Weile Deutsche Heime zu teuer sind Opa wohnt jetzt in Ungarn

Jedes Gesicht hat seine Geschichte: Im Aufenthaltsraum des Budapester "Sonnenschein"-Heims hängen Profi-Porträts aller 210 Bewohner an der Wand. Foto: nk

Tausende Deutsche lassen sich im Ausland pflegen. Die AZ hat zwei von ihnen im Exil besucht: in Budapest und "Schatzmine".

München/Budapest - Friedrich Müller steht in Cordhose und Seefahrerpulli am Fenster, die Hände auf die Griffe seines Gehwagens gestützt. Draußen regnet es, doch das stört den stattlichen 85-Jährigen nicht. Er macht Kniebeugen. Hoch konzentriert. „Ich habe noch nie so viel Gymnastik gemacht wie hier“, sagt er. Dann lacht er wie ein Schulbub.

Hier, das ist ein ungarisches Dorf zwischen Budapest und Plattensee mit einem nahezu unaussprechlichen Namen, der auf Deutsch „Schatzmine“ bedeutet, weil in der Gegend einst Bauxit abgebaut wurde. Im ehemaligen Verwaltungsgebäude des Bergwerks haben zwei einheimische Ärzte eines der modernsten Pflegeheime des Landes aufgebaut.

Friedrich Müller ist einer der Bewohner – und damit einer von mehreren Tausend Deutschen, die laut Gesundheitsministerium im Ausland gepflegt werden: in Osteuropa, Spanien, Holland oder Thailand, wo ein Schweizer ein Demenzdorf für Westeuropäer errichtet hat.

"So ist das im Leben: Nichts ist sicher und bleibt.“

Auch der Senior aus Lübeck hat eine lange Reise hinter sich. „Ich war 53 Jahre verheiratet. Aber vor zehn Jahren ist meine Frau verstorben“, erzählt der frühere Fernsehtechniker und Bahn-Mitarbeiter. Sie hatte Lungenkrebs, er war bis zum Schluss an ihrer Seite. „So ist das im Leben: Nichts ist sicher und bleibt“, sagt er traurig. Nach ihrem Tod verkaufte Friedrich Müller das gemeinsame Haus. „Vom Erlös habe ich jedem meiner drei Söhne seinen Teil gegeben.“ Er selbst zog in eine Anlage für Betreutes Wohnen. „Das haute nicht hin.“ Mehr will er nicht sagen.

Ein zweiter Versuch schlug ebenfalls fehl: Nach einer Bypass-OP am Bein fühlte sich Friedrich Müller in der neuen Wohnanlage „medizinisch unterversorgt“. Er wünschte sich in ein Heim. „Damit ich ständig versorgt bin.“ Doch deutsche Heime sind teuer. „Und meine Söhne berufen sich darauf, dass sie nicht helfen können, weil sie selbst Familie haben.“ In Friedrich Müllers Stimme schwingt Bitterkeit. „In der letzten Generation war das noch selbstverständlich, dass Kinder für ihre Eltern aufgekommen sind.“

Die Familie hat eine Lösung gefunden: Im Heim von Eva Gombos und Peter Siraly zahlt der alte Herr 1300 Euro (in Deutschland müsste er im Schnitt 3000 aufbringen, je nach Region). Möglich sind solche Preise, weil eine ungarische Fachkraft mit 416 bis 480 Euro plus Zuschläge deutlich weniger verdient als ihre deutsche Kollegin. Trotzdem: Friedrich Müllers Einzelzimmer mit Bad ist blitzblank geputzt und gemütlich. An der einen Wand ist ein Flachbildfernseher befestigt, an die übrigen hat Friedrich Müller Landschaftsbilder gehängt: Toskana, Gardasee, Riviera. Auf dem Nachttisch steht ein Foto seiner Frau.

Fünf bis sechs Pflegerinnen kümmern sich laut Chefin Eva Gombos um die 20 Bewohner des Flügels, in dem Friedrich Müller lebt. Auch nachts. „Bei uns sind in der Regel zwei bis drei Kräfte für 20 bis 25 Patienten verantwortlich“, sagt der Münchner Pflege-Experte Claus Fussek. „Und nachts ist es vielleicht eine für 70.“

So weit, so gut. Allerdings, gibt Stephan Mayer von der Techniker Krankenkasse zu bedenken, dürfe die deutsche Pflegekasse gemäß EU-Gesetzgebung an Patienten im Ausland nur das Pflegegeld überweisen. In Friedrich Müllers Fall (Pflegestufe1) sind das 305 Euro. Auf die Sachleistungen (bei vollstationärer Pflege und Pflegestufe 3 immerhin 1918 Euro) müssen Versicherte im Exil verzichten.

