Keine Elektriker in München Fachkräftemangel: Unternehmer sucht Kollegen im Flüchtlingsheim

Unternehmer Florian Sommer und sein Praktikant Jona Ezeanochie. Foto: Florian Zick

Florian Sommer würde seine Firma gerne vergrößern, doch Elektriker sind gerade schwer zu bekommen. Nun setzt der Unternehmer ganz auf Flüchtlinge.

 

Berg am Laim - Zwei Flüchtlingsheime gibt es in Berg am Laim. Nicht immer sind es die besten Nachrichten, die von dort an die Öffentlichkeit dringen. Aber Flüchtlingskrise? Da kann Florian Sommer eigentlich nur mit dem Kopf schütteln.

Sommer wohnt in unmittelbarer Nähe der beiden Flüchtlingsheime. In seiner Nachbarschaft sei er mitunter zwar der Einzige mit heller Haut, der abends noch auf der Straße ist. Aber was soll’s, sagt Sommer. Die Flüchtlinge seien schließlich auch eine riesige Chance – für uns, für München, für die gesamte deutsche Wirtschaft.

Sommer weiß das einzuschätzen. Er ist selbst Unternehmer, hat als Elektriker eine kleine Firma. Acht Leute sind bei seiner Etss GmbH derzeit beschäftigt. Die Auftragslage ist gut, der 34-Jährige würde gerne expandieren. Es gibt da nur ein Problem: Als Elektriker steht man oft mit dem Bohrmeißel auf staubigen Baustellen herum. Das ist ein Job, den in Deutschland offenbar niemand mehr machen will.

Sommer hat schon so einiges versucht, um an neue Leute zu kommen, aber der Arbeitsmarkt ist wie leer gefegt. Eigentlich kommt ein Elektriker-Betrieb heute nicht mehr darum herum, einen Headhunter zu engagieren, wenn er sein Personal aufstocken will. Auch Sommer selbst haben andere Firmen schon zwei Mal versucht abzuwerben. Aber so ein Headhunter verlangt für einen Auftrag um die 12 000 Euro. Das ist nichts, was sich Jungunternehmer Sommer leisten kann oder will.

An dieser Stelle kommen nun die Flüchtlinge ins Spiel. „Ich sehe da eine wirkliche Chance“, sagt Sommer. Denn im Bereich Gas, Wärme, Elektrik käme auf 50 offene Stellen mittlerweile nur noch ein Bewerber. Da müsse man kein Mathe-Genie sein, um zu sehen, dass dieses Verhältnis nicht mehr passt. Sommer hat deshalb beschlossen, sich gezielt bei den Flüchtlingen nach potenziellen Mitarbeitern umzusehen. Er macht das nicht selbst, das übernimmt die Vermittlungsagentur Tertia für ihn. „Ich habe denen gesagt, sie sollen alle schicken, die als Elektriker irgendwas können“, so Sommer.

All das erzählt der junge Unternehmer auf einer Baustelle in Neuhausen. Es ist einer der letzten wirklich kalten Frühjahrstage. Draußen stürmt und graupelt es, drinnen spritzt der Beton von den Wänden. Im Flur einer Wohnung im ersten Stock steht Jona Ezeanochie. Blaumann, eingestaubte Schuhe, in der Hand den so wenig geliebten Bohrmeißel. Vier unbesetzte Stellen gibt es bei Sommers Firma derzeit. Ezeanochie soll der erste Flüchtling sein, der bei Etss einen Vertrag unterschreibt.

Noch gibt es ein paar bürokratische Hürden zu nehmen. Ohne Papierkram geht in Deutschland eben nichts. Solange arbeitet Ezeanochie noch als Praktikant. Der Vertrag über eine Festanstellung liegt aber schon unterschriftsreif parat. Schon in den ersten Tagen hat sich die Zusammenarbeit bewährt. „Wenn jetzt noch drei wie er zur Tür reinkämen, ich würde die sofort einstellen“, sagt Sommer. Bei Flüchtlingen sehe man eben gleich: Nach all den Strapazen, die sie durchgemacht hätten, setzten sie nun alles daran, wieder ein geregeltes Leben führen zu können. „Da ist richtig Energie da“, sagt Sommer

Ezeanochie hat sich vor gut zwei Jahren auf den Weg nach Europa gemacht. Er ist aus Nigeria vor religiöser Verfolgung geflüchtet. Erst einen Monat zu Fuß durch die Sahara, dann vier Tage auf einem wackligen Boot über das Mittelmeer. Zusammen mit seiner Frau und seinem kleinen Kind lebt der 32-Jährige mittlerweile in der Truderinger Straße, in einem der eingangs erwähnten Flüchtlingsheime in Berg am Laim.

Es gibt also auch gute Nachrichten, die von dort nach außen dringen. Und ginge es nach Jungunternehmer Sommer, könnten es bald noch viele mehr werden. Es gibt nur eine Bedingung: Elektriker müssten die Leute in seinem Fall halt sein.

 

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