Wallfahrt, Walpurgis und Wettersegen Bayerische Bräuche: "Festhalten, was dahinter steckt"

Autorenprofil Ruth Schormann
Rottach-Egern: Mitglieder vom Wallberger Trachtenverein stellen einen Maibaum auf – eine der vielen bayerischen Traditionen. Foto: Sven Hoppe/dpa

Karl Baum (87) will den ursprünglichen Sinn von Festen und Traditionen ins Bewusstsein rücken – viele wüssten gar nicht mehr, warum man was feiert: "Die Oberbayern sind da schon ein bisserl oberflächlich", findet er.

München - Zu bedauern, dass viele Leute vielleicht gar nicht mehr wissen, warum im Dezember Weihnachten gefeiert wird, ist einfach. Dagegen etwas zu tun, indem man ein vergnügliches Buch über christliche, ländliche und weitere, liebgewonnene bayerische Traditionen, vom Biergartenbesuch bis zum Kirchweihfest schreibt, ist schon schwieriger. Der Schrobenhausener Karl Baum (87) hat es gemacht. Ein Gespräch mit der AZ:

AZ: Gehören bayerische Bräuche und Feste schon immer zu Ihrem Leben?
KARL BAUM: Ich bin damit in Schrobenhausen aufgewachsen, ja, ich habe Bräuche und Feste mitgelebt und erlebt. In der Schule hatte ich einen Heimatforscher als Lehrer. Damit war ich von Anfang an für solche Dinge etwas hellhöriger.

Wie kam es dann dazu, dass Sie darüber sogar ein Buch geschrieben haben – das jetzt schon in zweiter, überarbeiteter Auflage erschienen ist?
Nachdem immer weniger bekannt ist, was hinter diesen Bräuchen steckt, wollte ich das einmal für die Zukunft, für die Jungen, festhalten, damit es wieder verständlicher wird, was warum gefeiert wird.

Was ist für Sie das Schöne an der Brauchtumspflege?
Sie hat Vorteile, weil dadurch zum Beispiel die Familie öfter zusammenkommt, wenn man Bräuche für gemeinsame Feste verwendet. Auch wir pflegen die meisten Bräuche noch, da kommt dann auch meine Tochter aus Norddeutschland runter zu Weihnachten und zum Osterfest.

Baum: Früher war alles viel ruhiger

Bräuche entstehen, zumindest im religiös geprägten Altbayern, meist durch solche christlichen Einflüsse.
Neben der Kirche war es das Leben am Land, die Pflege der Erde, die Erntezeit, was prägte. Aber vieles, etwa die Hopfenzupfer, die es bei uns gab, gibt es natürlich nicht mehr.

Manches wird schon noch gefeiert, aber anders.
Heute ist alles zeitgemäß viel lauter, früher ist das viel ruhiger abgelaufen und war mehr auf die Familie abgestimmt, weniger auf die große Öffentlichkeit. Heute gibt es manche kirchliche Bräuche, wo Tausend Leute hinfahren und was aufziehen. Diese Dinge meine ich in meinem Buch nicht, ich will den eigentlichen Sinn ausgraben und weitergeben.

Damit Jugendliche wieder wissen, was es mit Dingen wie der Freinacht auf sich hat?
Die Jugend hat viele Bräuche zum Negativen verkehrt. Das, was früher in der Nacht auf den 1. Mai ablief, das hatte einen bestimmten Sinn, einen Anlass (siehe unten). Heute werden einfach von irgendwem irgendwelche Sachen kaputtgemacht. Bräuche hatten früher mehr Inhalt.

Sie beziehen sich in Ihrem Buch auf Altbayern. Unterscheiden sich die Regionen, was die Brauchtumspflege angeht?
Es gibt schon einen Unterschied. Die Oberbayern sind schon ein bisserl oberflächlicher. In Niederbayern sind die Bräuche in manchen Gegenden noch etwas tiefer verankert, nach meinem Eindruck. Und die Schwaben sind ein bisserl extrig. Beispielsweise um Nikolaus rum, die Rumpelklosa im Allgäu, die sind da schon etwas grober.

Karl Baums "Hausbuch der bayerischen Bräuche und Feste" (176 Seiten; 18 €) ist im Volk-Verlag erschienen.


Bayerische Bräuche im Jahreslauf

Im Winter: Eisstockschießen, Sebastianstag und der "Kalte Paul"

Die Sternsinger, die um den 6. Januar durch Dörfer und Städte ziehen, kennt jeder, doch es gibt im Januar viel mehr Feiertage, wie Karl Baum in seinem Buch erklärt. Und freilich gibt es auch winterliche Bräuche, die seit jeher das Bild Bayerns prägen.

Zehn Tage nach dem Dreikönigstag feiern Bauern den "Kalten Paul". Nach der Regel "Pauli Bekehr – halb Winter hin, halb Winter her" wurde der Tag auf den Höfen dafür verwendet, im Stadl zu "schaatzen", also zu schätzen, wie man mit den Futtervorräten die zweite Winterhälfte überstehen könne.

Für Schützenvereine ist der Sebastianstag laut Baum immer noch ein fester Termin im Jahreskalender. Christen feiern den Namenstag des Märtyrers am 20. Januar. Als zentraler Ort der Verehrung gilt Ebersberg. Dort findet sich im Kapellenraum über der Sakristei eine Reliquie, ein Teil des Schädels des Heiligen Sebastian.