Für Friedrich Müller hat sich die Emigration dennoch gelohnt, nicht nur finanziell: „Ich werde liebevoll versorgt, und mein Bein ist viel besser geworden.“ „Du machst ja auch viel Gymnastik“, lobt ihn Eva Gombos. Die Chefin spricht Deutsch, genau wie mehrere Pflegekräfte. In der Gegend leben zahlreiche Donauschwaben, die deutsche Sprache ist weit verbreitet. Und für den Notfall habe er ja immer noch das hier, sagt Friedrich Müller. Er angelt ein Wörterbuch aus dem Korb seines Rollators. „Darin zeig’ ich den Mädchen dann, welches Wort ich meine – das funktioniert!“

"Ja! Ich fühle mich wohl hier."

Der alte Herr ist blendend gelaunt. Es ist fast unmöglich, ihn angemessen zu fotografieren, weil er spitzbübisch Grimassen schneidet, sobald man die Kamera zückt. „Ja! Ich fühle mich wohl hier.“ Es kommt aus tiefstem Herzen. In Deutschland galt Müller als jähzornig und schwierig. „Wir haben keine Probleme mit ihm“, sagt Eva Gombos.

Zusammengebracht haben die beiden die Vermittler des Münchner „SBZ Senioren-Beratungszentrums“. „In Ungarn gibt es circa 1100 Heime. Davon haben wir 30ausgewählt, die wir unseren deutschen Kunden empfehlen können“, erklärt Geschäftsführer Attila Stadler(40). Alte Einrichtungen aus sozialistischer Zeit, in denen die Bewohner noch in Sechs- oder Acht-Bett-Zimmern gepflegt werden, seien von vornherein ausgeschieden. „Unsere Kriterien waren: deutschsprachige Pfleger und Ärzte, maximal Zwei-Bett-Zimmer, die Pflege muss deutschen Ansprüchen entsprechen, und das nächste Krankenhaus darf nicht mehr als zehn Kilometer entfernt sein.“

Ein Dutzend Senioren haben Attila Stadler und sein Partner seit Gründung der Vermittlungsagentur im Juli 2013 schon in ungarischen Heimen untergebracht, zwei weitere Umzüge stehen kurz bevor. Bisher gab es keine Klagen.

Ende Februar wird eine Münchnerin in einer von den Vermittlern ausgesuchten Seniorenresidenz probewohnen. Das Haus liegt in einem Vorort von Budapest und wirkt wie ein Luxushotel: Bibliothek, Bar, große Balkone, kunstvoll restaurierte alte Möbel. 900Euro kostet ein Zimmer hier pro Monat ohne Pflege, 1650 sind es bei Pflegestufe 3.

„Wir bekommen zwei Arten von Anfragen“, sagt Attila Stadler. „Da sind die aktiven Senioren, die ein Faible für Ungarn haben und dort in einer Residenz alt werden möchten. Menschen, die die ungarische Küche lieben, dort in Thermalbäder oder in die Oper gehen möchten. Gerne zu einem günstigen Preis.“ Bei der zweiten Gruppe stehe der finanzielle Aspekt im Vordergrund: „Viele befürchten zu Recht, dass es sie um Haus und Hof bringt, wenn sie Vater oder Mutter in ein deutsches Heim geben.“ Meist riefen Söhne und Töchter an, die für wenig Geld ein gutes Pflegeheim für ein Elternteil suchten.

"Ich weiß nicht, ob ich diese Zuwendung auch in Bayern bekomme."

Karl-Heinz Hofmann (68) hat sich selbst für Ungarn entschieden. Schon vor Jahren. 1991 ging der Bayer als Controller eines Versicherungsunternehmens nach Budapest. Als die Gesellschaft von der Konkurrenz übernommen wurde und er gehen musste, kaufte er sich von der Abfindung ein Haus im 18. Bezirk. „Wunderschön, mit netten Nachbarn“. Es sollte sein Altersruhesitz sein.

Ein Schlaganfall warf Karl-Heinz Hofmanns Zukunftspläne über den Haufen: Seit drei Jahren ist er halbseitig gelähmt und auf Hilfe angewiesen. Freunde empfahlen ihm, ins Budapester Pflegeheim „Sonnenschein“ zu ziehen. Das Haus wurde in den 80er Jahren gebaut. Mit den langen Gängen wirkt es zweckmäßiger als die anderen. Aber die Atmosphäre ist herzlich. Während Karl-Heinz Hofmann aus seinem Leben erzählt, streichelt ihm die stellvertretende Pflegeleiterin Giabi Uaguvölgyi fürsorglich die versehrte linke Hand. Auch ihre Mutter lebt in diesem Heim, auf der Station für Demente.

Karl-Heinz Hofmann hat keine Familie, aber einen Spezl, der in Bayern mehrere Anlagen für Betreutes Wohnen betreibt. Manchmal spielt der Exilant mit dem Gedanken daran, sein Budapester Häuschen zu verkaufen und zu ihm zu ziehen. Manchmal. „Denn eigentlich verspüre ich dazu im Moment kein großes Bedürfnis.“ Mit seiner gesunden Rechten drückt er die Hand der Pflegerin. „Ich weiß doch gar nicht, ob ich den tollen Service und die viele Zuwendung in Deutschland auch bekomme. Zu dem Preis (ab 1000 Euro, d. Red.) bestimmt nicht.“

 

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