Höwedes zu geben?

Es kommt immer drauf an, ob man besser defensiv stehen will oder ob man mit dem Außenverteidiger angreift. Kimmich ist viel offensiver, hinten kann bei seiner Spielweise aber auch mal was passieren. Höwedes ist nicht unbedingt der Flankengott, dafür lässt er defensiv kaum etwas anbrennen. Ich glaube aber nicht, dass Jogi Löw seine Abwehr jetzt nochmal umstellt.

Es macht den Eindruck, als habe sich Italien unter Trainer Antonio Conte eine offensivere Spielweise verpasst. Hat der Catenaccio ausgedient?

Die Italiener haben nie Catenaccio gespielt, das ist eine Mär. Sie agieren halt schon immer sehr diszipliniert, sie halten die Positionen. Am Ende gibt es nur eine Wahrheit im Fußball: Und das sind Titel.

Sie haben selbst vier Jahre bei Juventus Turin gespielt, unter anderem mit Antonio Conte, dem heutigen Nationaltrainer. Hat Sie sein ausgelassener Jubel nach dem Sieg gegen Spanien überrascht oder ist er einfach so ein emotionaler Typ?

Ich kenne Antonio gut, wir haben uns sogar oft ein Zimmer geteilt. Er lebt den Fußball, Emotionen gehören zu einem Trainer dazu. Das war ja noch alles im Rahmen, er hat sich einfach unglaublich über die Tore gefreut. In Italien passiert das schon mal, dass sich ein Trainer so freut.

Was zeichnet Conte denn besonders aus?

Er ist mit seinen 46 Jahren noch jung, aber schon sehr erfahren. Erst Juventus, jetzt die Nationalmannschaft: Das ist ein toller Weg für einen so jungen Trainer. Antonio war schon als Spieler sehr zielstrebig und detailversessen. Er war ein Planer, der immer wusste, was er wollte. Er hat mir damals schon gesagt, dass er als Trainer in die Serie A will, dass er Nationaltrainer werden will. Und natürlich hatte er gute Lehrmeister wie Marcello Lippi und Giovanni Trapattoni.

Auf welchen italienischen Spieler muss Deutschland besonders aufpassen?

Graziano Pellè gefällt mir sehr gut. Eder kenne ich auch, der hat lange bei Nizza gespielt. Das sind zwei Stürmer, auf die man aufpassen muss.

Zum Abschluss Ihr Tipp: Bricht Deutschland am Samstag den Fluch und schlägt Italien endlich, zum ersten Mal, bei einem großen Turnier?

Ich gehe von nichts anderem aus. Wir gewinnen 2:0.

 

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