Von Sebastian zurück zum Stefanitag: Am 26. Dezember beginnt meist, zumindest früher, als Seen und Weiher noch ordentlich zugefroren waren, die Eisstock-Saison. Hohes Ansehen, so schreibt Baum, habe die vermutlich älteste Wintersportart Mitteleuropas Anfang des 20. Jahrhunderts erlangt, als sogar Prinzregent Luitpold von Bayern den Eisstock schwang. Dabei wird versucht, der Daubn, einem Holzwürfel, möglichst näher als das gegnerische Team zu kommen.

Im Frühling: Osterlachen, die Nacht zum 1. Mai und Eisheilige

Nach der Karwoche (Kar bedeutet Trauer, Kummer) folgt im christlichen Glauben die Freude über Jesu Auferstehung. Dazu gehörte auch in Bayern der alte Brauch des Osterlachens in der Kirche, schreibt Baum. "Beim Ostergelächter sollte in erster Linie über den Tod gelacht werden", deswegen erzählte der Pfarrer nach der Ostermontags-Messe einen Witz – mancherorts, etwa im Allgäu, tue er das heute noch.

Weniger lustig ist heute vielerorts die Nacht zum 1. Mai, die Freinacht oder Walpurgisnacht genannt wird. Der Name kommt davon, dass früher der Aberglaube bestand, in dieser Nacht treiben Hexen ihr Unwesen. Mit Feuern sollten sie vertrieben werden. Baum schreibt, in der Nacht auf 1. Mai habe man früher die sogenannte "Straah" bei heimlichen Paaren gemacht. Das heißt, man zog eine Linie vom Haus des einen zum anderen. Mit allerlei Streichen sollte moralisches Fehlverhalten angeprangert werden – heute wird, so beklagt es Baum, zu oft willkürlicher Schabernack getrieben, der mit den Opfern meist nichts mehr zu tun hat.

Als Trennlinie zwischen Winterfrost und dem Frühling gelten laut Baum bereits seit dem 15. Jahrhundert die Eisheiligen, die vom 12. bis 15. Mai Namenstag feiern. Bringen Sie alle Namen zusammen? Pankratius, Servatius, Bonifatius – und natürlich die Kalte Sofie. Gartler wissen: Wer vorher schon im Freien anpflanzt, tut Blumen und Saat keinen Gefallen.

Im Sommer: Biergarten, Wetterhilfe und wo der Bartl den Most holt

Warum sind Biergärten ausgerechnet in Bayern so populär? Baum schreibt: Nach der bayerischen Brauordnung durfte zwischen Georgi und Michaeli, also von 23. April bis 29. September, kein Bier gebraut werden – man musste einen Vorrat anlegen, der in tiefen Kellern kühl gehalten wurde. Deswegen pflanzten die Wirte über den Eingängen Kastanien, sie haben flache Wurzeln und spenden Schatten. Der Biergarten war geboren.

Neben dem Biergartenbesuch gehören Sommergewitter freilich zur heißen Jahreszeit. In Bayern gibt es allerlei Bräuche, um sich vor Wetter-Unheil zu schützen, etwa die schwarzen Wetterkerzen, die bei Gewitter zum Gebet angezündet werden sollen. Sie werden heute noch in Altötting verkauft. Auch der Gockel auf dem Dach soll das Haus schützen, ebenso gesegnete Kräuterbuschen oder Palmzweige hinter dem Kreuz in der Stube.

Am 24. August feiert der Schutzpatron der Fischer und Schäfer, der Heilige Bartholomäus, Namenstag. In Oberstimm (Landkreis Pfaffenhofen an der Ilm) findet zu dem Anlass jährlich eines der ältesten Volksfeste, der Barthelmarkt, statt. Früher mussten Wirte, so schreibt Baum, am Bartheltag ihren Gästen frischen Most anbieten. Gab es keinen, verlor er das Schankrecht. Daher kommt der bayerische Spruch: "Dem zoang ma, wo der Bartl an Most holt."

Im Herbst: Kirchweih, Marterl am Wegesrand und Leonhardi-Ritt

Seit dem Jahr 779 ist der Brauch der Kirda, also der Kirchweihfeste, in Bayern nachweisbar, schreibt Baum. Ursprünglich wurde an dem Tag die Einweihung der Pfarrkirche gefeiert, heute sind es eher Volksfeste, an denen in Altbayern gerne Schmalzgebäck verzehrt wird: "Vegal", "Kirdanudeln" oder die übers Knie gezogenen "Auszogna" gehören dazu. Der Tipp des Buchautors: Ein wenig abgelegt, hat sich der Geschmack der "Kiachl" meist noch verbessert. Daher wurden sie früher wohl schon in der Vorwoche des Festes zubereitet.

Wer sich mit Schmalzgebäck nährt, dem schadet im goldenen Oktober ein Herbstspaziergang nicht. In Bayern entdeckt man dabei immer wieder Flurdenkmäler: Kreuze, Marienkapellen oder Marterl. Das sind kleine Holztafeln oder Bilder, die an Unglücksfälle oder Verbrechen erinnern. Eine Spezialform sind sogenannte Totenbretter, auf denen Name, Geburts- und Sterbedatum sowie Gedenksprüche an Verstorbene eingraviert wurden. Der Brauch stamme noch aus der Zeit, als Leichen nicht in Särge gebettet wurden, sondern auf Totenbretter.

Fröhlicher geht es beim Gedenken an den Heiligen Leonhard zu. Er ist Vieh- und Pferdepatron und daher höchst angesehen im landwirtschaftlich geprägten Bayern. Am ersten Sonntag im November finden die traditionellen Ritte zu seiner Ehre statt. Laut Baum gibt es allein im Erzbistum München-Freising etwa 50 davon.

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